DRECKSAU – Eine romantische Liebesgeschichte: Filmemacher Jon S. Baird im Interview

17. Oktober 2013

Filth

Wann immer ein Roman als unverfilmbar gilt, hält sich diese arg rigoristische Auffassung glücklicherweise immer nur so lange aufrecht, bis jemand daherkommt, der aktiv das Gegenteil beweist. Die Liste ist endlos und umfasst illustre Beispiele wie „Catch 22“, „Requiem for a Dream“ oder „Trainspotting“ nach Irvine Welsh. Mit „Filth (dt. Decksau)“ hat sich der schottische Filmemacher Jon S. Baird jetzt ebenfalls an eine Vorlage von Schottlands einzig wahrem Post-Modernisten herangetraut und den Kanon der vermeintlich unverfilmbaren Titel erfolgreich um ein weiteres Beispiel reduziert. Mit uns sprach Baird über die speziellen Herausforderungen der Verfilmung, Hauptdarsteller James McAvoy, 99 Lufballons und die hohe Qualität deutschen Fußballs.

screen/read: Als ich zum ersten Mal davon erfuhr, dass es eine Adaption von “Drecksau” geben würde, hielt ich das für ein ziemlich fragwürdiges Unterfangen. Hast Du beim Lesen des Romans direkt eine Verfilmung im Kopf gehabt, oder kam Dir der Gedanke erst nach und nach?

Jon S. Baird: Ich habe das Buch zum ersten Mal 1998 gelesen, als es herauskam, und damals war ich noch gar nicht im Filmbusiness. Ich kam gerade von der Uni und in diesem Umfeld zu arbeiten schien mir damals eher wie ein unerreichbarer Traum. Ich las das Buch also überhaupt nicht vor so einem Hintergrund. Das änderte sich erst 10 Jahre später, als ich es schon drei oder viermal durchgegangen war und durch einen Freund auf Irvine traf. Da wurde es auf einmal zu einer realistischen Möglichkeit. Dann allerdings sagte ich mir, dass ich einfach alles geben musste, denn es war einfach eines meiner absoluten Lieblingsbücher.

screen/read: Das heißt aber auch, dass Du in gewissem Sinne mit “Trainspotting” aufgewachsen bist, dem Film also, der bislang als archetypische Welsh-Verfilmung gilt. Hat das Einfluss darauf genommen, wie Du “Drecksau” angegangen bist?

Jon S. Baird: Ich habe versucht, mir “Trainspotting” aus dem Kopf zu halten. Natürlich liebe ich den Film, aber “Drecksau” war mein erstes Welsh-Buch und deshalb auch meine ganz persönliche Irvine-Geschichte. Ich denke, dass ich mich einfach auf meine eigene Herangehensweise konzentrieren und deshalb alle mögliche Ablenkung außen vor lassen wollte. Ich habe versucht, alles für “Drecksau” zu geben und jegliche Einflüsse zu ignorieren.

screen/read: Konntest Du zu Bruce direkt eine Verbindung aufbauen? Es ist ja nicht ganz so leicht, sich mit einer solchen Figur zu identifizieren.

Jon S. Baird: Das ist eine ziemlich gute Frage. Ich würde sagen, dass die Art und Weise, wie der Film bisher angenommen wird, zeigt, dass jeder einen Bezug zur Geschichte herstellen kann. Für mich geht es dabei um verlorene Liebe, es ist eine romantische Liebesgeschichte und es dreht dich darum, dass da jemand ganz schön in die falsche Richtung abgedriftet ist. Das ist uns allen schon einmal irgendwann passiert und deshalb kann da jeder einen Bezug herstellen.. Als ich “Drecksau” das erste Mal las, befand ich mich in einer ziemlich finsteren Phase meines Lebens. Die Dinge liefen für mich irgendwie falsch. Zum Glück hatte ich das also gerade im Hinterkopf, als ich Bruce zum ersten Mal begegnete. Ich konnte mich zwar vielleicht nicht direkt mit ihm identifizieren, wohl aber mit einigen Elementen seiner Geschichte. Ich glaube, als Irvine das Buch schrieb, war er auf eine seltsame Weise irgendwie zu dieser Figur geworden, und so mussten wir im Film einige Dinge einfach ändern, denn egal, welches Material man gerade bearbeitet, man muss doch immer einen eigenen Bezug dazu entwickeln. Ganz sicher will niemand so wie Bruce werden, aber man muss in der Lage sein, ihn zu verstehen. Ich denke, das ist der Schlüssel.

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screen/read: War es schwierig, die Figur loszulassen und einem Schauspieler zu übergeben oder sich überhaupt einen passenden Darsteller vorzustellen?

Jon S. Baird: Ja, das war schon die entscheidende Frage. Als wir uns für James McAvoy entschieden hatten, änderte das alles. Wir arbeiteten eng miteinander und mit den anderen Schauspielern, da war also viel Vertrauen und Sicherheit mit drin. Bruce zu finden, war allerdings ziemlich schwierig, denn ich wollte, dass er Schotte war und einen authentischen Eindruck hinterließ, und dann ist man auch noch dadurch eingeschränkt, wer für die Geldgeber als Zugpferd funktioniert und gleichzeitig dem Film gerecht wird. Das war also eine knifflige Angelegenheit. Aber irgendwie war es so, als würden wir den Staffelstab weiterreichen. Erst musste Irvine jemanden finden, dem er die Verfilmung anvertrauen konnte, dann war es an mir, einen passenden Darsteller aufzutreiben, und schließlich mussten James und ich dem Studio vertrauen, dass unser Film in unserem Sinne vertrieben und verkauft würde.

screen/read: Was hat Dich davon überzeugt, dass James McAvoy die richtige Wahl für die Rolle war?

Jon S. Baird: Offen gesagt, hatten wir bei unserem ersten Treffen mit ihm etwas ganz anderes erwartet. Wir stellten uns den charmanten Mittelklasse-Typus vor, den er zuvor immer wieder gespielt hatte. Über seine Herkunft wusste ich praktisch nichts. Als wir uns dann aber unterhielten, war mir schnell klar, dass er die Figur von Grund auf begriffen hatte. Ich erfuhr von den harten Bedingungen, unter denen er aufgewachsen war und dass er einen guten Einblick in psychische Erkrankungen hatte. Wir trafen ihn, glaube ich, um zehn Uhr morgens und um 2 Uhr nachmittags hatten wir ihm die Rolle bereits angeboten.

screen/read: Was würdest Du sagen war die größte Herausforderung bei der Verfilmung des Buches?

Jon S. Baird: Die Balance hinzubekommen, würde ich sagen, denn da ist eine Menge am Start. Irvine ist so ein außergewöhnlicher Autor, er liefert einem außergewöhnliche Figuren und Dialoge. Was er nicht immer liefert, ist eine klare Erzählstruktur. Und ich denke, das war die größte Herausforderung, also einen roten Faden zu finden, der die ganze Sache am Laufen hält. Außerdem mussten wir herausfinden, wie wir mit dem Bandwurm umzugehen hatten, der ein ganz wichtiger Teil des Buches ist. Das waren die beiden großen Herausforderungen bei der Verfilmung. Die Finanzierung war allerdings ebenfalls eine riesige Herausforderung. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

screen/read: Es ist am Ende ja unter anderem eine Deutsch-Britische Co-Produktion geworden. War das der Grund dafür, einige Sequenzen in Hamburg zu drehen?

Jon S. Baird: Oh, das war ausschließlich der Grund, denn wenn wir Geld aus einem Land bekommen, drehen wir dort natürlich auch. Wir hatten außerdem Geld aus Schweden und Belgien und sind deshalb auch dorthin gereist. Wir dachten uns, dass wir Deutschland für den Teil geeignet wäre, der im Buch in Amsterdam spielt. Die Reeperbahn und das Hamburger Rotlichtviertel schien uns als ideal. Und obwohl es zunächst ja keine künstlerische Entscheidung war, ist Hamburg im Nachhinein vielleicht sogar die bessere Wahl gewesen, denn für eine Sequenz wie diese hat Amsterdam schon etwas Klischeehaftes an sich. Ich war aber auch sehr von der deutschen Crew beeindruckt, die wir hatten. Alle waren sehr gründlich und hilfsbereit. Sie haben verstanden, worum es in unserem Film geht, und es war fantastisch, wie sie uns unterstützt haben. Mir hat aber auch der großartige Humor gefallen, der ihnen bei der gängigen Rivalität mit den Engländern gerne abgesprochen wird.

screen/read: Ich glaube, die Hauptrivalität zwischen Deutschland und England spielt sich beim Fußball ab.

Jon S. Baird: Eher nicht, denn da sind die Deutschen zehnmal so gut wie die Engländer. Da lässt sich kaum von Rivalität sprechen.

screen/read: Das lässt Du die Engländer aber besser nicht hören.

Jon S. Baird: Werde ich nicht. Schottland ist so schlecht im Fußball, dass die sowieso nur über mich lachen würden, wenn ich das behaupte [lacht].

Filth

screen/read: Der ganze Hamburg-Teil ist möglicherweise der lustigste im ganzen Film. Es war einfach großartig zu sehen, wie James und Eddie (Marsan) in der “Ritze” absteigen, die hier sehr populär ist.

Jon S. Baird: Ja, das ist eine große Kneipe, in der sich die Leute vor dem Fußball treffen, oder?

screen/read: Naja, in gewissem Sinne.

Jon S. Baird: Wir verwenden auch “99 Luftballons” von Nena und wollten auch die deutsche Version dabei haben, weil es die Sache authentischer machte. Diesen Teil des Films haben wir also wirklich sehr gemocht.

screen/read: Da wüsste ich gerne, was Nena davon hält.

Jon S. Baird: Ich hoffe, sie kommt zur Premiere und spielt den Song live. Das wäre eine große Sache [lacht].

screen/read: Soweit ich das beurteilen kann, ist Irvine ein großer Fan des Films. Hast Du mit ihm an irgendeiner Stelle zusammen gearbeitet oder bekam er den Film erst am Ende zu sehen?

Jon S. Baird: Er gab mir den Roman in die Hand und ich habe ihm das Drehbuch erst gezeigt, als es fertig war. Es hat ihm gut gefallen, also hat er uns erlaubt, seinen Namen zu verwenden und war allzeit hilfsbereit. An einem Tag kam er für einen kurzen Cameo-Auftritt zum Set, doch leider mussten wir seine Szene herausschneiden, weil sie einfach nicht funktionierte. Aber unabhängig davon hat er den Film nicht gesehen, bevor er fertig war, also auch keinen Rohschnitt oder ähnliches. Ich fand, das war ein ziemliches Risiko, aber genauso wollte er das haben und ich auch. Dankenswerter Weise mochte er unseren Film dann aber.

screen/read: Lass uns abschließend noch ein bisschen darüber sprechen, wie Du generell zum Filmemachen gekommen bist.

Jon S. Baird: Ich habe als Laufbursche bei der BBC angefangen, wo ich den Leuten Tee aufgerschüttet und sie gefahren habe. Von dort aus bin ich die Leiter langsam hochgeklettert. Ich kam in die Comedy-Abteilung und arbeitete dort als Nachwuchs-Regisseur. Dann habe ich einen Kurzfilm gemacht, den die deutsche Regisseurin Lexi Alexander gesehen hat, die mich dann als Associate Producer für ihren Film „Hooligans“ haben wollte. 2008 drehte ich dann schließlich meinen ersten Spielfilm. Ich arbeite also seit 1998 im Filmbusiness. Ein ganz schön langer Weg bis hierher.

screen/read: Hast Du schon neue Projekte in Arbeit?

Jon S. Baird: Ja, ich schreibe momentan an zwei Drehbüchern, kann aber noch nicht sagen, worum genau es geht. Eins davon ist eine Komödie, die auf einem Roman beruht. Mal sehen, was als erstes in Produktion geht.

[Unser Dank geht an Jon S. Baird, der trotz eines übervollen Terminkalenders gerne bereit war, sich die Zeit für uns zu nehmen, sowie an Aimee Hall von Freuds, die dieses Gespräch ermöglicht hat, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.]

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[Abbildungen: Screencapture (Jon S. Baird) / Ascot Elite (Filmbilder)]

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