DJANGO UNCHAINED | Filmkritik

18. Januar 2013

Django Unchained

Auf der Berliner Pressekonferenz sprach Quentin Tarantino doch allen Ernstes von einem zweifachen amerikanischen Holocaust. Der eine, das sei die Vertreibung der Ureinwohner gewesen (der Filmemacher hat selber Cherokee-Blut in den Adern), der andere die Sklaverei. Das ist ebenso starker Tobak wie blanker Nonsens, doch schließlich spricht hier nicht irgendwer. Gewohnt, in fremdem Revier zu wildern und sich seinen eigenen Reim auf das zu machen, was ihm dort vor die Flinte läuft, gilt für den Meister von Pop-Postmoderne und Exploitation eben gerade das als Holocaust, was er Holocaust nennt. Punkt. Darüber könnte man sich aufregen, ist aber besser beraten, es zu lassen. Ähnlich hätten es jene Kritiker, Bürgerrechtler, Interessensgruppen und sonstigen pathologischen Zwangsverteidiger des farbigen Amerika halten sollen, die in Tarantinos wildem Zitationswestern den Respekt vor einem dunklen Kapitel US-Geschichte zu vermissen glaubten. Hier ist die entspannte Sichtweise ganz sicher die gesündere.

Denn im Gegensatz zu dem, was der Autor und Regisseur inzwischen selber gerne glauben würde – dass es nämlich seine Leistung gewesen sei, die Diskussion um das Thema Sklaverei in den USA erst angestoßen zu haben – ist „Django Unchained“ vor allem ein typisches Tarantino-Kinomärchen, das (wie alle Märchen) mit einer simplen Moral operiert und allen Widersprüchen seiner Figuren zum Trotz immer auf der richtigen Seite steht. Sklaverei ist böse, Judenhatz ist böse, Auftragskiller werden auf der Toilette erschossen, Gangsterbosse anal vergewaltigt, Hans Landa bekommt ein Hakenkreuz auf die Stirn etc. Tarantinos kindliche Vergeltungsethik bezieht allzeit klar Position und bedarf alleine schon ihrer hemmungslosen Naivität wegen nie einer weiteren Erläuterung (oder gar Verteidigung).

Django Unchained

Zwei Jahre vor dem amerikanischen Bürgerkrieg spielt die Geschichte um den Sklaven Django, der zwar Namensgeber des Films sein mag, doch in Wahrheit von der ersten bis zur letzten Minute eine farblose Nebenfigur bleibt (bitte nicht am Adjektiv stören, liebe Bürgerrechtler). Ein deutscher Kopfgeldjäger (aus Düsseldorf!) nimmt sich des wortkargen Leibeigenen an, in der Hoffnung, mit seiner Hilfe drei hoch dotierte Halunken zur Strecke bringen zu können. Doch Django erweist sich rasch als Naturtalent an der Feuerwaffe, und so bietet ihm der ehemalige Zahnarzt eine Partnerschaft als Kopfgeldjäger an und verspricht ihm im Gegenzug, bei der Befreiung seiner Ehefrau Broomhilda (mit deutschen Vorfahren!) aus den Händen des brutalen Sklavenhalters Calvin Candie (der aussieht wie Leonardo DiCaprio) zu helfen. Fortan pflastern Leichen ihren Weg und am Ende heißt es zurecht: Gott vergibt, Django nie.

Würde man behaupten, Tarantino nutze die Sklaverei als McGuffin, würde man den Kritikern zwar Öl ins Feuer gießen, doch im Wesentlichen ist das so. Manches entnimmt er den Geschichtsbüchern, manches ist schlicht erfunden – wenn auch so gut daher fantasiert, dass man es für wahr halten könnte (allem voran die grausamen, gladiatorenartigen „Mandingo“-Kämpfe, von denen Historiker noch nie etwas gehört haben). Doch im Gegensatz zu „Inglourious Basterds“ dringt die Geschichte diesmal wenigstens einigermaßen dorthin vor, wo Opfer und Täter direkt aufeinander treffen. Calvin Candies „Candyland“ (genau, the Candyman can), Arbeitslager und Gefängnis zugleich, ist Spielstätte des blutgetränkten Finales.

Doch von vorn: Bevor die Figuren die Reise ins Herz der Finsternis antreten, erweist dich „Django Unchained“ vor allem als Komödie, und das muss angesichts des Themas am meisten überraschen. Erneut eröffnet Christoph Waltz den Film, doch hätte sein Auftritt kaum spiegelverkehrter zum furiosen Opening der „Basterds“ ausfallen können. Wo Hans Landa versteckte Juden aufspürt und erschießen lässt, erweist sich der Düsseldorfer Zahnarzt Schultz als Sklavenbefreier – wenn auch aus reinem Eigennutz. Erneut spielt seine Sprache eine entscheidende Rolle („Speak English“ fordern die Sklavenhändler ihn angesichts komplexen Satzbaus und gebildeter Wortwahl auf), erneut sprechen am Schluss die Waffen, erneut endet die Sequenz mit der Flucht eines Verfolgten, der auf Rache sinnt. Doch die Vorzeichen sind insgesamt andere.

Django Unchained

Überhaupt ist „Django“ den „Basterds“ in vielerlei Hinsicht diametral entgegengesetzt, und Tarantino zelebriert diese Auseinandersetzung mit seinem Ouevre bis ins Detail. Exemplarisch mag man es sich am Beispiel des Antagonisten Calvin Candie vor Augen führen: Im Gegensatz zu Landas intellektueller Versiertheit etwa ist seine hohe Bildung reine Fassade. Einen seiner Sklaven nennt er D’Artagnan und gibt auch sonst gerne vor, des Französischen mächtig zu sein. Tatsächlich spricht er aber kein Wort und wäre von Landa sicherlich rasch bloß gestellt worden. Schultz hält sich da eher zurück. Auch wird die von Waltz verkörperte Figur diesmal ausdrücklich vom angebotenen Kuchen Abstand nehmen, während Candie bei der rituell servierten Buttercreme ausgiebig zugreift, als sei sie Apfelstrudel.

Schultz hingegen ist zwar wie Landa ein Meister der trickreichen Inszenierung, doch im Gegensatz zur zielgerichteten Fokussierung des Judenjägers gefällt dem Kopfgeldjäger (genau, beides Jäger) aus Düsseldorf vor allem der Ornamentcharakter eines Plans. Im Nachhinein darf man sich bei seinen Scharmützeln immer gerne fragen, warum er nicht einfach den direkten Weg gewählt hat, doch die Antwort ist immer dieselbe. Schultz liebt die Inszenierung und ist so in gewisser Hinsicht Tarantinos Alter Ego. Für beide gilt: Einfach und geradeaus kann jeder, aber Haken schlagen, das ist die wahre Kunst.

Die Nebenwirkung derartiger Spielerei ist wie immer bei diesem Filmemacher ein hoher Anteil Oberflächlichkeit. Auffällig wird das vor allem beim Musikeinsatz, der zwar eine Menge Coolness bietet, aber darüber hinaus völlig leer bleibt und den Bildern nichts hinzufügt (und das bei Meistern wie Ennio Morricone oder Jerry Goldsmith, bei denen sich Big Quentin reichlich bedient). Emotionale Tiefe bleibt auch bei den Charakteren weitestgehend aus. Nur Waltz gelingt es, seiner Rolle eine größere Vielschichtigkeit abzugewinnen als eigentlich in ihr angelegt ist. Besonders ernüchternd fällt die titelgebende Hauptfigur aus, die zunehmend in den Mittelpunkt rückt, aber im Grunde reine Projektionsfläche bleibt. Natürlich ist Tarantinos Django bewusst dem Stereotyp des schweigsamen Helden und Rächer der Italowestern nachempfunden, doch was will man mit einem Protagonisten, der keinen Raum bekommt, um sich zu entfalten, weil er beständig von anderen, viel interessanteren Figuren (Schultz, Candie und nicht zuletzt Samuel L. Jacksons bedrohlichem Hausdiener Stephen) überlagert wird?

Wenn Django (und damit sein Darsteller Jamie Foxx) dann schließlich in die Zwangslage kommt, den Film zu tragen, bleibt er damit völlig überfordert, denn dem Zuschauer ist die Figur ziemlich egal. Dass Tarantino seinen Film zudem ernsthaft als Liebesgeschichte verkaufen will, sollte man wohlwollend als Scherz werten, denn wenn der Meister eines ganz sicher nicht kann, dann das. Den einzig möglichen emotionalen Höhepunkt der Liebenden verweigert er dem Zuschauer rigoros und bietet stattdessen eine alberne Ohnmacht und einen cleveren Einzeiler. Kerry Washington als Djangos zum Hurendasein versklavte Ehefrau Broomhilda hat zudem keinerlei Chance, ihrer Figur Relevanz zu verleihen, denn das gibt das Drehbuch schlichtweg nicht her. Eine passivere Frauenfigur hat es bei Tarantino bislang nicht gegeben, und dass sie am Ende auch noch die Schuld daran trägt, dass Schultz und Django in die Bredouille geraten, macht die Sache nicht besser.

Django Unchained

Doch wie so vieles mag man auch das der Zitationsmanie dieses Filmemachers zurechnen, denn im Spätwestern (und im herbeizitierten Brunhilde-Mythos) ist die Frau nun einmal in aller Regel Antriebsfeder, aber nicht Handlungsträger. Überhaupt erweist sich „Django Unchained“ erneut als Fundgrube für Cineasten, die an allen Ecken und Enden Spuren anderer Filme, Nachinszenierungen, Ausstattungselemente, Cameos und anderes mehr finden können und dabei den Film selber vergessen mögen. Dass sich ein Auftritt von Franco Nero nicht vermeiden ließ, liegt auf der Hand, aber gebraucht hätte ihn niemand.

Am Ende ist Tarantinos erster direkter Ausflug ins Genre seines großen Vorbildes Sergio Leone auch zugleich eine unverblümte Gewaltorgie. Verschwitzte Mandingo-Kämpfe, von Hunden zerrissene Sklaven, irrwitzige Blutfontänen und sogar ein bisschen Torture-Porn – hier ist wenig Zurückhaltung spürbar. Auf der anderen Seite zieht der Film nicht weniger stark an, wenn es darum geht, seine Antagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben. Eine Sequenz, in der ein zuvor nie bedachtes Problem des Ku-Klux-Klans in eine nicht enden wollende Diskussion am Rande der Hysterie ausartet, gehört fraglos zum Lustigsten, was sich im Werk dieses Filmemachers bislang finden lässt. Tarantino zeigt sich in ähnlicher Weise entfesselt wie seine Titelfigur, und dass er diese Haltung inzwischen auch nach draußen trägt, belegte zuletzt ein TV-Interview mit dem britischen Sender Channel 4, bei dem der Meister in einem Anflug von Größenwahn sichtlich die Kontrolle verlor.

Mit 165 (nicht ganz längenfreien) Minuten ist „Django Unchained“ eine typische Tarantino-Zumutung, die – Gefallen oder Missfallen zum Trotz – wie gewohnt Ihresgleichen sucht. Mehr kann man nicht verlangen. [LZ]

OT: Django Unchained (USA 2012) REGIE/BUCH: Quentin Tarantino. KAMERA: Robert Richardson. DARSTELLER: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Don Johnson, Walton Goggins, Dennis Christopher, James Remar, Franco Nero, Zoe Bell, Tom Savini, Quentin Tarantino. LAUFZEIT: 165 Min.

Django Unchained

Django Unchained

[Abbildungen © Sony Pictures Releasing GmbH]

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