Exklusiv: Dieter Laser spricht über THE HUMAN CENTIPEDE 3

24. März 2012

Dieter Laser

Als offiziell bekannt wurde, dass sich Tom Six für den finalen Teil seiner „Human Centipede“-Trilogie den Star des Originalfilms zurückgeholt hat, war das für die Fans der kontroversen Filmreihe ein echter Grund, in frohlockende Verzückung zu geraten. Der deutsche Theater- und Filmschauspieler Dieter Laser hatte der Figur des besessenen Chirurgen Dr. Heiter nicht nur ein einprägsames Gesicht verliehen, sondern mit seiner Darstellung auch praktisch über Nacht eine Instant-Kultfigur geschaffen. Auf weltweiten Conventions wird er seitdem hymnisch gefeiert, und als er anlässlich der Londoner Premiere des zweiten Teils noch einmal den Eppendorfer Arztkittel überzog und für eine kurze, augenzwinkernde Einführung die Bühne betrat, riss es die anwesende Menge zu echten Begeisterungsstürmen hin.

Bereits im Oktober 2010 hatte der Schauspieler uns ein umfangreiches Interview zu seiner Arbeit mit Tom Six gegeben. Als Entertainment Weekly jetzt am 2. März erstmals über den neuerlichen Besetzungscoup berichten durfte, erklärte er sich uns gegenüber spontan zu einem exklusiven ersten Statement bereit. Begeistert über das Engagement und hocherfreut, endlich sein Schweigen brechen zu können, wurde eine umfangreiche Erzählung daraus, in der er unter anderem über sein Geheimtreffen mit Tom und Ilona Six und die „beinharten“ Vertragsverhandlungen berichtet, aber auch bereits einen kleinen Einblick in seine Herangehensweise an die Rolle bietet. Obwohl im Gespräch entstanden, veröffentlichen wir seine Ausführungen ohne lästige Zwischenfragen und fügen hinzu: Lieber Dieter, vielen Dank für Deine Zeit, Deine Mühe und Dein Vertrauen in uns.

Es tut mir leid, dass ich so lange die Schnauze halten musste und immer dann, wenn ich nach meinem nächsten Film gefragt wurde, nur kryptisch von Dreharbeiten in Amerika und einem amerikanischen Team und so weiter geredet habe. Aber da habe ich mich natürlich ganz an die Vereinbarung mit Tom und Ilona Six gehalten. Auch jetzt kann ich selbstverständlich nichts herausgeben, was die Produktion nicht zuvor abgesegnet hat. Aber ich kann das, was inzwischen offiziell verlautbart wurde, ein bisschen weiter ausführen und meine persönliche Affinität dazu beschreiben. Und das mache ich sehr gerne.

ZWEI CENTIPEDES IN LONDON

Am 10. August 2011 habe ich das aller erste Mal von „Centipede 3“ erfahren. Ich wusste vorher noch nicht einmal genau, ob Tom wirklich plant, einen dritten Teil zu machen. Er kocht ja ohnehin über vor Ideen, und so hatte er mir bereits auf dem Filmfestival in Brüssel, noch vor der New-York-Premiere von „Centipede 1“, einen total faszinierenden Plot erzählt, den er, sagen wir mal, gedanklich in der Tasche hat. Als ich dann mit der Inge, meiner Frau, am 9. August zu einem gemeinsamen Treffen nach London geflogen bin, hatte ich eher damit gerechnet, dass er mir mit einem Plot wie diesem rausrücken würde, mit einer völlig unabhängigen Geschichte also. Aber er kam dann eben doch mit „Centipede 3“, und der ist wirklich wieder krass anders als 1 und 2.

Inge und ich sind also ganz luxuriös nach London geflogen, haben eine Suite im herrlichen Waldorf Hilton bezogen, wunderbar zu Abend gegessen, wunderbar übernachtet, und am nächsten Tag eine Privatvorführung von Tom und Ilona geschenkt bekommen. Die beiden hatten ein kleines, ganz fantastisches Kino gemietet, um uns dort „Centipede 2“ zu zeigen, und wir waren fast die aller ersten, die den Film überhaupt zu sehen bekamen. Mir war klar, das sollte der Bunsenbrenner für mich sein, das erste Ankochen von Herrn Laser!

Danach sind wir dann ins Hotel gegangen, haben zusammen gegessen, über den Film geredet und dazu ganz anständig getrunken. Ich allerdings habe mich an einem einzigen Bier aufgehalten, weil ich mir sagte, falls es zu einer Verhandlung kommt, muss die Birne glasklar sein! Und während wir da so saßen, tranken und uns unterhielten, schossen immer wieder Blicke durch die Hotelhalle, als säße dort Vittorio de Sica oder sonst irgend jemand Legendäres. Offenbar erkannten die Leute uns, denn „Centipede 1“ war damals schließlich schon Kult. „Wir werden schon wieder beobachtet“, meinten dann Tom und Ilona, „lass uns etwas leiser reden.“

Aus gutem Grund, denn nachdem wir mit dem Essen fertig waren und lange über den Film geredet hatten, begann Tom, ähnlich wie damals im Hilton Berlin, der Inge und mir minutiös den gesamten „Centipede 3“ zu erzählen. Szene für Szene, Detail für Detail, und als er fertig war, war ich total begeistert. Das war so sophisticated, so unerwartet, dass wir danach erst mal auf die Straße gegangen sind, weil Ilona und ich dringend rauchen mussten. Ich habe dann zum Vergnügen der Hotelportiers, die draußen die Taxis in Empfang nahmen, gleich angefangen, ein paar Sachen aus der Rolle vorzuführen. Den Gang zum Beispiel. „Look, so wird er gehen!“, habe ich gesagt und gezeigt, wie ich mir das vorstelle. Es hat sich dann im weiteren Verlauf wieder einmal gezeigt, dass Tom, Ilona und ich total auf einer Wellenlänge schwimmen, dass wir uns die Bälle spontan zuschmeißen können. Schon während Toms Erzählung hatte ich immer gleich gesagt, „Ah, ja, und das und jenes und dieses könnte man da einbauen“, und so haben wir uns gegenseitig wahnsinnig hochgeschaukelt.

Als wir wieder drinnen waren und schon die nächsten Getränke bestellten, kam tatsächlich das, was ich bereits bauchmäßig geahnt hatte, und Ilona sagte, „Dann sollten wir uns jetzt vielleicht in eine Ecke zurückziehen und verhandeln.“ Und obwohl das sonst die Inge übernimmt, habe ich sofort das Ruder an mich gerissen und gesagt, „Das mache heute wieder ich. Wir wollen die Tradition beibehalten und es wie beim ersten Film machen. Inge und Tom bleiben sitzen, die sollen mal weiter saufen, und Ilona und ich gehen schön verhandeln.“ Und das haben wir dann auch getan, und zwar beinhart, bis auf die letzten Knochen. Ich halte mich da immer an den Spruch: Nie etwas androhen, was man auch nicht wirklich umsetzen will. Doch Ilona ist ein wahnsinniger Profi, so dass ich mich sehr anstrengen musste, argumentativ gegenhalten zu können. Es war also wirklich tough. Schließlich kamen wir an einen Punkt, wo Ilona genau spürte, hier ist Ende der Fahnenstange erreicht. Dort haben wir dann alles mit Handschlag besiegelt und waren beide total happy, weil wir uns wirklich auf den Pfennig genau in der Mitte zwischen ihrem Angebot und meiner Höchstforderung getroffen hatten. Und das ist natürlich das beste Verhandlungsergebnis, das man erreichen kann. So sind wir also beide völlig befriedigt zum Tisch zurück und haben zum Tom gesagt, „It’s a deal.“

Danach wurde noch ein bisschen die Politik besprochen und unter anderem eben festgelegt, dass ich eisern die Schnauze halte, bis ich Bescheid darüber bekomme, wie viel ich erzählen kann. Also habe ich seit dem 11. August, dem Tag, an dem wir von London zurückgeflogen sind, immer nur kryptisch gesagt, ich drehe einen Film in Amerika mit amerikanischen Schauspielern und einer hundertprozentig amerikanischen Crew. Mehr Information war nicht erlaubt. Jetzt ist ja bekannt, dass Laurence und ich die Leading Parts spielen. Tom selber tritt aber auch auf, und ich habe absolut auf dem Boden gelegen vor Lachen, als er mir erzählt hat, wie das abläuft. Es ist unglaublich köstlich! Die Leute werden sich krank lachen. Und was mir an der ganzen Geschichte insgesamt so unglaublichen Spaß macht, ist, dass alles eben „100% politically incorrect“ ist. Darauf freue ich mich wahnsinnig.

WARTEN AUF’S DREHBUCH

Tom hat immer gesagt, „Zwei Monate vor Drehbeginn bekommst Du erst die Endfassung, denn ich will Dir kein Drehbuch schicken, in dem nicht auch die Location und der State, in dem wir drehen, mit verarbeitet ist.“ Und deshalb kriege ich es erst morgen [3. März] per FedEx zugeschickt. Drehbeginn ist im Mai in einem Southern State, aber in welchem, sage ich jetzt noch nicht. Ich weiß sogar schon mein Rückflugdatum, weil Ilona mir das zusichern musste. Denn wenn alles klappt, spiele ich im August bereits bei den Nibelungenfestspielen in Worms. Dorthin würde ich praktisch nahtlos von Amerika aus direkt hinfliegen, und es wird ein Vergnügen sein, nach so einer heftigen, extremen Method-Acting-Geschichte sofort auf die Bühne zu hüpfen. Lockerer kannst Du gar nicht sein, und das befruchtet sich gegenseitig. Außerdem ist das, was die da in Worms treiben, richtig hochkarätiges, teures Event-Theater, mit allen technischen Mitteln, die man sich nur denken kann. Alleine der Sound, den man dort noch in der letzten Reihe mitbekommt, ist total kinomäßig, und auch beleuchtungstechnisch sind die absolut brillant. Unglaublich, was die können!

Aber zurück zum „Centipede“: Obwohl ich die Endfassung des Drehbuchs ja noch nicht kenne, haben Tom und ich inzwischen schon viele Korrespondenzen mit Vorschlägen zu Kostüm, Accessoires und so weiter hinter uns gebracht. „It’s amazing, wie sehr wir auf einer Linie liegen“, hat er mir in seiner letzten Mail mal wieder geschrieben. Ich würde mein reines Vergnügen haben zu sehen, wie viele Punkte, die ich angesprochen habe, ohnehin im Drehbuch seien, aber das zeige eben, was für eine enorm gute Frequenz zwischen uns vorherrscht, oder wie die Psychologen, glaube ich, sagen: was für ein Rapport! Der Rapport zwischen uns ist jedenfalls phänomenal.

Aber auch der Vertrag, den ich in der Tasche habe, ist absolut fantastisch, weil Ilona eben genau weiß, dass sich manche Forderungen, die zunächst vielleicht etwas seltsam klingen mögen, am Ende fürs Produkt auszahlen. Tom und Ilona haben da wirklich eine hyperamerikanische, angelsächsische Arbeitsmethode, das heißt, du wirst als Schauspieler unglaublich gepflegt und wie ein rohes Ei behandelt, kriegst aber zugleich auch eine Riesenverantwortung rübergeschoben und bist in gewisser Weise verantwortlich für Deine Rolle. Du musst was liefern. Und mit so einer Verantwortung herumzulaufen, bringt mir einen Riesenspaß und ist tausendmal besser als bloßes „Heben Sie mal den rechten Arm und gehen Sie mal nach links und jetzt noch mal einen Schritt nach hinten und dann, nein, drehen Sie sich bitte über die linke Schulter, nicht die rechte etc.“ Das alles findet nicht statt.

LACKIERTE FINGERNÄGEL IM OFFICE BERLIN

Wenn ich jetzt morgen das Drehbuch bekomme, werde ich mich natürlich sofort darauf stürzen und in mein privates mentales Trainingslager begeben. Bis Drehbeginn befasse ich mich dann nur noch mit dieser einen Sache, denn es soll schließlich richtig geil werden. Ich ziehe mich also zurück und mache entweder alle Türen des Arbeitszimmers dicht oder gehe sogar aus der Wohnung raus. Dann klemme ich mir nämlich mein Drehbuch unter den Arm und sage zur Inge, „Ich gehe in mein Büro“, und das ist dann Berlin, irgendwo outside, ein Café oder ein Bahnhof oder ein Flughafen oder irgendein anderer Ort, von dem ich denke, dass er für die aller erste Begegnung mit dem Buch ideal ist. Denn die ist ungemein wichtig.

Man kennt das ja, man geht ins Kino und sieht einen Film und findet ihn ziemlich scheiße. Doch vielleicht ein halbes Jahr später oder ein Jahr später oder fünf Jahre später sagt man, „Was für ein Kunstwerk! Was für ein großartiger Film!“ Dass es dann nicht bereits beim ersten Mal gezündet hat, lag an der eigenen Tagesform. Und genauso kann es an der eigenen Tagesform liegen, dass ein Drehbuch einem nicht ins Gesicht springt. Das ist dieses berühmte erste Kennenlernen, der erste Eindruck, wie bei einem Vorstellungsgespräch, und dieser erste Eindruck ist essentiell. Den muss man sehr, sehr pfleglich aufbauen und sorgfältig behandeln. Das heißt, ich muss mir die Fingernägel lackieren, bevor ich das Drehbuch aufschlage, ich muss mir die Zähne putzen, ich muss mich parfümieren und mir vielleicht auch noch ´ne Dauerwelle machen – natürlich alles nur bildlich gesprochen.

Aber vielleicht lese ich auch gar nicht, sondern setze mich sofort hin und schreibe das gesamte Ding auf meinem Final Draft erst einmal ab. Denn es gibt ja in der Tat so etwas wie ein muskuläres Gedächtnis. Und das wird beim Handabschreiben aktiviert. So lernst du die Sachen sehr gut, und indes entdeckst du Raffinessen, die du beim normalen Lesen oder auch am Computer nicht so schnell checkst. Du schmeckst sie sozusagen auf der Zunge, während du schreibst. Und wenn du dann fertig bist, wenn alles abgeschrieben ist, dann hast du irgendwie das Gefühl, als gehöre dir der Text schon ein bisschen mehr. Obwohl das natürlich Schwachsinn ist. Der Körper sagt da einfach: Ich bin es, der dieses Drehbuch geschrieben hat. Das ist also mein ganz eigenes Drehbuch, und das drucke ich mir dann aus. Und vielleicht gehe ich erst daraufhin in mein Office Berlin – aber das werde ich ganz spontan und nach Bauchgefühl entscheiden. So wie ich es immer mache.

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