Die Höhle (In darkness we fall) | Filmkritik

25. Oktober 2014

Die Höhle (In Darkness we fall)

Die ersten Minuten kann man sein Glück kaum fassen: Entfesselt schwebt die Kamera über die grüne und felsige Landschaft von Formentera. Irgendwann erreicht sie ein Zeltlager, das seltsam menschenleer ist. Überhaupt wirkt die ganze Insel verlassen und unbewohnt. Vielversprechend und keine Spur von FoundFootage. Dann jedoch ist der Spaß vorbei, der Film reist ein paar Tage in der Zeit zurück und packt die Handkamera aus. Fortan gilt wackeln, was das Zeug hält, und möglichst bald auf Nachtsicht schalten. Hundertmal schon gesehen und selten weniger belanglos. Wer jedoch frühzeitig aussteigt, verpasst einen überraschend packenden dritten Akt, der einiges wieder wettmacht.

Eine Zeitlang fällt es schwer zu entscheiden, was einem mehr auf die Nerven geht: die belanglosen Figuren oder die vorhersehbare Handlung. Eine Fünfergruppe aus zwei Frauen und drei Männern irgendwo zwischen 20 und 30 treibt es für ein paar Tage spätpubertären Spaß auf die Baleareninsel. Zeltlager mit Nacktbaden, Pilzraucherei und einer gefühlten Ewigkeit aus belanglosem Gerede über dies und das. Ach ja, und dann die ständigen Begleitung durch eine Digitalkamera, die für einen privaten Videoblog filmt. Wie aufregend.

Als der Trupp auf ein Höhlensystem in den Felsklippen stößt, braucht man kein Abitur, um zu wissen, was als nächstes droht: Die Fünferbande klettert hinein und findet den Weg zurück nicht mehr. So kommt es und zunächst bleibt die einzig leidlich spannende Frage, welcher der Charaktere, von denen man keinen leiden mag, wohl als erster dran glauben muss (ein Insider-Joke setzt auf den Farbigen, der freilich nicht dabei ist).

Die Höhle (In Darkness we fall)

Welches Klischee mag nun folgen, wundert man sich und wartet ungewollt auf die Höhlenkreaturen aus Neil Marshalls beklemmendem Klaustrophobie-Schocker „The Descent“ oder esoterischen Budenzauber wie im kürzlich angelaufenen Wackelbild-Grusler „Katakomben“. Dann jedoch gelingt dem Film eine schleichende Wende, die man aufgrund des standardisierten Verlaufs so eher nicht erwartet hätte: Aus dem herkömmlichen Handkamera-Einerlei entwickelt sich langsam aber sicher ein Genre-Kammerspiel, in dem sich zwei der Figuren zu echten Antagonisten entwickeln.

Als das Wassser knapp wird, setzt die Zurechnungsfähigkeit ebenso aus wie die Moral, und der verzweifelte Versuch, dem Höhlenlabyrinth zu entkommen, gerät zum Überlebenskampf, bei dem es keine Verbündeten gibt. Im durchaus spannenden Finale bekommt die ansonsten eher bemüht motivierte Handkamera eine zentrale Funktion und macht bestimmte Verläufe überhaupt erst möglich.

Angesichts der Co-Autorenschaft von Javier Gullón wundert diese Entwicklung weniger als der klischeelastige Einstig, gehört er doch mit Titeln wie „Agnosia“, „Hierro“ und dem von Denis Villeneuve inszenierten „Enemy“ zu den aktuell interessantesten Genre-Autoren Spaniens. Dass den beiden Hauptdarstellern Marta Castellote und Xoel Fernández vorab arg wenig Raum gelassen wird, ihre Figuren zu entwickeln, ist ein echtes Manko und raubt dem Film vor allem im hinteren Drittel eine Menge Wirkkraft.

Trotz aller Einwände bieten die überschaubaren rund 75 Minuten einen zunehmend schweißtreibenden Snack. Die völlig absurden Warnhinweise des Covers allerdings hätten selbst William Castle ein Kopfschütteln abverlangt. [LZ]

P.S.: Auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest lief „La Cueva“ noch unter dem etwas weniger nichtssagenden Titel „In Darkness we fall“, den sich die Verleiher für den englischsprachigen Markt ausgedacht haben.

Die Höhle

OT: La Cueva (ES 2014) REGIE: Alfredo Montero. BUCH: Javier Gullón, Alfredo Montero. MUSIK: Carlos Goñi. KAMERA: Alfredo Montero. DARSTELLER: Marta Castellote, Xoel Fernández, Eva García-Vacas, Marcos Ortiz, Jorge Páez. LAUFZEIT: 77 Min (DVD), 80 Min (Blu-ray). VÖ: 14.10.2014.

Die Höhle (In Darkness we fall)

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment | Filmax]

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