Die versunkene Stadt Z | Filmkritik: Eldorado im Schützengraben

30. März 2017

Die versunkene Stadt Z | Filmkritik

Wenn man sich mit eingefleischten Cineasten über David Lean austauscht und zugibt, „Lawrence von Arabien“ nur vom Fernsehbildschirm zu kennen, wird man sich wohl oder übel anhören müssen, erst dann ernsthaft behaupten zu können, diesen Klassiker des Biopics gesehen zu haben, wenn man ihn auf der Großleinwand gesehen hat. Trotz aller elitären Arroganz ist da einiges dran. Im Fall von James Grays („The Immigrant“) im besten Sinne altmodischem Abenteurerfilm nach realem Vorbild mag man vielleicht nicht ganz so streng sein, doch dass er dem analogen Kino Lean’scher Prägung näher steht als modernen CGI-Spektakeln, deren Ästhetik mit der Spielekonsole konkurrieren muss, lässt sich schwerlich bestreiten. Und weil es da auch keine Kompromisse gibt, ist „The Lost City of Z“ möglicherweise der Film, den Steven Spielberg seit langem vergeblich zu machen versucht.

Dabei mag man oberflächlich erst einmal an Werner Herzogs „Aguirre“ denken oder an „Apocalypse Now“, wenn es für den britischen Oberstleutnant Perry Fawcett und seine treuen Begleiter in den frühen Tagen des vergangenen Jahrhunderts auf einem einfachen Holzschiff für Wochen und Monate den Fluss hinab geht, quer durch Bolivien, durch die Altamarani-Stromschnellen, vorbei an Giftpfeile schießenden Wilden, geplagt von Hunger, Durst und tödlichen Krankheiten. Aber nein, dies ist keine Reise in das Herz der Finsternis (oder den nackten Wahnsinn), sondern der Beginn einer lebenslangen Forschungsreise.

Eigentlich geht es nur um die Vermessung der brasilianischen Landesgrenze, denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Kartographen noch auf reisende Entdecker angewiesen. Das kostet Zeit und entsprechend unaufgeregt ist auch das Erzähltempo. Zwei Jahre dauert die Expedition, während der Fawcett unerwartet auf (an sich recht dürftige) Spuren einer möglicherweise untergegangenen Zivilisation stößt – Auslöser einer fixen Idee, die ein ganzes Leben lang hell leuchten wird. Zurück in der Heimat sieht er sich zunächst mit größtmöglicher Skepsis konfrontiert (fortgeschrittene Indios? Ausgeschlossen), doch dank ungebrochener Leidenschaft und visionärer Kraft gelingt es ihm schließlich, auch seine schärfsten Kritiker zu überzeugen und eine weitere Expedition zu finanzieren.

Die versunkene Stadt Z | Charlie Hunnam, Tom Holland

Nichts davon ist erfunden, und wer auf den daherfabulierten Nonsens reinfällt, der sich hier und da lesen lässt, Fawcett sei die Inspiration für Indiana Jones gewesen, wird den falschen Film erwarten (auch dank des deutschen Werbeplakates, das sichtbar an „Tempel of Doom“ angelehnt ist). Dies ist kein Schatzsucherabeteuer mit lässigen Helden und mytholgischem McGuffin-Plunder. „Z“ erzählt eine Geschichte von Entdecktertum, aufrecht und frei von persönlicher Bereicherung oder politischen Implikationen. Der Fawcett dieses Films ist eine Art Eskapist, der selbst in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs noch von den goldenen Zinnen seiner versunkenen Stadt irgendwo im Amazonas träumt – einem idealischen Sehnsuchtsort, der aller Barbarei der Gegenwart (und einer unbekannten, noch grausameren Zukunft) eine friedliche Utopie entgegensetzt.

Und doch ist es keine naive Figur, die Charlie Hunnam („Pacific Rim“) mit Bescheidenheit, Zurückhaltung und gänzlich frei von Verbissenheit anlegt. Ursprünglich war die Rolle einmal für Brad Pitt gedacht und man kann sich vorstellten, wie das die Gewichtung des Film verlagert hätte und wie Fawcett unter anderen Bedingungen wahlweise strahlender oder merklich schillernder ausgefallen wäre. Beides liegt Gray und seinem Hauptdarsteller fern. Natürlich gibt es sie, die Schattenseiten der Figur, und sie manifestieren sich vor allem im Verhältnis zu ihrer Familie (der Sohn [Tom Holland], der seinen Vater kaum kennt, die Ehefrau [Sienna Miller], die trotz aller überraschenden Modernität letztlich doch an traditionellen Rollenbildern scheitert). Doch „Z“ ist weder Starvehikel noch Psychogramm und Fawcett auch nicht T.E. Lawrence. So genügen ein paar Pinselstriche, um ihn glaubwürdig zu halten, ohne dabei übermäßig in die Tiefe zu gehen.

Gray und sein DOP Darius Khondji haben ihren Film auf Film aufgezeichnet. 35mm, frei von jener digitalen Verschwendungssucht, die das moderne Kino beherrscht. Film ist Ökonomie, das präzise Planen jeder Aufnahme, jedes Schwenks und späteren Schnitts, verbunden mit einer unvermeidlichen Ungewissheit, ob am Ende alle Mühe umsonst war. Nichts könnte dem Thema von „Z“ angemessener sein. Behutsam und mit Bedacht ist jedes Bild komponiert (Second Unit: David Roddham). Das ist Kino aus einer anderen Zeit und alle Beteiligten sind sich dessen sichtbar bewusst. Irgendwann einmal teilt die langsam rinnende Spur einer sich leerenden Flasche die Leinwand in der Horizontalen (Fawcetts treuer Begleiter Henry Costin – ein bärtiger Richard Pattinson – muss vor Antritt der ersten Reise allem Alkohol abschwören) und blendet dann über auf einen fahrenden Zug, mit dem das Abenteuer beginnt. Wer hier nicht an David Lean denkt, hat „Lawrence of Arabia“ tatsächlich nie gesehen. [LZ]

OT: The Lost City of Z (USA 2016). REGIE: James Gray. BUCH: James Gray. MUSIK: Christopher Spelman. KAMERA: Darius Khondji. DARSTELLER: Charlie Hunnam, Sienna Miller, Robert Pattinson, Tom Holland, Edward Ashley, Angus Macfadyen, Ian McDiarmid, Clive Francis, Franco Nero. LAUFZEIT: 141 Min.

Die versunkene Stadt Z | Filmplakat

[Abbildungen: Studiocanal]

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