Drive Angry | Filmkritik: Ride or Die

26. Februar 2011

Drive Angry

Wie breit das Spektrum der Verwendung von 3D im Kino mittlerweile geworden ist, lässt sich am besten einschätzen, wenn man direkte Vergleiche zieht. Völlig zufällig etwa starten in Deutschland mit „Pina“ und „Drive Angry“ zum gleichen Zeitpunkt zwei Beispiele, die kaum weiter voneinander entfernt sein könnten. Denn während Wim Wenders einen eindrucksvollen Beweis dafür liefert, welche ungeahnten Möglichkeiten die Technik dem Arthouse-Film eröffnen kann, wird sie von Patrick Lussier und Todd Farmer in bester Exploitation-Tradition durch und durch ausgebeutet. Dass die Schnittmenge des Publikums beider Filme da gegen Null tendiert, muss niemanden wundern. Im Sinne des Mediums selber ist das allerdings eher gut.

Wer ein Gefühl dafür bekommen will, wie grundlegend das amerikanische Kino von seinen Ikonen beeinflusst ist, ohne sich dessen überhaupt bewusst sein zu müssen, sollte diese wilde B-Film-Fantasie um Satanssekten, Höllenhunde, blanke Brüste und schnelle Autos einmal vor dem Hintergrund von John Fords „The Searchers“ betrachten. Überhaupt ist Ethan Edwards, der rassistische Kriegsheimkehrer mit dunkler Vergangenheit, bekanntlich das Urbild all jener fragwürdigen Heldenfiguren, mit denen sich Grindhouse- und Exploitation-Macher schon immer gerne vom Mainstream abgesetzt haben. Für die postmodernen Scorsese-Epigonen gehört dieser Protagonisten-Typus heute zum kanonischen Inventar, mit dem sich ausgiebig politisch inkorrekt sein lässt, ohne notwendig Stellung beziehen zu müssen. Derart selbstgefällige intellektuelle Spielereien sind den Machern von „Drive Angry“ jedoch fremd, und das macht ihren Film zu einem besseren als es mancher Kritiker seinem Publikum gerne glauben machen will. In jedem Fall gilt: Todd Farmer und Patrick Lussier geht es ausschließlich um den Jahrmarkt-Effekt zwischen Achter- und Geisterbahn. Konsequenterweise kommt ihre Hauptfigur deshalb auch direkt aus der Hölle.

Das behält Milton (nomen est omen) aber erst einmal für sich. Sektenführer Jonah King (Billy Burke kurz vorm Abheben) hat seine Tochter getötet und deren Baby entführt, um es dem Leibhaftigen zu opfern. Und weil man im Fegefeuer alles mitbekommt, was den Seinen im Diesseits widerfährt, bricht Milton (wie auch immer) aus der Unterwelt aus und kehrt ins Leben zurück, um das Schlimmste zu verhindern. Gut bewaffnet geht er auf die Jagd, rettet noch schnell die schlagfeste Kellnerin Piper (Amber Heard) vor ihrem brutalen Verlobten Frank (Autor Todd Farmer himself), macht sie mehr oder weniger freiwillig zu seiner Begleiterin und fährt auf seinem Rache- und Rettungsfeldzug alles zu Schrott, was ein Gaspedal hat. Doch zugleich ist er auch selber Gejagter: Immer dicht auf den Fersen bleibt ihm der „Buchmacher“ (William Fichtner), ein namenloser Bestandsverwalter aus der Hölle, dessen Aufgabe es ist, ihn dorthin zurückzuholen, wo er eben hingehört. Stoff genug also für jede Menge Schweiß, Blut und Benzin.

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Dass die Geschichte unter die Kategorie „höherer Blödsinn“ fällt – geschenkt. Wüsste man es nicht besser, würde man glauben, sie entstamme einem Comic oder einem Videospiel. Doch dem ist nicht so, auch wenn Handlungsführung, Charakterzeichnung, Ausstattung, Farbegebung und Inszenierung unübersehbar dort entliehen sind. Wie bewusst das geschehen ist, sei einmal dahingestellt. Offenbar haben Farmer und Lussier aber ganz gut begriffen, wie diese beiden Medien funktionieren, und wie deren Kinoversionen heute auszusehen haben. Wo David Finchers „Curious Case of Benjamin Button“ verdächtig nach der Verfilmung eines klassischen Entwicklungsromans aussieht, ohne es zu sein, ist „Drive Angry“ eben eine Comic-Adaption, der die zugehörige Vorlage fehlt.

Aber zugleich hat man es hier aber auch mit Mitternachtskino in Reinkultur zu tun, und das ist viel überraschender, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn was man dem Film in modischer Nachplapperei gerne ankreiden mag, ist gerade seine zentrale Stärke: das Fehlen ironischer Distanz. Wo die einschlägigen Pseudo-B-Movies aus der Tarantino/Rodriguez-Schmiede ihren Vorbildern eine filmhistorische Matrix überstülpen und so eine Meta-Ebene einrichten, mit der sich Schrott als Kunst feiern lässt, will „Drive Angry“ nichts anderes sein als lupenreiner Exploitation-Nonsens. Dass die Macher damit viel direkter und unverstellter zum Kern des Genres vordringen als irgendeiner jener mühevoll arrangierten Hommage-Filme aus den 90er und 2000er Jahren, ist im Grunde verblüffend.

Stellt man etwa die Anstrengung, die es Robert Rodriguez in „Machete“ kostet, eine simple Rachegeschichte um eine politische Dimension zu erweitern und zugleich die ironisierende Distanz zu wahren, jener sorgenfreien Gelassenheit entgegen, mit der Farmer und Lussier ihren Film vor sich her treiben, so lässt sich im direkten Vergleich anschaulich lernen, wie man eine Geschichte wahlweise ausbremst oder beständig in Gang hält. Wo „Machete“ bisweilen nur schwerfällig vorwärts kommt und dabei die Physis von Hauptdarsteller Danny Trejo imitiert, erweist sich „Drive Angry“ als so windschnittig wie die fahrbaren Untersätze, die den Titel rechtfertigen. Dass dabei die Figuren nicht zu bloßen Blaupausen geraten, ist ein willkommener Zusatzeffekt und ebenfalls dem Verzicht auf den Blick von außen geschuldet, der aller emotionalen Einbindung des Zuschauers sonst grundsätzlich im Weg steht.

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Nicolas Cage gewinnt seiner Rolle soviel kaputte Coolness ab wie vielleicht seit „Wild at Heart“ nicht mehr, und trotzdem bleibt noch genug Brüchigkeit übrig, um den Höllenflüchtling Milton mehr zu mögen als jeden einzelnen pointiert skandierenden Badass aus dem gesamten Tarantino-Universum. Amber Heards Figur ist ein ebenbürtiger Partner und weit davon entfernt, bloß als schmückendes Beiwerk durchzugehen. Auch hier bietet sich der Vergleich mit Rodriguez an, denn wo dessen Frauenfiguren ihre Toughness zwar als Etikett umgehängt bekommen, jedoch nur sehr eingeschränkt beweisen müssen (können), ist Heards Piper schlichtweg gezwungen, sich permanent zur Wehr zu setzen – und das macht sie zur bemerkenswerten Identifikationsfigur. Härter hat man eine Frau im Kino jedenfalls selten zuschlagen sehen.

Mit William Fichtner haben sich Farmer und Lussier allerdings den größten Gefallen getan, denn sein Buchhalter aus dem Fegefeuer bleibt auch dann noch in Erinnerung, wenn vieles andere in diesem Film längst wieder verblasst ist. Irgendwo zwischen Hugo Weavings Agent Smith aus der „Matrix“-Trilogie, Robert Patricks T-1000 aus „Terminator 2“ und Goethes Mephisto pendelnd, ist seine Figur vor allem eines: höchst charismatisch. Und welcher Schreibtischtäter kann das schon von sich behaupten?

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„Drive Angry“ ist nichts für Zartbesaitete. Die Gewalt ist drastisch, und manche Sadismen haben durchaus einen verstörenden Anteil. So aber funktioniert echtes Exploitation-Kino nun einmal, und demnach wäre jeder Verzicht ein Verlust. Seine 3D-Effekte behandelt der Film erwartungsgemäß so plakativ wie eben möglich, und da der Film nicht den Fehler macht, allzu oft mit unzureichenden Lichtverhältnissen zu operieren, hält sich die Abdunklung, mit dem die Technik grudsätzlich zu kämpfen hat, im Rahmen. Ein dynamischer, äußerst gitarrenlastiger Soundtrack von Michael Wandmacher, der sich nahtlos in die zahlreich eingebauten Rocksongs einfügt, trägt das Seine zum Spektakel bei und geht dankenswerter Weise auch nie im Chaos der Soundeffekte unter.

Wem das alles zuviel des Guten ist, sollte sich lieber fern halten. Todd Farmer selber formuliert es so: „Drive Angry isn’t a remake or sequel. Isn’t based on a book, video game or toy. It’s an original movie designed to punch you in the mouth.” Dem ist nichts hinzuzufügen. [LZ]

OT: Drive Angry (USA 2011). REGIE: Patrick Lussier. BUCH: Patrick Lussier, Todd Farmer. KAMERA: Brian Pearson. MUSIK: Michael Wandmacher. DARSTELLER: Nicolas Cage, Amber Heard, William Fichtner, Billy Burke, David Morse, Todd Farmer, Charlotte Ross, Christa Campbell. LAUFZEIT: 104 Minuten.

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[Abbildungen © Warner Bros. Entertainment. All Rights Reserved.]

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