Die langen hellen Tage | Filmkritik

15. März 2015

Die langen hellen Tage

Ein ungewöhnliches Geschenk wird im Spielfilmdebüt der georgischen Regisseurin und Drehbuchautorin Nana Ekvtimishvili (Co-Regie: Simon Groß) zur treffenden Zustandsbeschreibung einer zerrütteten Gesellschaft. Von einem Verehrer erhält die selbstbewusste Natia eine Pistole, welche die Teenagerin gegen die Gewalt um sie herum beschützen soll. Es ist ein Liebesbeweis der besonderen Art. Eine eigentlich seltsame Geste der Zuneigung, die im Kontext des unaufgeregten Coming-of-Age-Dramas allerdings vollkommen selbstverständlich erscheint.

Natia und ihre beste Freundin Eka erleben das postsowjetische Georgien und dessen dahinsiechende Hauptstadt Tiflis aus nächster Nähe. Wir schreiben das Jahr 1992. Das Land am Kaukasus befindet sich im Bürgerkrieg mit der abtrünnigen Provinz Abchasien und sieht sich dem schleichenden Verfall alter Strukturen ausgesetzt. Lebensmittel werden zu umkämpften Gütern, Gemeinschaftssinn ist nur noch selten zu spüren und derbe Beleidigungen sind ständig an der Tagesordnung. Inmitten dieser erdrückenden Zustände versuchen Eka und Natia, sich irgendwie zu behaupten, ihren Weg zu finden, streben dabei jedoch in unterschiedliche Richtungen. Während die kesse, nie um einen Spruch verlegene Natia sich unerwartet einer Zwangsheirat beugt, entwickelt ihre Freundin eine Selbstsicherheit, die sie am Ende zu einem überraschenden Schritt veranlasst.

Die Macher tauchen ihre beklemmende, aber erstaunlich nüchtern gefilmte Geschichte in entsättigte Farben, die zum einen die schwierigen Verhältnisse spiegeln, zum anderen aber auch den Eindruck verblassender Erinnerungen hervorrufen und damit die autobiografische Verfasstheit der Geschehnisse unterstreichen. Immerhin verarbeitet Ekvtimishvili hier ihre eigene Jugendzeit im Tiflis der frühen 1990er Jahre. Beachtlich ist vor allem, wie es die Filmemacher trotz aller Trostlosigkeit schaffen, sentimentale oder effekthascherische Darstellungsweisen konsequent zu vermeiden. Der Bürgerkrieg wird beispielsweise nie konkret ins Bild gezerrt, ist lediglich über Nachrichtenmeldungen oder vereinzelte Dialogpassagen präsent, legt sich aber trotzdem wie ein bleierner Schleier über die Handlung.

Die langen hellen Tage

Die langen hellen Tage

Ähnlich verfahren Ekvtimishvili und Groß mit der Gewalt, die von Anfang an (ein Radiosprecher betont gleich in den ersten Einstellungen den traditionellen Kampfgeist der Georgier) spürbar ist, allerdings nur selten direkt hervorbricht. Häufig reichen Andeutungen und kurze Einblicke in das Leben der im Mittelpunkt stehenden Familien, um die Wut und die Orientierungslosigkeit der Menschen deutlich werden zu lassen. So spricht Natias Großmutter des Öfteren davon, dass sie die aufmüpfige Enkelin irgendwann in Stücke reißen werde.

Noch aggressiver zeichnet der Film die männlichen Figuren, die den drohenden Verlust früherer Gewissheiten nicht verwinden können. Die Väter sind entweder alkoholkrank und tyrannisch (Natia) oder aber komplett abwesend, da sie im Gefängnis sitzen (Eka). Fortgeführt wird dieses wenig schmeichelhafte Bild in Natias Ehemann, der sich als besitzergreifender, gefühlskalter Hitzkopf entpuppt. Den schwersten Stand hat in diesem Umfeld bezeichnenderweise der zurückhaltende Jugendliche, der Natia die ominöse Pistole schenkt.

Auch wenn die Macher mit einem beklemmenden Szenenbild – graue Betonklötze und ranzige Fassaden sind allgegenwärtig – Niedergang und Perspektivlosigkeit evozieren, gibt es doch Augenblicke, die (dem hoffnungsvollen Titel entsprechend) positive Zeichen setzen: Etwa der von Eka eingeleitete Aufstand der Schulklasse gegen die herrische Lehrerin, der mit einem spaßigen Autoscooter-Nachmittag endet. Oder aber die reife, wegweisende Entscheidung, die das junge Mädchen im Finale trifft, als Gewalt und Hass überzukochen drohen. Nicht zuletzt diese kleinen Momente sind es, die das preisgekrönte Drama, das unter anderem von der Redaktion des Kleinen Fernsehspiels unterstützt wurde, zu einem berührenden, kraftvollen Filmerlebnis machen. [Christopher Diekhaus]

Die langen hellen Tage

OT: Grzeli nateli dgeebi (GE/DE/FR 2013) REGIE: Nana Ekvtimishvili, Simon Groß. BUCH: Nana Ekvtimishvili. KAMERA: Oleg Mutu. DARSTELLER: Lika Babluani, Mariam Bokeria, Zurab Gogaladze, Data Zakareishvili, Ana Nijaradze, Maiko Ninua, Tamar Bukhnikashvili, Temiko Chichinadze, Berta Khapava, Sandro Shanshiashvili. LAUFZEIT: 96 Min (DVD). VÖ: 13.03.2015.

Die langen hellen Tage

[Abbildungen: absolut Medien GmbH]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

David Cronenberg | Verzehrt

Kommentare sind geschlossen.