Exklusiv: Dieter Laser über THE HUMAN CENTIPEDE 3 und zukünftige Projekte | Interview (deutsche Fassung)

13. Juli 2013

Dieter Laser

Der Abstand zu jener Rolle, die ihn 2009 schlagartig zur Ikone des modernen Horrorkinos machte, könnte kaum größer sein: Mit dem faschistoiden deutschen Chirurgen Dr. Heiter aus der Feder von Tom Six hat Dieter Laser lediglich die markanten Gesichtszüge gemeinsam. Ansonsten gehört der Schauspieler, dessen Karriere einst bei Gustaf Gründgens begann, zu den nettesten Zeitgenossen, die man sich vorstellen kann. Gerade hat er die Dreharbeiten zum letzten Teil der „Human Centipede“-Trilogie abgeschlossen und sprach mit uns exklusiv über den Film selbst, seine Zusammenarbeit mit Eric Roberts und seine überraschenden Zukunftspläne. [Read the English version here.]

screen/read: Frisch zurück aus den USA, jetzt wieder im heimischen Berlin. Jetlag überwunden, entspannt und sicher jede Menge geschlafen – oder hast Du Dich sofort wieder in die Arbeit gestürzt? Wie kommst Du von einem langen anstrengenden Dreh mit sicherlich einprägsamen Erfahrungen wieder runter?

Dieter Laser: Genau so: Ich hab’ eine Menge geschlafen, dabei viel von den Dreharbeiten geträumt, viel Rotwein getrunken, kaum Junk Food gegessen – dafür aber viel Trash im Fernsehen geguckt.

screen/read: Runde vier Jahre ist es jetzt her, dass Du mit Tom Six einen der popkulturell einflussreichsten Horrorfilme des letzten Jahrzehnts auf die Beine gestellt hast. Jetzt bist Du wieder für ihn vor der Kamera gewesen. War das ein nahtloser Anschluss mit Déjà-vu-Effekt oder hat sich die Art Eurer Zusammenarbeit geändert?

Dieter Laser: Das war ein traumhaft nahtloser Anschluss – nur noch intensiver. Wir haben sowohl im Vorfeld als auch vor Ort noch viel genauer Szene für Szene, Einstellung für Einstellung bis ins kleinste Detail durchgesprochen, abgesprochen und definiert, aber dann – mit so wenig Proben wie nur irgend möglich – gedreht gedreht, gedreht. Völlig angstfrei und mit großem Spaß, um nicht zu sagen mit großer Freude. Abgesehen von meiner Bewunderung für seine großartigen Ideen, bin ich Tom Six unendlich dankbar, dass er diese Kombination von Präzision und Spontaneität ermöglicht. Das schafft Sicherheit und Freiheit zugleich und führt zu verblüffend kreativen Lösungen, wenn ein Problem auftaucht. Das nennen wir dann „Den Dritten Weg“. Einzelheiten werden natürlich nicht verraten.

screen/read: Damals habt Ihr in Holland im Wesentlichen in einer Location und mit einem kleinen Team vor und hinter der Kamera gedreht. Niemand wusste, wer Tom Six ist, und vor allem konnte niemand ahnen, was aus dem Film einmal werden würde. Jetzt wart Ihr in den USA, habt mit einem amerikanischen Team gearbeitet und jeder wusste, was mit der Centipede-Reihe auf ihn zukam. Wie seid Ihr aufgenommen worden?

Dieter Laser: Wir wurden mit großem Respekt und Zuneigung aufgenommen, lösten zwar durch unsere Arbeitsweise – wie gesagt, möglichst nur Besprechen und so wenig wie nur irgend möglich Probieren – gelinde Verwunderung aus, wurden aber im Handumdrehen zu einer verschworenen Family, weil nicht nur die Crew sondern auch die fantastischen amerikanischen Kollegen, allen voran Eric Roberts, sehr schnell größtes Vergnügen an unserem Stil entwickelten.

screen/read: Das ist schon bemerkenswert, wenn man am Set mit seiner Arbeitsweise bei Kollegen Verwunderung auslöst, die auch schon seit Jahrzehnten im Geschäft sind – wie es vor allem bei einem Veteranen wie Eric Roberts der Fall ist. Merkt man da die unterschiedliche Herangehensweise vor der Kamera? Und was könntet Ihr vielleicht sogar gegenseitig voneinander lernen?

Dieter Laser: Bei Eric merkt man natürlich sofort die immense Erfahrung mit der Kamera, genau wie bei John Malkovich oder Burt Lancaster, mit denen ich schon vor Jahren gearbeitet habe. Die schauen einmal hin und wissen, welches Objektiv gerade eingesetzt wird. Ich muss beim DOP öfter nachfragen „how close?“ Aber letztlich kochen wir alle mit Wasser und am Ende des Tages zählt nur, was Burt Lancaster oft nach einer gemeinsamen Szene zu mir sagte: „Dieter, we had a good atmosphere!“ Weil sich das auf den Zuschauer überträgt. Und insofern kann man jetzt schon über THC3 sagen: „We had a good atmosphere!“ Schon nach ein paar Stunden Zusammenarbeit haben Eric und ich uns umarmt und ich hab’ gesagt: „You just look a good partner into the eyes and everything works beautifully.“

screen/read: Wie sah ein Arbeitstag aus? Wann ging es morgens los, wie lange habt Ihr gedreht?

Dieter Laser: Um 4:30 Uhr schrillt das Hoteltelefon und eine aufgekratzte, automatische Frauenstimme schreit Dir ins Ohr: „Good morning! It’s a beautiful day in LA!“ – Schnell ins Bad, schnell deodorieren und parfümieren, schnell das Biomüsli aus dem Eisschrank und runter in die Lobby, wo Dein Fahrer todmüde aber 100% pünktlich auf Dich lauert und unser stummes Ritual beginnt, denn der arme Nick hat Radio-, Aircondition- und Redeverbot: Handschlag, Tasche abnehmen, Fondstüre aufhalten und ab die Post, mit Stop and Go ins Herz von Alt-Hollywood. Die ersten Tage mit geschlossenen Augen, um mich ja nicht zu sehr beeindrucken zu lassen und deshalb womöglich Schiss zu bekommen. Handschlag, „Thank you Nick, have a beautiful day!“ und ab zu Makeup und Garderobe. Schon beim Schminken kommt alle drei Minuten ein Assistent und nervt die Maskenbildnerin: „wie lange noch“ und um 7:30 Uhr bin ich am Set und begrüße zur Unruhe des Regisseurs betont langsam jeden einzelnen Mitarbeiter, um ja nicht fickrig zu werden und den Puls so tief wie nur möglich zu halten, denn wie jeder Leser weiß: Einmal im Stress ist es ganz schwer wieder runter zu kommen. – 20:30 Uhr voll geknallt mit Adrenalin, Rückfahrt zum Hotelapartment, schnell ein Bio-Dinner kochen, schnell ein Müsli für Frühstück und Lunch herrichten: Haferflocken, Wasser, Äpfel, Bananen. Alles Bio – ich esse doch kein Catering-Food – an sich liebend gern mit Eiern und Speck zum Frühstück, mit wunderbarem Lunch und Nachtisch, mit Kuchen und Süßigkeiten am Nachmittag, mit Pizza am Abend – aber doch nicht beim Drehen! Der Zuschauer sieht ALLES! Und die Kamera packt freundlicherweise im Minimum zwei Kilos drauf. – Scheisse, noch Zähne putzen, ab ins Bett, amerikanischen Krimi lesen in der Hoffnung, schlafen zu können. Gelingt natürlich kaum, die Szenen für morgen spuken trotzdem im Kopf herum. – „Good morning! It’s a beautiful day in LA!”

screen/read: Es steht zu vermuten, dass auch der dritte Teil wieder jede Menge Kontroversen auslösen wird. Im amerikanischen Kino ist das ja eher selten, und man will es lieber allen recht machen. Tom hat vorab bereits eine US-Flagge mit Centipede-Elementen veröffentlicht, was vermuten lässt, dass der Film mit seiner angekündigten “political incorrectness” kaum vor den Amerikanern zurückschrecken wird. Wie kam das Team mit den Provokationen aus dem alten Europa zurecht?

Dieter Laser: Genau deswegen haben es alle geliebt, genau deswegen waren alle schon Fans – Crew und Kollegen – bevor wir überhaupt angefangen haben, genau deswegen wurde ich sonntags beim Einkaufen gefragt „Are you German?“ – „Yes.“ – „Are you an actor?“ – „Yes.“ – „Are you Dr. Heiter?“ – „Yes. “– „Oh My God! May I have a photo with you?“ – „Sure! “

screen/read: Du hast ja viel in Deutschland und auch im europäischen Ausland gedreht. Siehst Du einen eklatanten Unterschied zur Herangehensweise bei den Amerikanern? Wie ist da Deine Erfahrung?

Dieter Laser: Nach meiner Erfahrung ist der Schauspieler und seine Rolle bei den Amerikanern wie ein kleines Department, eine kleine eigenständige Abteilung. Der Regisseur ist eher wie ein Architekt, der ein Haus baut und verschiedene Firmen und Abteilungen koordiniert, um seine Vision zu verwirklichen. Will sagen, der Schauspieler hat viel größere Möglichkeiten, Eigenverantwortung zu übernehmen. Tom Six gibt mir diese Möglichkeiten. Insofern ist Tom sehr amerikanisch. Ein weiterer Unterschied ist der enorme Respekt und die extreme Höflichkeit im Umgang mit allen Schauspielern, egal ob große oder kleine Rolle: Klopf, Klopf, Klopf: „10 minutes warning, Sir“ – damit Du noch mal pinkeln kannst – Klopf, Klopf, Klopf: „5 minutes warning Sir!“ – Klopf, Klopf, Klopf: „may I invite you to the set, Sir!“ – Du wirst zum Arbeiten eingeladen. Das Wort „Schauspieler“ hat in Amerika den gleichen Effekt wie bei uns das Wort „Arzt“.

screen/read: Zu den vielen verblüffenden Casting-Entscheidungen gehörte auch Bree Olson – und wenn man der imdb glauben kann, ist sie auch die einzige weibliche Darstellerin im Film. Hinzu kommt, dass man sie in erster Linie mit Adult Entertainment in Verbindung bringt. Hast Du sie vor diesem Hintergrund als einen anderen Typ Schauspieler erfahren oder würdest Du eher sagen, da lässt sich kein Unterschied feststellen?

Dieter Laser: Tom Six ist ein Meister des Castings: Bree Olson als einzige weibliche Hauptrolle zu besetzen ist schlichtweg wieder mal genial! Sie ist eine hervorragende Schauspielerin, absolut professionell, ohne alle Zicken und es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, mit ihr zu arbeiten.

screen/read: Lass uns ein bisschen über Deine Herangehensweise an die Rolle sprechen. Beim ersten Teil bist Du ja praktisch immer erst aus Deiner Garderobe gekommen, wenn gedreht wurde, um die Figur möglichst real zu halten. Im Nachhinein haben Deine Kollegen sehr von diesem „Method“-Ansatz geschwärmt, aber auch zugegeben, wie verstörend sie das fanden – im positiven Sinne. Wie sehr „method“ bist Du diesmal vorgegangen?

Dieter Laser: Bei dieser Rolle habe ich meine Garderobe, außer beim Lunch, kaum von innen gesehen, weil ich ununterbrochen dran war. Also verbrachte ich die meiste Zeit an meinem Lieblingsort – in der Nähe der Kamera – wo nicht viel rumgequatscht werden kann, sondern konzentriert gearbeitet wird. Dort besteht dann „method“ aus Augen zu und im Kopf zum hundertsten Mal den Ablauf der kommenden Szene durchgehen.

screen/read: Nun hast Du zwar den fertigen Film auch noch nicht gesehen, wohl aber kennst Du natürlich das gesamte Drehbuch als auch die einzelnen Szenen vom Set. Man kann davon ausgehen, dass auch dieser dritte Teil wieder viel Kopfschütteln und heftige Diskussionen hervorrufen wird. Deiner Einschätzung nach, wie kontrovers wird der Film aufgenommen werden? Und denkst Du, dass die Reaktionen noch extremer ausfallen könnten als zuvor?

Dieter Laser: Das kann ich überhaupt nicht einschätzen. Du bist so tief involviert, dass Dir die schrecklichsten Sachen völlig logisch und total „normal“ vorkommen. Sehr viel später, wenn Du den Film zum ersten mal siehst, ist die Rolle so weit entfernt, dass der Typ da oben auf der Leinwand ein Fremder geworden ist und Du staunst, was der Junge da treibt und Du kannst es nicht glauben, dass Du das bist: „Mein Gott, was macht er denn jetzt schon wieder?“

screen/read: Die Premiere ist ja noch eine Weile hin. Ganz sicher werden dann aber wieder eine ganze Reihe von einschlägigen Festivals auf der Agenda stehen. Planst Du, dabei zu sein? Und welche Reaktionen der Fans erwartest Du nach zweijähriger Festivalabstinenz und mit einer neuen Rolle?

Dieter Laser: Auf jeden Fall werde ich auf der Premiere sein und so weit wie möglich auch auf Festivals. Poch, poch, poch, sagt das Herz, denn selbst wenn Du am Set Applaus von der ganzen Crew und von Hunderten von Kleindarstellern bekommen hast, kannst Du niemals im voraus wissen, wie der Film im Ganzen aussehen wird und wie er ankommt. Poch, poch, poch. Eins ist sicher: Der Plot ist genial!

screen/read: Mit dem dritten Teil ist die Centipede-Reihe abgeschlossen, aber das heißt ja nicht, dass Du und Tom Six als eingespieltes Team ebenfalls getrennte Wege geht. Gibt es schon Pläne für zukünftige gemeinsame Projekte?

Dieter Laser: Das „Dream Team“ – wie wir uns sogar selber nennen – Ilona, Dieter, Tom wird auf jeden Fall weitermachen. Wir wären ja bescheuert, es nicht zu tun. Aber nicht auf Teufel komm raus, wie man an THC2 sehen kann. Die Idee muss passen und Tom Six sprüht über von Ideen. Let’s wait and wonder.

screen/read: Was steht unabhängig davon als nächstes auf dem Programm für Dich? Wirst Du Dich auch in Zukunft im Horrorgenre bewegen oder hälst Du nach ganz anderen Projekten Ausschau? Und könntest Du Dir vorstellen, irgendwann auch selber einmal Regie zu führen?

Dieter Laser: Als nächstes werde ich in einer großen Oper den Schauspieler-Part übernehmen. Dieser krasse Wechsel ist aufregend! Welches Genre dann beim Film dran kommt, hängt einzig von der Rolle und vom Drehbuch ab. Extrem gute Drehbücher brauchen oft ganze zehn Jahre bis sie gedreht werden können. Ich hab’ eins in der Schublade, für das ich zehn Jahre lang gekämpft habe: Also ist die Zeit reif für “Total Eclipse” – unter meiner Regie.

[Wir bedanken uns bei Dieter Laser, dass er sich (erneut!) die Zeit genommen hat.]

Dieter Laser

[Abbildungen: Screencapture (The Human Centipede) | Ria Avramenko (Porträt)]

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The Walking Dead

Eine Antwort zu “Exklusiv: Dieter Laser über THE HUMAN CENTIPEDE 3 und zukünftige Projekte | Interview (deutsche Fassung)”

  1. [...] Auf screen/read wird Dieter Laser interviewt, der einiges über „Human Centipede 3“ zu berichten hat und – ganz Profi – kein Wort über [...]

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