Die Taschendiebin | Filmkritik: Alles Lug und Trug

11. Juni 2017

Die Taschendiebin

[Lesedauer: ca. 2:40 Minuten]

Nicht, dass es im Grundsatz irgendwer leicht hätte im Erzählkosmos von Park Chan-wook, aber für Liebende ist die Angelegenheit nochmal eine Stufe verzwickter. Sollte da für die Beteiligten überhaupt so etwas wie ein Happy End drin sein, dann bitte mindestens als menschliche Atombombe, die nicht zündet („I’m a Cyborg, but that’s OK“), oder als Kreatur der Nacht, die im Morgengrauen zu Staub und Asche zerfällt („Durst“). In gewissem Sinn kann man „Die Taschendiebin“ als Abschluss einer weiteren thematisch ausgerichteten Trilogie in seinem Oeuvre lesen (also Liebe statt Rache), zumal die Geschichte einer eigenwilligen ménage à trois selber dreigeteilt erzählt wird. Und wie bei dem Südkoreaner nicht anders zu erwarten, erweist sich die (un)heilige Dreifaltigkeit selbstredend als ein zweischneidiges Schwert.

Da ist die (jedenfalls im Englischen und Deutschen) titelgebende Sook-hee, die sich als Dienstmädchen Zugang zur weltfremden, aber dank eines umfangreichen Erbes sehr wohlhabenden Hideko verschafft, um ihr die Heirat mit dem Grafen Fujiwara schmackhaft zu machen. Doch der ist so wenig von adligem Geschlecht wie Sook-hee eine Magd. Als gerissene Trickbetrüger verfolgen die beiden einen perfiden Plan: Nach der Hochzeit soll Hideko in eine psychiatrische Klinik verbracht werden, damit sich das Duo mit ihrem beträchtlichen Vermögen aus dem Staub machen kann. Doch die falsche Zofe verfällt der Schönheit und entwaffnend-verführerischen Naivität ihres Opfers zunehmend. Keine leichte Aufgabe also für ihren Kompagnon, sie weiterhin auf Kurs zu halten.

Die Taschendiebin

So oder ähnlich könnte man die Geschichte des Films nacherzählen. Aber das wäre ganz schön unlauter, denn keine der Erwartungen, die sich da unvermeidlich einstellen, werden auch nur ansatzweise erfüllt. „Die Taschendiebin“ besteht aus drei Kapiteln und jedes einzelne nimmt eine eigene Perspektive ein, die dem verblüfften Zuschauer vorhält, wie leicht er sich an der Nase herumführen lässt. Aber tja, dies ist nun einmal ein Film über Täuscherei und Taschenspielertricks, warum also sollte man als unbeteiligter Beobachter verschont bleiben und nicht selber in eine Falle nach der anderen tappen?

Dabei könnte man bereits nach den ersten Minuten gewarnt sein. Ganz offenbar verabschiedet sich da eine junge Frau namens Tamako auf dem Weg in ein besseres Leben von ihrer in Armut lebenden Familie. Als Erinnerung gibt ihr die Mutter noch rasch eine schmucke Haarnadel mit auf den Weg, dann geht es durch strömenden Regen in gehobenere Gefilde. Dank einer Empfehlung hat sich Tamako nämlich eine Stelle im Haushalt eines japanischen Edelmanns und Sammlers wertvoller Bücher sichern können, dessen Nichte sie fortan zu Diensten sein soll. Doch nichts davon entspricht der Wahrheit.

Tamako, das ist lediglich Sook-hees Tarnname und die vermeintliche Familie eine Gruppe berufsmäßiger Kleinkrimineller, die in der Hauptsache davon lebt, Waisenkinder aufzupäppeln und an reiche Japaner weiterzuverkaufen. Die Haarnadel der falschen Mutter (tatsächlich der Kopf der Gruppe) erweist sich als Schlüssel zu einem Geheimfach mit gestohlenen Gegenständen, und der japanische Edelmann ist eigentlich ein Halbkoreaner, der zur Finanzierung seines Luxuslebens wertvolle Bilder und Bücher fälscht und seine Nichte in die Ehe mit ihm zwingen will, um an ihr Vermögen zu gelangen. Lediglich letztere ist echt, aber als einzige Figur dieser Geschichte mit irgendeiner Form von familiärer Beziehung zugleich auch eine willenlose Marionette ihres Onkels: Als Vorleserin erotischer Literatur – deren Fälschungen er im Anschluss veräußert – versetzt sie seine potentiellen Kunden in die richtige Stimmung für einen ausgeprägten Kaufrausch.

Die Taschendiebin

Lug und Trug also, wohin man schaut. Kein Wunder, dass überall Spiegel zu sehen sind, in denen die mehrgesichtigen Figuren von der Kamera eingefangen werden. Und umso ironischer, dass Hideko lediglich eine einzige Sache von ihrer neuen Magd verlangt: nämlich nicht zu lügen – nur um sie dann gleich einmal einer (wohlgemerkt unfalsifizierbaren) Wahrheitsprüfung zu unterziehen. Und auch der Film selber ist eine Art Lügenspiel. Beruht er doch oberflächlich auf einem Roman von Sarah Waters, den er aus dem viktorianischen England ins japanisch besetzte Korea der 1930er Jahre verlegt (ähnlich war PCW im Fall von „Durst“ bereits mit Zolas „Thérèse Raquin“ verfahren). Doch nicht der Orts- und Zeitenwechsel ist die entscheidende Maskerade, sondern die Tatsache, dass es eine ganze Weile so scheint, als halte sich der Film weitestgehend an seine Vorlage. Doch die Täuschung könnte nicht größer sein, denn den letzten Akt des ebenfalls dreigeteilt aufgebauten Romans ersetzt er komplett, reichert ihn gar mit einer Prise Torture Porn an und erzählt damit auch rückwirkend eine gänzlich andere Geschichte.

Dass die Bilder gewohnt erlesen sind, versteht sich von selbst. Ein bisschen Altherrenfantasie mag in den wenigen (und sehr zurückhaltenden) Erotiksequenzen durchscheinen, doch um Park daraus einen Vorwurf zu stricken, reicht es nicht. Stattdessen sollte man ihm dankbar sein, dass ein gewisser ironischer Humor den Film verlässlich davor bewahrt, ins Melodramatische abzudriften. So hingegen funktioniert er als multiples Schelmenstück, das selbstredend nicht so ganz ohne Rache auskommt. [LZ]

P.S.: Eine limitierte Sonderedition der gerade in Deutschland erschienenen DVD- und Blu-ray enthält neben einem 140-seitigem Fotobuch und Parks iPhone-Film „Night Fishing“ eine 23 Minuten längere Schnittfassung, die uns zur Rezension jedoch nicht vorlag.

OT: Agassi (KR 2016). REGIE: Park Chan-wook. BUCH: Park Chan-wook, Jeong Seo-kyeong. MUSIK: Jo Yeong-wook. KAMERA: Chung Chung-hoon. DARSTELLER: Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Jo Jin-woong, Kim Hae-suk, Moon So-ri . LAUFZEIT: 145 Min. VÖ: 08.06.2017.

Die Taschendiebin | DVD-Cover

[Abbildungen: Koch Films]

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