Die Mumie (2017) | Filmkritik: Cruise und Crowe kloppen sich

09. Juni 2017

Die Mumie (2017)

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Sagen wir es gerade heraus: Dies ist ein sehr, sehr dummer Film. Das muss erst einmal nichts heißen, denn dumme Filme können durchaus ziemlich unterhaltsam sein. Jim Wynorski etwa hat seine gesamte Karriere auf sehr dummen Filmen aufgebaut. Die müssen einem nicht gefallen, aber dass sie langweilen, das kann man ihnen in der Regel kaum vorwerfen. Ganz anders im Fall dieses neuerlichen Aufgusses des altägyptischen Wiederkehrers aus der Mottenkiste von Universal, mit dessen Budget Wynorski bis ans Ende seiner Tage die Kameras laufen lassen könnte. Noch nicht deutlich genug? Dann versuchen wir es einmal so: „Die Mumie“ ist für Tom Cruise, was „Hudson Hawk“ für Bruce Willis war – das Papier nicht wert, auf dem beide ihre Verträge unterschrieben haben.

Nun beruht dieser sehr dumme Film bereits auf einer sehr dummen Grundidee, also muss man sich angesichts des Ergebnisses gar nicht sonderlich wundern. Dazu gibt es eine märchenhaft anmutenden Vorgeschichte: Bei Universal hat man sich nämlich lange Zeit ein Loch in den Bauch darüber geärgert, dass Sony und Warner mit ihren eigenen Superhelden-Reihen eine Menge Geld einfahren. Was aber tun, wenn es außer Marvel und DC keine weiteren Blockbuster-Comicverlage gibt, deren gut etablierte Marken man für die Zweitauswertung auf der Großleinwand melken könnte? „Heureka!“ mag irgendwann ein Genius aus der Entwicklungsabteilung gerufen haben: Warum statt fremder nicht einfach die eigenen Archive plündern? Denn da schlummert schließlich blockbusterfähiges Gold.

Die Mumie (2017) | Sofia Boutella

Für die themenfremden Anzugträger/innen in der Chefetage eine steile These. Was soll denn Universal schon in der Hand halten, das sich für ein Franchise vom Kaliber der „Avengers“ oder der „Justice League“ eignet? „Ach, Ihr Ahnungslosen“, hat man sich leise gedacht und laut geantwortet: „Na, die alten Monster natürlich!“ Frankenstein, Dracula, der Unsichtbare, der Wolfman, Dr. Jekyll und – genau – die Mumie, vielfach bewährte Inhouse-Marken aus den 1920ern bis 40ern. Die lassen sich prima modernisieren und unter einem gemeinsamen Dach zusammenführen. Und damit jeder sofort begreift, dass es sich hier um ein filmisches Universum mit jeder Menge Ableger- und Merchandising-Potential handelt, tauft man die Angelegenheit vielversprechend auf „Dark Universe“. Prominent besetzt mit einer Riege etablierter Superstars wie Johnny Depp, Javier Bardem, Russell Crowe, Tom Cruise und geschrieben von Top-Drehbuchautoren (David Koepp, Jon Spaihts, Christopher McQuarrie) – was soll da schon schiefgehen?

Nun, seit dem Remix von „The Mummy“ wissen wir die Antwort: Alles. Was da mit mächtigem Tamtam über die Leinwand flimmert, ist orientierungsloses Stückwerk ohne Sinn und Verstand, dafür aber mit einem überforderten Hauptdarsteller, dem das Geschehen ordentlich um die Ohren fliegt. Die Mumie ist diesmal eine jahrtausendelang lebendig begrabene und deshalb ziemlich schlecht gelaunte Pharaonentochter, die sich nach der Befreiung aus ihrer Gefangenschaft (im Irak!?) ausgerechnet den gut trainierten Körper von Tom Cruise (zum Beweis eine Nacktszene) als Gefäß für den altägyptischen Chaosgott Seth aussucht. Warum? Egal. Bevor es aber zur Inkarnation kommen kann, muss erst die US-Armee einen Wüsteneinsatz fliegen, ein Flugzeug effektvoll ab-stürzen (ein bisschen „Mission: Impossible“ geht immer), der Londoner Untergrund fast ein-stürzen und Russell Crowe sich um Kopf und Kragen chargieren.

Die Mumie (2017) | Russell Crowe

Letzterer gibt sich nach etwa der Hälfte des Films als Leiter einer ominösen Geheimorganisation bekannt, die Jagd auf das Böse in der Welt macht (also das Pendant zu S.H.I.E.L.D. im „Dark Universe“) und erweist sich kurz darauf als gespaltene Persönlichkeit mit akademischem Titel (na, wer könnte das wohl sein?). Das wirkt so albern, dass man laut auflachen möchte, doch dafür ist die Angelegenheit zu ärgerlich und der Absturz in die ungewollte Selbstparodie zu tief. Cruise hingegen gibt einmal mehr den Hallodri, der geläutert wird – eine Rolle, von der man glaubte, er hätte sie mit 4 Jahren über 50 endgültig hinter sich gelassen. „Sie sind ein junger Mann“, bekommt er stattdessen einmal von Crowe zu hören, und der meint das nicht als Witz. Aber bevor man sich fragen kann, ob man das wirklich gerade gehört hat, prügeln sich die beiden bereits munter durch die Szenerie. Cruise und Crowe beim Rangeln, das hat man schon immer sehen wollen. Oder auch nicht.

Wem es zwischendurch zu langweilig wird, der kann zum Zeitvertreib eine Liste mit Versatzstücken aus Filmen führen, bei denen sich hier munter bedient wird. Da fallen einem zum Beispiel die (un)lustigen Gespräche mit dem toten Freund auf („American Werewolf“) oder das vampireske Aussaugen nutzloser Statisten durch die Pharaonentochter („Lifeforce“) und selbstverständlich der gewaltige Sandsturm, der durch London fegt und dabei Gesicht zeigt (direkt der früheren Mumienwiederbelebung bzw. deren Sequel von 2001 entnommen). Dass der ganze Budenzauber am Ende auf eine superheldentypische Origin-Story hinausläuft, setzt dem Fass die Krone auf – oder hier eher dem Sarkophag den Deckel. Ein Film, der einbalsamiert und für die nächsten Jahrhunderte vergraben gehört. [LZ]

OT: The Mummy (USA 2017). REGIE: Alex Kurtzman. BUCH: David Koepp, Christopher McQuarrie, Dylan Kussman. MUSIK: Brian Tyler. KAMERA: Ben Seresin. DARSTELLER: Tom Cruise, Annabelle Wallis, Russell Crowe, Sofia Boutella, Jake Johnson, Courtney B. Vance, Marwan Kenzari, Selva Rasalingam . LAUFZEIT: 110 Min.

Die Mumie (2017) | Filmplakat

[Abbildungen: Universal]

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