Dieter Laser: THE HUMAN CENTIPEDE and beyond | Interview (deutsche Fassung)

13. Oktober 2010

Dieter Laser | The Human Centipede | Interview

Wenn sich eine fiktive Gestalt so in den Köpfen des Publikums einbrennt, dass aller Widerstand gegen einen aufkeimenden Kultstatus zwecklos ist, dann haben die Macher zweifellos eine Menge richtig gemacht. Im Fall des faschistoiden Chirurgen Dr. Joseph Heiter, Hauptfigur des kontroversen Horrorfilms „The Human Centipede“, ist der Effekt vor allem die Leistung des deutschen Schauspielers Dieter Laser. Seiner ebenso verstörenden wie faszinierenden Darstellung können sich nicht einmal entschiedene Gegner des Films entziehen. Umso erstaunter muss jeder sein, der dem humorvollen, warmherzigen und tiefgründigen Menschen hinter der angsteinflößenden Figur persönlich begegnet. In unserem Interview erzählt er ausführlich von seinen Erfahrungen vor, bei und nach den Dreharbeiten, diskutiert seine Herangehensweise als Schauspieler, seine Vergangenheit als 68er, deutsche Spießbürgerlichkeit, und das Verhältnis von Schusswaffen und Schokoriegeln.

screen/read: Es ist jetzt schon ein paar Wochen her, dass ich „The Human Centipede“ gesehen habe, aber die immensen Reaktionen auf Deine Figur des Dr. Heiter sind mir immer noch frisch in Erinnerung. Es ist ja auch eher selten, dass ein Villain direkt mit einer solchen Begeisterung angenommen und bejubelt wird wie hier. Du hast ja nun im Verlauf dieses Jahres eine Menge Vorführungen besucht. Ist das überall so?

Dieter Laser: Ja, das ist ganz irre. Bei allen Screenings, die ich besucht habe, war der Effekt der gleiche. In New York war es ganz heftig und in London und Brüssel auch. Das scheint tatsächlich weltweit so zu sein. In Amerika sind nach jeder Vorführung ganz viele junge Typen wie auf einer Beerdigung an mir vorbei defiliert, und jeder hat mir einzeln mit großen Augen ehrfurchtsvoll die Hand geschüttelt. „Awesome, awesome“, haben sie dann gesagt. Total verrückt.

The Human Centipede

screen/read: Das ist natürlich eine tolle Sache für Filmemacher wie Schauspieler gleichermaßen, eine Figur kreiert zu haben, die sich in den Köpfen so unmittelbar festsetzt.

Dieter Laser: Genau, denn darauf haben wir ja gar nicht spekuliert, und erwartet haben wir das erst recht nicht. Jetzt sind wir natürlich total happy, dass der Film so eingeschlagen hat. Uns ging es aber immer nur darum, das Ding so gut wie möglich zu machen und so durchzuziehen, wie wir es gerne sehen würden. Dabei war es einfach wahnsinnig schön, mit Tom und Ilona [Ilona Six, die Produzentin] und dem wunderbaren Kameramann Goof de Koning zusammenzuarbeiten, der aus der Werbung kommt und ein fantastisch schneller, kreativer, positiver Typ ist. Wir waren sozusagen eine echte Viererbande und so sehr auf der gleichen Schiene, dass die ganze Arbeit einen irrsinnigen Spaß gemacht hat. Das Tolle bei den Dreien ist halt, dass sie genau wie ich weder links noch rechts gucken, keine Bedenkenträger sind, nicht fragen, „Welches Zielpublikum haben wir?“ oder „Hoffentlich kommt das so oder so an“, sondern mit großem Spaß und zugleich großer Ernsthaftigkeit an die Sache herangehen und ihr Ding einfach durchziehen.

screen/read: Das merkt man dem Film an und da man bekommt eben auch mit, dass er von A bis Z nicht kalkuliert ist.

Dieter Laser: Genau.

screen/read: Wie hat die ganze Sache denn überhaupt angefangen, wie kam es zur erste Kontaktaufnahme zwischen Tom und Dir? Und wie war Deine erste Reaktion auf die Rolle, was hast Du drüber gedacht?

Dieter Laser: Das war so: Meine Frau Inge, die mich managt, bekam eine Mail von Six Entertainment, in der es hieß, der Regisseur möchte gern den Dieter Laser kennen lernen. Zuerst habe ich da gedacht, „Six Entertainment? Klingt ein bisschen eigenartig“. Ich wusste ja damals noch nicht, dass das deren wirklicher Nachname ist – so wie wir alle ganz komische Nachnamen haben. Six, Laser, alles komische Namen (lacht). Tja, und dann haben wir gesagt, ist zwar irgendwie seltsam, aber nehmen wir doch mal Kontakt auf, mal sehen, was die wollen. Es kam dann zu einem Treffen an einem Sonntagmorgen im Hilton Hotel in Berlin, und ich dachte mir vorher noch, die haben was geschrieben von einem Wissenschaftler, da zieh’ ich mal meinen britischen Glencheck–Anzug an und einen Schlips dazu, damit ich so aussehe, wie ein Wissenschaftler eben aussehen könnte.

Bevor ich dann losgegangen bin, habe ich noch zu meiner Frau gesagt, „Du Inge, die werden 50 bis 60 Leute angucken, und natürlich wird mir, wenn ich reingehe, Uwe Ochsenknecht entgegenkommen, und wenn ich fertig bin, wartet da schon Herbert Knaup, aber ich geh’ trotzdem mal hin“. Als ich aber schließlich im Hotel ankam, haben die beiden doch tatsächlich gesagt, sie seien nur wegen mir nach Berlin gekommen. Da habe ich dann gedacht, „Oh, das sind Leute, die müssen eigentlich einen sehr guten Geschmack haben“ (lacht). Und dann hat der Tom mir die gesamte Rolle detailliert erzählt, jede Einstellung ganz genau beschrieben, wie er die Sache gerne drehen würde, mit welchen Bildern und Schüssen, und so weiter und so fort. Das hat fast Echtzeit den ganzen Film gedauert, nämlich ungefähr anderthalb Stunden, und als er fertig war, war ich so begeistert von der Besessenheit, die er hatte, von der Leidenschaft und von der Genauigkeit seiner Vision, dass ich gesagt habe, „Du weißt genau, was Du willst. Wir müssen das Ding machen. No question about it.” Und drei Minuten später hatten wir einen Deal. Dann bin ich nach Hause gegangen und habe zu Inge gesagt, „Glencheck hat total funktioniert, ich habe Leading Part und einen Deal.“ Alles wunderbar.

Dann kam irgendwann das Drehbuch, und da habe ich überhaupt erst richtig realisiert, was da los ist: Anus to Mouth to Anus! Und plötzlich habe ich Schiß gekriegt, richtigen Schiß, und mir ging durch den Kopf, „Was sollen denn die deutschen Theaterfreunde denken? Was werden die deutschen Kritiker sagen? Oh, oh, oh, hoffentlich habe ich mich da nicht in eine ganz peinliche Scheiße begeben.“ Aber dann habe ich zu mir selber gesagt, „So mein Freund, jetzt überleg mal. Wenn Du hier ein Drehbuch bekommen hättest mit dem Titel ’Silence of the Lambs’, und da wären keine bekannten Namen, und die Firma wäre auch nicht bekannt, was würdest Du dann sagen? Würdest Du genauso in Deiner Küche sitzen und jammern, ’Oh, oh, oh, jemand, der das Gehirn anderer Leute isst, was soll ich bloß machen? Was werden die deutschen Kritiker denken?’“ – Also habe ich mir gesagt, setz Dich auf den Arsch und arbeite dran und mach das Beste draus und habe Spaß.

Und dann habe das getan, was ich immer tue, wenn ich eine Rolle vorbereite. Ich setze mich dann jeden Morgen um fünf einfach in meine Küche, starre vor mich hin, meditiere über die Rolle und versuche, mir jedes Ding genau vorzustellen, genau zu sehen, was der Typ macht. Ob er die linke Hand nimmt oder die rechte, ob er dies oder jenes tut. Und so entsteht dann langsam von Tag zu Tag ein Ablauf, der auf dem Mindscreen erscheint, und ich gucke dem Typen nur noch zu und sage zu mir selbst, „Ey, was macht er denn da?“ Ich schreibe mir aber nichts auf, sondern warte, ob ein bestimmtes Bild wiederkommt, und erst wenn ich es noch mal vor mir sehe, dann ist es wert, tatsächlich auch umgesetzt zu werden.

Als es dann schließlich mit dem Dreh losging, war ich total glücklich, dass da überhaupt nichts Schmieriges oder Pornografisches oder Sexistisches dran war. Stattdessen entwickelte sich tatsächlich so eine Art Horror-Komödie, ohne dass wir nun drauf gedrückt hätten, komisch sein zu wollen. Aber der black Humour, den ich immer wieder beim Spielen entdeckte, gefiel eben auch dem Tom, der Ilona und dem Kameramann, und da wir alle vier einen gleichen Geschmack und Stil-Level hatten, mussten wir da gar nicht mehr viel drüber reden. Und deshalb waren dann auch unheimlich viele Sachen während des Drehens ganz spontan und improvisiert möglich. Du bist als Schauspieler ja immer ganz auf der Schiene Deiner Figur und musst gleichzeitig auf der zweiten Schiene technisch denken, also immer darauf achten, dass man die richtige Markierung hat, dass man im Licht ist und so weiter. Und dann, wenn man sich total entspannt und sich wohlfühlt, kommt plötzlich eine dritte Schiene hinzu, wo plötzlich noch ein Gedanke durch den Kopf schießt, und ich mir denke, ach, er könnte ja noch dies machen oder jenes. So entstand zum Beispiel das Ablecken des Blutes von der Treppe. Ich bin da hoch gekrochen und sehe plötzlich einen Blutfleck vom Centipede. Und in der Hundertstel Sekunde denke ich, ja das muss ich doch ganz dringend auflecken! (lacht) So passiert das dann einfach.

Dieter Laser | The Human Centipede

Ein anderes Beispiel ist die Szene, als der Centipede das erste Mal komplett für den Zuschauer zu sehen ist. Zuerst hatte ich überhaupt gar nicht den Plan, zärtlich zu ihm zu sein, sondern wollte das so auf die übliche kalte Art des Dr. Heiter abwickeln. Doch in der letzten Sekunde, bevor die Kamera loslief, da habe ich gedacht, „Nein! Halt! Das ist doch endlich ein Wesen, für das dieser Mann, der Human Beings hasst, der total verpanzert und blockiert ist, Zärtlichkeit empfinden kann!“ Und so habe ich das ganze Caring, das Vor-Glück-Weinen-Müssen und all diesen Kram einfach improvisiert, während die Kamera bereits lief. Danach war dann zwar geplant, dass ich den Dreien im Spiegel zeige, wie sie ausschauen, aber dass der Heiter am Schluss den Spiegel hochreißt, um sich auch selber mit diesem glückseligen Gott-Gefühl zu betrachten und auszurasten, das ist tatsächlich ebenfalls spontan entstanden.

screen/read: Das sind aber auch alles wirklich völlig unerwartete Reaktionen, die gerade deshalb ganz und gar verstörend wirken.

Dieter Laser: Ja, und das bringt dann eben einen Riesenspaß und hatte einfach mit diesen tollen Arbeitsbedingungen zu tun. Im Gegensatz zu vielen anderen Teams, die ich erlebt habe, war hier auch so großartig, dass immer höchstens 25 bis 30 Leute am Set waren, dass alles klein gehalten wurde, und keiner sich für irgendwas zu schade war. Der Kameramann hat auch schon mal rumstehende Aschenbecher geleert, und dem Klappenschläger machte es überhaupt nichts aus, noch kurz mal über die Schuhe eines Darstellers zu wischen.

Diese Atmosphäre hat dann auch dazu beigetragen, dass viele sehr komplizierte Abläufe mit nur einer Klappe gelungen sind. Oft habe ich dann abends im Hotel am Telefon gesessen, die Inge angerufen und gesagt, „You are talking to the One-Clap-Man“ (lacht). Und das kommt nur durch ganz, ganz sorgfältiges Vorbesprechen, so dass jeder mental weiß, was ablaufen wird. Und dann rein ins kalte Wasser. Für alles Spontane gilt dasselbe. Ich sage immer, man kann erst improvisieren, wenn man ein ganz, ganz detailliertes Gerüst hat. Und dann kann man wie ein Kind innerhalb dieses Gitterbettchens anfangen, Kissenschlachten auszutragen, also plötzlich spontan werden, ohne dass man total falsch liegt oder den Stil des Films verletzt. Man bleibt dann innerhalb dieser Welt, und schwimmt trotzdem völlig frei herum.

Die Ilona hat es zum Beispiel auch direkt verstanden, als ich gesagt habe, „Du, wenn das Budget es irgendwie zulässt, brauche ich morgens eine Einzelabholung, einen Einzelwagen mit einem Einzelfahrer, damit ich keine Energie durch Quatschen und Anekdoten verliere. Zurück ins Hotel kannst Du mich gern in einem kaputten Bus mit hundert Statisten und verschmierten Butterbrotpapieren fahren, aber hin zur Arbeit brauche ich absolute Einsamkeit. Und das hat sie sofort gemacht und auch dafür gesorgt, dass ich während der gesamten Drehzeit total isoliert war, dass mein Essen mir in meine Garderobe hochgebracht wurde, und ich von dort direkt vor die Kamera gehen konnte. Und danach gleich wieder zurück. Ich habe vorher nie Kontakt mit den Kollegen aufgenommen, die schon genau deshalb Schiß hatten, weil ich eben nicht mit ihnen sprach. Ich brauchte also nur die Treppe von der Garderobe runterzukommen, da waren die schon leicht irritiert. Nachdem wir fertig waren, sind wir dann natürlich alle dicke Freunde geworden, zumal ich deren totale Disziplin und Besessenheit unglaublich geschätzt habe, und sie haben mir dann auch gesagt, wie enorm ihnen mein privates Verhalten während des Drehs geholfen hat. Das Publikum nimmt das dann irgendwie über den Bauch wahr, und das macht wahrscheinlich das Kultgefühl aus und dass sie auf den Film abfahren, weil sie merken, da kriegen sie etwas sehr, sehr Authentisches geliefert.

Dieter Laser | The Human Centipede

screen/read: Die ganze Zeit über in der Rolle zu bleiben, war wahrscheinlich auch deshalb so beängstigend und hilfreich, weil im Gegensatz zum Theater ja normalerweise doch immer nur recht kurze Shots die Fiktion und Atmosphäre aufrecht erhalten. Und so war das hier eben ganz anders.

Dieter Laser: Ja genau, ganz genau. Das war den ganzen Tag über so. Ich bin sowieso ein Typ, der steht vor dem Dreh morgens um vier oder fünf Uhr auf, läuft eine Stunde und geht dann voll auf seine Psychoschiene. Ich stelle mir dann noch mal alles genau vor, was am Tag geplant ist, und bleibe den ganzen Tag auf diesem Ding drauf. Erst nach dem Dreh abends, dann fängt der Typ an zu quatschen, aber so fürchterlich wie ein Wasserfall, weil er ja den ganzen Tag nicht kommuniziert hat (lacht). Da muss dann einiges raus, auch das Adrenalin, was sich die Zeit über angesammelt hat. Der Preis ist allerdings, dass man meistens sehr schlecht schläft, aber das tut komischerweise nichts, weil die Müdigkeit am nächsten Tag eine gewisse emotionale Empfindlichkeit und Durchlässigkeit mit sich bringt, die für die Rolle gut ist.

screen/read: Bei Deiner Darstellung des Dr. Heiter ist es ja sehr interessant und auffällig, dass er einerseits eine sehr rigide Figur ist und meistens mit sehr geringen und extrem langsamen Bewegungsabläufen auskommt, und dann andererseits einfach komplett ausbricht und explodiert. Das sind zwei Pole, die ganz weit voneinander entfernt liegen.

Dieter Laser: Ja, das ist irre, und auch für mich selber überraschend. Als ich den Film zum ersten Mal auf dem Filmfestival in Brüssel gesehen habe, war die Rolle bereits ein Fremder für mich, und ich war selber total erstaunt, wie er manchmal einfach nur stoned face ist und dann wieder völlig over the top. Weil ich mir auch keine Shots zwischendurch angucke. Während des Drehens sage ich mir immer, ich will gar nicht sehen, wie weit ich jetzt den ersten Speerwurf geschafft habe, sondern ich will nur im Kopf behalten, dass ich mir vorgenommen habe, sagen wir mal, 300 Meter zu werfen, und da will nicht jeden Tag sehen müssen, dass ich nur 80% erreiche. Und wenn ich den Film dann das erste Mal sehe, habe ich überhaupt keine Ahnung, wie das Ergebnis ist. Ich war also sehr überrascht über diesen Fremdling da oben, und stupse in der ersten Vorführung dauernd den Tom in die Rippen und sage, „Guck mal, was er jetzt macht, ist das nicht verrückt?“ (lacht). Und bei manchen Szenen habe ich mich dann einfach auch bepisst vor Lachen.

screen/read: Diese Überraschungseffekte, und die Tatsache, dass die Figur so ganz plötzlich kippt und Dinge tut, die man nicht erwartet, tragen sicherlich auch eine Menge zu ihrem unmittelbaren Kultstatus bei. Umso erstaunlicher, dass vieles improvisiert, also sozusagen einfach im Augenblick entstanden ist.

Dieter Laser: Das ist ja das Tolle. Dieses Archetypische an der Figur, was ich mir ja in keinster Weise vorgenommen hatte, trifft voll ins Schwarze. Und deshalb wird zu meinem freudigen Erschrecken ja auch in vielen Kritiken immer wieder von „Icon“ gesprochen, von „Pantheon of Villains“, von Hannibal Lecter, Christopher Walken, und von all den Figuren und Leuten, die ich so toll finde. Während des Drehs wären wir da nie drauf gekommen. Die einzigen, die mir frühzeitig gesagt haben, „You will be Cult“, das waren die Techniker am Set. Die haben oft ein unglaubliches Gespür dafür, auch am Theater. Nach zwei, drei Tagen, hatten sie sofort so ein Gefühl entwickelt, dass das Kult wird. Und ich hab mir nur gedacht, „Tja, schön wär’s.“ Und glücklicherweise haben sie Recht behalten.

screen/read: Absolut. Und gerade im Vergleich zu den Rollen Deiner Mitbewerber beim Spike Scream Award liegt doch ganz unbestreitbar auf der Hand, dass die einzige wirklich langlebige Kultfigur der Dr. Heiter ist.

Dieter Laser: Ja, das freut mich wahnsinnig. Und ich hoffe ja auch, dass gegen diese hochverehrten Konkurrenten irgendwas läuft. Nur konnten die natürlich mit ihren Riesenproduktionen einen viel breiteren Markt erreicht als wir. Aber andererseits haben wir dafür große Chancen durch unseren Kultstatus von Asien bis Nordamerika.

screen/read: Das wäre schon eine tolle Sache, wenn das klappt. Zumal hier ja mit der offensichtlichen Anlehnung der Figur an Mengele und die Menschenversuche der Nazis auch ein realer historischer Hintergrund eine Rolle spielt, der dem Film auf anderer Ebene einen ganz eigenen Reiz verschafft. Hast Du Dich da speziell vorbereitet, also Dir etwa Filmaufnahmen und ähnliches angesehen, oder ist die Rolle rein in Deinem Kopf entstanden?

Dieter Laser: Das ist alles rein in meinem Kopf entstanden, aber auf der Basis, dass ich ein Kind der Mördergeneration bin. Meine Vätergeneration, wie bei allen 68ern, ist das kriminelle Deutschland, wo ein ganzes Volk, und nicht etwa Hitler und ein paar andere dämonische Figuren im Alleingang, in einer totalen Finsternis und Verblendung schwerste Verbrechen begangen oder zugelassen oder mitgemacht oder zumindest unterstützt hat. Und sei es nur durch Weggucken. Und da habe ich von klein auf immer ein Schuldgefühlt gehabt. Wenn ich zum Beispiel als 14-Jähriger nach Holland getrampt bin und keinen Kaffee bekam, weil ich Deutscher war, habe ich innerlich abgenickt und gesagt, „Sie haben recht. Die haben ja total recht, ich bin ein Deutscher, meine Väter sind Mörder.“ Ganz so wie Kinder ein Schuldgefühl total übernehmen, wenn ihre Eltern irgendetwas Verbrecherisches oder Kriminelles getan haben, so habe ich das für meine Elterngeneration getan. Und obwohl mein eigener Vater in einem Strafbataillon war, weil er aus religiösen Gründen die Hand nicht erhoben hat, habe ich doch immer ein Schuldgefühl empfunden, gerade weil das Thema nach dem Krieg in Deutschland einfach totgeschwiegen wurde, weil unendlich viele Täter immer noch in höchsten Ämtern rumwuselten und die Gerichte bei fast allen Prozessen total versagten. Und um diesen ganzen Dreck unter dem Teppich hervor zu holen, der ja letztendlich bis heute nicht aufgearbeitet ist, bin ich damals auch ein ganz heftiger 68er geworden.

Das ist natürlich eine massive psychische Basis und die beste Voraussetzung dafür, einen Riesenspaß daran zu haben, eine Art SS-Arzt-Figurine wie den Heiter zu spielen. Also habe ich dann morgens in der Küche gesessen und tausend Ideen gehabt und gedacht, „Ich muss den Eppendorfer Arztkittel beschaffen! Und wie wär’s mit ein paar Reitstiefeln und einer schwarzen Reithose?“ Und dann habe ich den Tom angerufen und gefragt, „Können wir ihn nicht Joseph nennen im Hinblick auf Mengele, was hältst Du davon?“ Und so hat sich das dann langsam entwickelt. Dieser ganze Nazi-Hintergrund war also mein Tunnel, durch den ich die Rolle führen konnte. Und weil ich mit der Figur ja einer Nazi-Psyche auf schwarzhumorige Weise in die Eier trete, hatte ich da auch das ideale Vehikel, um über all die schockierenden Schlaglöcher des Films mit Spaß hinwegzukommen. Denn die Grundidee war ja etwas, das mir zuerst Angst gemacht hatte, weil, so schockierend und irgendwie auch unangenehm oder gar eklig, wie sie ist, entwickelt man natürlich Hemmschwellen, auch als Darsteller. Eine Krise hatte ich aber nur einmal, und zwar in der Szene, wo ich den Centipede-Kopf anfeuere und sage, „Feed her, feed her!“ Denn obwohl der Film ja harmloser ist als jedes Brustimplantat bei RTL, hatte ich in eben diesem Moment das schreckliche Bild, was der Zuschauer im Kopf entwickelt, selber vor Augen und deshalb eine totale Blockade – über die mir der Tom aber schnell hinweg geholfen hat.

screen/read: Dass Dein Ansatz A. perfekt funktioniert hat, und dass man B., wie Du vorhin schon gesagt hast, in Deutschland immer noch nicht in der Lage ist, mit dem Thema umzugehen, belegt die Tatsache, dass der Film bislang einfach keinen deutschen Vertrieb findet – was vollkommen lächerlich ist. Bei jedem anderen erfolgreichen Horrorfilm wird sofort um die Wette geboten, und hier passiert gar nichts.

Dieter Laser: Tja, die haben natürlich enormen Schiß, mehr als alle anderen. Zur Ilona habe ich in diesem Zusammenhang gesagt, „Du glaubst, Holland ist schlimm? Ich sage Dir, Deutschland ist noch viel, viel schlimmer!” Und deshalb war mein Vorschlag von vornherein, den Film in Deutschland erst zum Schluss anzubieten. Denn so kann man wenigstens hoffen, dass der Druck durch den Kultstatus in der gesamten Welt groß genug ist, um irgendeinen deutschen Verleiher sagen zu lassen, „Bei allem Schiß, ich komme nicht daran vorbei, das Geld will ich irgendwie mit abstauben.“

Ich habe ja in dieser Beziehung schon einige Erfahrung. „The Man inside“ zum Beispiel, der Film über Wallraff bei der Bild-Zeitung, wo ich einen Chefredakteur spiele, konnte in Deutschland gar nicht gedreht werden, sondern ist als amerikanisch-französische Co-Produktion in Paris entstanden. Und obwohl der Film nachher weltweit lief, hat er keinen deutschen Verleiher gefunden. Wallraff bei Bild, das muss man sich mal vorstellen!

screen/read: Das zeigt, wie sehr man hier überhaupt nicht in der Lage ist, mit Themen dieser kontroversen Coleur umzugehen. Und was speziell die ganze NS-Thematik angeht, ist man da im englischsprachigen Ausland traditionellerweise viel gelassener.

Dieter Laser: Ja klar. Aber die als unsere Befreier sind natürlich per se lockerer zu dem Thema eingestellt. Doch in Deutschland wird A. immer noch nicht locker genug damit umgegangen, und B. auch nicht ernsthaft genug. Ich empfand es zum Beispiel als unendlich arm, dass im Abspann von „Der Untergang“ zu lesen war, „6 Millionen Juden sind vernichtet worden.“ Wir reden doch hier von Kino, von Bildern und Bewegung. Wenn eine derart wichtige Aussage dann nicht immanent ist, wenn das nicht in den Bildern selber steckt, dann kann da irgendwas mit dem Film nicht in Ordnung sein. Und dann ist da diese andere, diese emotionale Art von Verarbeitung, die hier in den letzten Jahren hauptsächlich unter der Überschrift „Wir armen Deutschen“ lief. Der Bombenkrieg in Dresden. Oder eben „Der Untergang“. Da wird ja nicht etwa plötzlich ein Haufen jüdischer Leichen eingeblendet, sondern ich sehe einen Hitlerjungen, der einen Kopfschuss bekommt. Oder ich sehe die Kinder von Goebbels, wie sie umgebracht werden. Und das impliziert immer, hätten wir diesen bösen Führer nicht gehabt, dann wäre das alles nicht passiert. Wir armen Deutschen! Das ist so der Trend, und deshalb wird immer noch nicht richtig aufgearbeitet.

Nun ist es ja so, dass ein Film wie „The Human Centipede“ zunächst mal pure Unterhaltung ist, die sich natürlich auf der äußersten Oberfläche bewegt. Und das finde ich auch ganz wichtig, weil ein junger Mensch, der diesen Film sieht, natürlich erst mal nur unterhalten sein will. Doch unter dieser Oberfläche liegen in unserem Film dann noch viele andere Schichten, und eine wichtige davon ist die Nazi-Psyche, die hier immanent abgearbeitet wird. Komplett mit Analfixierung und all dem, was das Töten von Menschen und ganzen Menschengruppen psychisch und emotional leichter ertragen lässt – nämlich sie als Insekten zu betrachten, als Ungeziefer, wie es die Nazi-Ideologie eben getan hat. Und das Tolle ist, dass genau dies über den Bauch läuft, weil Film Entertainment sein muss, Massenunterhaltung. Doch die hat nur Wert, wenn sozusagen versteckt im Begleitpaket, im Schiffsrumpf, eine ganze Menge mit transportiert wird, das einem zu denken gibt. Und hier ist es eben das menschenverachtende Insektenbild der Nazi-Psyche. Fehlt so eine Ebene, dann gehe ich bloß aus dem Kino raus, habe mir drei Tüten Haribo reingefressen und fühle mich irgendwie total schlecht.

Hier läuft das anders, und dadurch entsteht eine gewisse Nachhaltigkeit. Deshalb hat der Tom ja auch einen Deutschen besetzt, der diese ganze Geschichte mit einem in gewissem Sinne genetischen Wissen über das Nazitum sozusagen über seinen Köper transportiert. Und nur dadurch hat die Rolle wirklichen Tiefgang, nur dadurch wird sie außergewöhnlich – und nicht etwa, weil ich mich nach berühmten Horrorfiguren links und rechts umgesehen und dann wie dieser oder jener gespielt hätte.

screen/read: Ganz klar, die Popcorn-Ebene muss sein, um das Thema für eine junge Generation überhaupt erst erschließbar zu machen. In Deutschland hingegen wird darüber ausschließlich auf eine unfassbar belehrende und dröge Weise gesprochen, und damit auf einer Ebene, die nicht mal im enfernten Sinn jugendkompatibel ist.

Dieter Laser: Da hast Du vollkommen recht. Bei mir selber ist es schon so, dass ich, wenn ich in einem Film eine Nazi-Uniform sehe, eigentlich bereits abschalte. Weil das auf eine letztlich oberflächliche Weise so ausgelutscht ist, kommt das auch an mich nicht mehr ran, und an die Jugendlichen erst recht nicht.

screen/read: Nun hast Du ja auch eine Zeit erlebt, wo man anders mit diesen Dingen umgegangen ist. Im Umfeld der 68er, zu denen Du gehört hast, ist ja gerade politisch viel in der Kunst passiert. Wie hast Du diese Zeit speziell als wachsender Schauspieler erfahren?

Dieter Laser: Also, ganz wunderbar und für einen Theaterschauspieler die beste Schule der Welt, das war meine Froschperspektive als kleiner Darsteller bei Gründgens. Und der zweite große Schub, das waren die sieben Jahre, die ich mit Peter Stein arbeitstechnisch liiert war, von den Münchner Kammerspielen über das Züricher Schauspielhaus und die Gründung der Berliner Schaubühne. Das fiel natürlich ganz in die 68er-Zeit. Das einzige Manko war, dass ich da total auf die zweite Religion meines Lebens reingefallen bin, den Kommunismus. Da war ich volles Rohr links, aber das musste damals wahrscheinlich auch sein, denn diese Zwischenphase, sage ich mal, die war schon sehr innovativ und kreativ und hat mir unheimlich viel gebracht.

screen/read: Würdest Du mit dieser Erfahrung im Hinterkopf sagen, dass das Theaters in Deutschland in den letzten zwei, drei Jahrzehnten in brutalster Weise all seine politische und künstlerische Relevanz verloren hat?

Dieter Laser: Ich habe zumindest das Gefühl. Selber ins Theater zu gehen, habe ich total aufgehört. Ich finde es bodenlos langweilig, bodenlos am Publikum vorbei und bodenlos feuilletonistisch. All die Badewannen, der Schlamm, der Regen, die Videos als Filme für Arme – all das finde ich so unendlich spießig. Und ich finde es unendlich beschissen, dass man Nacktheit auf der Bühne nicht mehr verwerten kann. Weil das so furchtbar inflationiert ist, dass man nur noch sagen kann, „Bitte kein nacktes Fleisch! Bitte, Damen und Herren, alles dichtmachen.“ Einen swinging dick auf der Bühne zu sehen oder Titten oder was weiß ich, das ist so abgelutscht, dass man damit heute einfach nichts mehr erzählen kann. Oder Macbeth zum Banker zu machen, ihm Hosenträger und ein Handy in die Hand zu drücken, das finde ich alles so beschissen, weil ich mich dann frage, warum er überhaupt noch in Versen spricht. All dieses Getue kommt mir wahnsinnig blöd vor. Und ich habe auch das Gefühl, dass man höchstens bis in die 60er Jahre zurückdenken kann, keinen wirklichen Fundus hat, aus dem man schöpfen kann, und stattdessen den Plattenschrank der Freundin inszeniert. Ganz geil findet man auch historische Aufarbeitungen, in denen man alles zwischen Nierentischen und Lampen aus den 60er Jahren spielen lässt.

Und dann ist es so, dass sehr viele Produktionen nicht fürs Publikum, sondern fürs Feuilleton erstellt werden, nämlich im Hinblick auf die Karriere von Intendanten und Regisseuren. Und da die nicht auf den Zuspruch des Publikums angewiesen sind, scheißen sie ihm auf den Kopf und sichern sich dadurch ab, dass sie Einführungsabende und Hinterherbereitungen machen lassen. Da wird den Leuten dann so lange eingehämmert, wie blöd sie sind, bis sie die Pille eines postmodernen Theaters schlucken, wo Du von Story nichts mehr kapierst und stattdessen nur noch Bruchstücke über Bruchstücke und Kommentare über Kommentare bekommst. Und deshalb stinkt mir deutsches Theater im Moment ziemlich.

Aber Ähnliches gibt es beim deutschen Film ja auch. Der ist ebenfalls abgesichert und muss auf das Publikum keine Rücksicht nehmen. Weil das Hauptgeld bei aller Subvention und Förderung vom Fernsehen kommt. Das sind also sozusagen alles Fernsehfilme, die wie im Knast ein bisschen Freigang haben, bevor sie wieder zurück in die Zelle kommen. Da gibt es dann zig Flops, die laufen ein bisschen im Kino und enden schließlich im Fernsehen, für das sie eigentlich gemacht sind. Damit ist der Film dann so gut abgesichert, dass das Publikum easily beiseite gelassen werden kann, denn das Geld kommt ja von den öffentlichen Förderungsanstalten. Es ist wie in diesem geflügelten Wort, „In Gefahr und höchster Not führt der Mittelweg zum Tod.“ Und in Deutschland nimmt man eben am liebsten den Mittelweg.

screen/read: Das ist natürlich katastrophal für die Kunst und fürs Publikum gleichermaßen.

Dieter Laser: Und deshalb stelle ich immer wieder fest, dass das Arbeiten bei den neuen englischsprachigen Filme, bei denen ich mitgemacht habe bisher, ein ganz anderes ist, und ganz extrem eben hier bei Six Entertainment, weil eben independent. Und das Wort „independent“ habe ich während der ganzen Arbeit tatsächlich auch empfunden.

screen/read: Klar, da ist alles privat finanziert, und man muss niemandem Rechenschaft ablegen, und schon gar keiner öffentlichen Meinung.

Dieter Laser: Genau, niemand kann einem in die Suppe spucken.

screen/read: Der Vergleich zum Theater ist auch deshalb so interessant, weil sich beim Betrachten des Films der Eindruck einstellt, es könnte sich auch um die Verfilmung eines Bühnenstücks handeln. Vieles wirkt, wie auf die vierte Wand hin inszeniert, und beispielsweise die Sequenz, wo Heiter die Operation erklärt und dabei zu seinen Opfern wie zum Publikum gleichermaßen spricht, die ist schon hochgradig theatral.

Dieter Laser: Das stimmt, es ist eine Art Kammerspiel. Zumal ja auch das meiste in dieser einen Villa spielt, so dass die alte griechische Theatereinheit des Ortes, der Zeit und der Handlung tatsächlich gegeben ist.

screen/read: Nun hast Du ja langjährige Erfahrung als Schauspieler auf der Bühne wie im Film und kennst die Unterschiede sehr genau. Manches ist sicher ähnlich, anders wiederum nicht vergleichbar. Siehst Du da für Dich persönlich jetzt aber einen Ansatz, der sich durch beide Ausdrucksmedien hindurch fortsetzt und Dich als Schauspieler immer begleitet?

Dieter Laser: Mir fällt da das Wort „Radikal“ ein. Ich bemühe mich immer, Sachen auf den radikalsten Punkt hin zu denken und mir die radikalste Variante vorzustellen. Weil die auch dann meistens die Spannendste ist. Trintignant hat mal gesagt, im Film ist der beste Schauspieler, wer am meisten Emotion hat und sie am besten versteckt. Das ist gut. Ich richte mich nie nach irgendwelchen Regeln oder Vorschriften und frage mich nie, wie hat Filmschauspielen zu sein, wie hat Theaterschauspielen zu sein, was ist gerade Trend, wie spielt man zur Zeit.

Wenn ich auf die Bühne gehe, weiß ich zum Beispiel überhaupt nicht, wie man am deutschen Theater gerade spielt. Interessiert mich überhaupt nicht. Mich schockiert höchstens, wenn ich im Fernsehen Ausschnitte sehe von irgendwelchen Theateraufführungen, wo Goethe und Schiller so gesprochen werden, dass man möglichst nichts von den Versen mitbekommt. Das finde ich alles ganz schäbig. Wenn ich zum Beispiel den Tasso spiele, was ich zuletzt getan habe, dann spreche ich den Vers umso stärker und mit Druck, und im Gegensatz zu dem Genuschel, mit dem zur Zeit in Deutschland Klassiker behandelt werden, singe ich den Goethe-Text geradezu. Bei mir erkennt man jeden Hexameter, jeden Jambus und so weiter, und ich verachte die Regisseure, die nicht mal wissen, was ein Hexameter überhaupt ist, und wie man ihn spricht, und welchen Rhythmus der hat, und so weiter und so fort. In diesem Sinne bin ich sehr radikal.

Ich bin auch radikal in dem Sinne, dass ich sage, es ist mir scheißegal, was man jetzt von mir denkt, und ob das Erfolg hat. Ich frage mich stattdessen immer, würde ich dies und jenes gerne selber sehen? Das ist mein Kriterium. Und wenn ich dann auf Leute treffe, die ähnlich radikal denken, wie Tom und Ilona eben, dann funktioniert das ganz wunderbar. Deshalb war das so ein Geben und Nehmen am Set, dass man hinterher gar nicht mehr weiß, wer eigentlich welche Idee hatte. Aber das ist auch völlig belanglos.

Dieter Laser | The Human Centipede

Radikal heißt aber auch, eine Rolle bis ins Kleinste perfekt zu machen. Für den Arztkittel zum Beispiel, den der Heiter trägt, habe ich regelrecht gekämpft. Jeder weiße Kittel oder jeder grüne Kittel, wie er heute getragen wird, wäre natürlich bereits die halbe Miete des Kostüms gewesen, doch mein Kittel ist eben radikal. Er ist ein Nazi-Kittel, historisch korrekt, aber auch einfach der geilste Arztkittel, den ich kenne. Den wollte ich unbedingt haben, also habe ich mich gefragt, wo kriege ich den in Deutschland? Und dann habe ich mich wahnsinnig dahinter gehangen. Erst habe ich hier in Berlin Ärzte gefragt, da bin ich aber nicht weiter gekommen und musste weiter suchen. Schließlich habe ich dann eine kleine Firma gefunden, die den originalen Kittel mit den Wiener Nähten und dieser leicht matronigen, weiblichen Schnittform immer noch herstellt. Die haben mir dann zwei dieser Kittel geschenkt. Und als ich die dann dem Tom gezeigt habe, war der total begeistert und hat mir sofort noch seine verspiegelte Sonnenbrille in die Hand gedrückt und gesagt, „Hier, setz mal auf“. Und das war dann so gut, dass er meinte, „Pass auf, was hältst Du davon: Immer wenn er im Freien ist, trägt er die Brille, grundsätzlich.“ Und das fand ich geil, und dann haben wir uns aber gemeinsam überlegt, zusätzlich noch kleine Inseln der Ruhe einzubauen, wo er keine Sonnenbrille trägt. Zum Beispiel liebe ich die Szene, wo er auf dem Grabstein seines Hundes sitzt und raucht.

screen/read: Sein geliebter 3-Hund.

Dieter Laser: Ja, auf dem geliebten 3-Hund. Du siehst zwischen seinen Beinen unten ein Häufchen Kippen, und dann hockt er da, hat keine Sonnenbrille auf, es ist Morgengrauen, leichter Nebel, ein vorgebeugter Körper, Du siehst nur die Operationshaube, die gummibehandschuhten Hände, aber nichts vom Kopf, nichts vom Gesicht, und die Hand geht zum Mund, er nimmt einen Zug, und eine Rauchwolke steigt auf. Alles in einer einzigen Einstellung. Tausende von Regisseuren in Deutschland hätten zu mir gesagt, „Dieter, wenn Du auspustest, oder wenn Du den Zug machst, heb doch mal ein bisschen den Kopf an.“ Aber hier konnte ich diesen geilen Schuss einfach machen, und keine Sau hat gesagt, dreh Dich doch mal um oder guck kurz mal hoch, damit die Kamera Dich sieht. Stattdessen konnte ich meine Intention voll durchziehen, ein Bild herzustellen, das etwas erzählt, ohne dass ich irgendetwas spiele. Und wenn sowas sofort als geil und gut empfunden wird, das freut mein Herz dann unheimlich.

screen/read: Und das nimmt man dann eben auch wahr als Zuschauer. Im Grunde gibt es ganz viele Bilder im Film, die, wie Du sagst, eine Geschichte für sich erzählen, die viel mehr sagen, als der Film selber letztlich sagen kann, denn der muss ja die Handlung vorantreiben. Und das ist im Grunde wieder ein theatrales Moment. Der Film nimmt sich Zeit, diese Dinge zu zeigen. Und das trägt auch ganz sicher dazu bei, diesen Film wiederholt sehen zu wollen.

Dieter Laser: Ich glaube auch, dass man immer wieder was Neues entdecken wird. Ich nenne das immer das Unterfutter unter der Oberfläche. Zum Beispiel fällt mir jetzt spontan zu dem, was Du sagst, die Szene vor der Operation ein. Da haben Tom, der Kameramann und ich uns gefragt, was frühstückt Dr. Heiter eigentlich, bevor er operieren geht? Und da habe ich gesagt: Fruchtsalat. Der kommt aus der Dose, und die stellen wir mit aufgeschnittenem Deckel neben den Teller, und dann sieht das aus wie eine Dose Hundefutter (lacht). So haben wir es dann gemacht, und passend dazu das rohe Steak, das er später isst. Das ist natürlich auch ganz absichtsvoll komponiert. Auf diese Weise haben wir uns immer bis ins kleinste Detail ästhetisch abgestimmt, und deshalb kann man, wenn man will, immer wieder etwas Neues entdecken.

screen/read: Und es gibt sehr viele von diesen Kabinettstückchen. Vielfach sagen Kritiker, die den Film nicht mögen, in der zweiten Hälfe zerfällt er, doch genau das stimmt eben nicht. Denn da wird der Film deshalb spannend, weil er eben diese seltsamen Moment hat, denen er einfach den nötigen Raum lässt.

Dieter Laser: Ja, absolut, und wo er eigentlich den Horror-Level total verlässt.

screen/read: Wenn Du jetzt so das internationale Kino der letzten zehn Jahre betrachtest, würdest Du da Filme sehen, wo Du sagst, das wäre eine Rolle gewesen, die mich interessiert hätte?

Dieter Laser: Da kann ich eigentlich nicht sagen, weil ich nie so denke. So wie ich auch keine Fotos zuhause habe und keinerlei DVDs von mir sammle. Du würdest bei mir Null Sachen finden, auf die ich sozusagen zurückblicke, und so blicke ich auch nicht auf einen Film hin und sage, das hätte ich gerne gespielt, sondern ich denke absolut nur nach vorne. Die Erfahrung „Centipede“ hat mir aber etwas klargemacht, und ich habe mich ernsthaft gefragt, „Wie ist für das Dieterlein eigentlich die Lage als deutscher Schauspieler?“ Denn ab einer gewissen Jugendlichkeit, die Du erreicht hast, hast Du hier eigentlich nur noch zwei Chancen. Du kannst im deutschen Fernsehen irgendwelchen Enkeln einen Schokoriegel reichen, oder Du kannst Dich darüber grämen, dass Deine Tochter in Scheidung lebt, oder Du kannst Sorgen haben um Deinen heroinabhängigen Neffen. Und das interessiert mich alles eigentlich nicht so sehr (lacht).

Also habe ich mir gesagt, dieser Horrorfilm ist ein wunderbares Tor in eine Welt, wo das Alter keine Rolle spielt. Statt eines Schokoriegels nehme ich lieber eine Knarre in die Hand. Einen scheintoten Gangster, der schon soviel Erfahrung hat, dass er gar nicht mehr hinsehen muss und trotzdem genau ins Auge trifft, den kann ich auch als 105-Jähriger noch verkörpern. Auf der Schiene des Bösen habe ich also noch ein unendlich weites Reich, meine Fantasien zu verwirklichen. Und deshalb wäre ich natürlich wahnsinnig glücklich, wenn es auf dieser Schiene weiterginge. Es wird auf jeden Fall weitergehen mit Tom Six. Und dass wir sehr, sehr schnell wieder den nächsten Film zusammen machen werden, das ist fest verschworen unter uns Dreien, Ilona, Tom und mir. Und Tom ist ein so raffinierter Hund, der so irre Ansätze und Ideen hat, dass ich immer mit den Ohren schlackere, wenn er mir mal was erzählt. Unglaublich.

screen/read: Das ist ja schon eine ziemlich klare Zielsetzung, was Deine schauspielerische Zukunft betrifft. Viele andere Kollegen wären sicher eher besorgt, dass nach so einer ikonischen Rolle nur noch Typecasting auf sie zu käme.

Dieter Laser: Da habe ich überhaupt keinen Schiß, weil ich mein Leben lang, selbst in Zeiten, wo ich tatsächlich fast wörtlich gehungert habe, niemals etwas gemacht habe, wozu ich keine Lust hatte. Das ist mein lebenslanger Luxus. Selbst in Zeiten, wo ich keinerlei finanzielles Polster hatte, habe ich Sachen abgelehnt, und zwar immer unter der Perspektive, würde ich das gerne sehen wollen? Ich habe jetzt zum Beispiel aufgrund von „The Human Centipede“ einen Science-Fiction-Film angeboten bekommen, eine internationale Produktion, die in Australien und New York gedreht werden soll, aber ich habe abgelehnt, weil ich die Rolle zu blöd fand. Deshalb habe ich da überhaupt keine Befürchtungen, weil ich ein Leben lang so beinhart trainiert worden bin, nichts des Geldes oder der Karriere wegen zu machen, dass ich immer ablehnen würde, wenn mir ein Angebot zu langweilig ist oder zu sehr nach Dr. Heiter aussieht – es sei denn, ich sehe eine Steigerung oder eine ganz andere Variante im Drehbuch oder in der Fantasie des Regisseurs. Das hängt aber völlig davon ab, wie leidenschaftlich das Gegenüber ist. Ich hätte jedoch keinerlei Bedenken, auf der Schiene des Bösen weiter zu machen, denn daran habe ich großen Spaß, und wie gesagt, die anderen Möglichkeiten sind halt schokoriegelmäßig eingeschränkt. Und dort ist hingegen ein wunderbares Feld, wo man noch unglaublich viel machen kann, und deshalb, nein, keinerlei Befürchtungen.

screen/read: Ich glaube, da gibt es jede Menge, was da auf Dich wartet, und es ist sicher gut, dass Du das mit so einer Gelassenheit siehst. Da gehörst Du wahrscheinlich zu den ganz wenigen 68ern, die nicht irgendwann einer bürgerlichen Karrieregeilheit verfallen sind.

Dieter Laser: Nein, denn ich bin glücklicherweise mit Null Existenzangst geboren, und die hat tatsächlich bis heute angehalten. In der Jugend hat man das ja eh, weil man Zeitmillionär ist und von der kleinen Drogenfabrik zwischen den Schultern so gedopt wird, dass man glaubt, unsterblich zu sein – deshalb kann man die jungen Leute ja übrigens auch in den Krieg schicken. Und dieses Unsterblichkeitsgefühl habe ich mir insofern bewahrt, als ich tatsächlich immer noch frei von Existenzängsten bin. Das schafft natürlich eine große Gelassenheit und Freiheit von dieser totalen Angst, die einen ständig sagen lässt, „Ich muss ja etwas werden, ich muss ja etwas sein, ich muss ja Besitz anhäufen.“

screen/read: Das ist natürlich in gewissem Sinne eine, wenn auch böse gewendete Parallele zum Dr. Heiter, der ja auch nur dem folgt, was sein eigenes Lebensziel ist. So könnte man es sich ja zurecht drehen.

Dieter Laser: Insofern sind wir Sarrazin-mäßig tatsächlich verwandt (lacht).

screen/read: Jetzt hast Du ja im Zuge der weltweiten Präsentation des Films schon eine ganze Reihe von Festivals besucht und in Austin sogar einen Darstellerpreis abgeräumt. Als zweite Welle folgen bei Horrorfilmen dann in der Regel die Conventions, wo vor allem die Fans anreisen. Ist da für Dich schon was in Sicht?

Dieter Laser: Ja, gerade bin ich für das Texas Frightmare Weekend eingeladen worden, das nächstes Frühjahr vom 29. April bis 1. Mai stattfindet. Das ist eine Convention mit Fans und ein Filmfestival. Da werden unheimlich viele Interviews auf mich zukommen, der Film wird gescreent, und danach gibt es Questions und Answers mit dem Publikum und so weiter. Das wird also ein großes Event werden, auf das ich mich schon freue.

screen/read: Super, dass das Interesse an Dir und der Figur im Ausland also auch weiterhin so groß bleibt. Umso unverständlicher, dass sich hierzulande da überhaupt nichts tut. Nicht einmal die Genre-Presse bewegt sich, wenn ich das richtig sehe.

Dieter Laser: Du bist tatsächlich der aller erste, der ein deutsches Interview mit mir darüber macht. Obwohl, ein Bild-Zeitungs-Versuch war da, aber da habe ich gesagt, ich spreche über den Film erst, wenn er in Deutschland läuft. Aber bei Dir hatte ich das Gefühl, dass das auf jeden Fall was Gutes wird, und das hat sich für mich auch voll eingelöst.

screen/read: Das freut mich natürlich sehr. Lieber Dieter Laser, vielen Dank für all die Zeit und die Mühe. Es hat großen Spaß gemacht.

Dieter Laser: Da kann ich nur sagen: vice versa.

Dieter Laser

Dieter Laser wurde 1942 in Kiel geboren. Entdeckt von Gustaf Gründgens und August Everding, arbeitet er seit den frühen 60er Jahren als Schauspieler für Bühne, Fernsehen und Kino. Seine siebenjährige Zusammenarbeit mit Peter Stein machte ihn 1971-74 zum Mitglied des Direktoriums der Berliner Schaubühne. Seitdem hat er mit einem breiten Rollenrepertoire an nahezu alle großen deutschen Bühnen gespielt. Mit Reiner Erler drehte er unter anderem die TV-Serien „Das blaue Palais“ und „Operation Ganymed“. Für seine Darstellung in seinem ersten Kinofilm „John Glückstadt“ erhielt er 1975 den Deutschen Filmpreis in Gold. Seitdem spielte er in zahlreichen nationalen wie internationalen Produktionen und arbeitete mit Regisseuren wie Volker Schlöndorff („Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und „Der Unhold“), István Szabó („Meeting Venus“), Hans W. Geissendörfer („Die gläserne Zelle“) oder Margarethe von Trotta („Ich bin die Andere“). Zudem ist er als Theaterregisseur tätig und entwickelt eigene Stoffe. Einem breiten internationalen Publikum wurde Laser vor allem durch seine Rolle des Mantrid in der Scifi-Serie „Lexx – The Dark Zone“ bekannt. Für seine Darstellung des Dr. Heiter in „The Human Centipede (First Sequence)“ unter der Regie von Tom Six erhielt er 2009 den Jury Prize des Austin Film Fests. Dieter Laser lebt mit seiner Frau Inge in Berlin.

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The Human Centipede

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