Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss | Agent in der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

06. November 2014

Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss

Koralnik könnte der perfekte Agent sein: perfektionistisch, umsichtig, ehrgeizig, skrupellos. Er könnte der perfekte Agent sein, wenn man ihn nur lassen würde. Denn obwohl er angeblich zu einer Spezialeinheit der EU gehört und Europa ihn braucht, hat er die ersten acht Jahre seines Dienstes bislang keinen einzigen Auftrag erhalten. Wie frustrierend.

Niemand musste aus dem Weg geräumt oder gerettet, kein geheimer Bericht gelöscht oder wiederbeschafft werden. Die Anrufe bei seinem Chef, dem Generalleutnant (Wolf Roth), bleiben vergebens – zumal er jedesmal im Callcenter oder (auch im übertragenen Sinne) in der Warteschleife hängen bleibt. Alles, was er bekommt, ist die allzeit gleiche Ermahnung: Geduld, es kann jederzeit etwas passieren.

Der Spezialagent mit der Lizenz zum Töten ist also chronisch abrufbereit und dabei ziemlich einsam, denn ein Privatleben erlaubt er sich keins. Die Tarnung muss schließlich gewahrt werden, und zwar immer. Leerlauf und Gleichförmigkeit bestimmen seinen Alltag. Das ändert sich schlagartig, als ihm die angebliche Medizinerin Rosa (Mavie Hörbiger) in den Wagen fährt und ihn als Wiedergutmachung zum Essen einlädt. Doch das ist nur ein Vorwand, denn tatsächlich ist sie eine Trickdiebin, die ihm bald schon einen Schuss Tranquilizer ins Getränk mischt.

Ausgerechnet als er im Delirium herumtaumelt und stammelt, kommt die langersehnte Nachricht: eine Mission! Endlich kann es losgehen. Koralnik macht sich an die Arbeit, denn darauf hat er zu lange gewartet, auch wenn er gerade nicht einmal stehen kann. Mit Drogen im Blut und einer verwirrten Rosa an der Seite crasht er auf dem Weg eine Hochzeit, verliert ein Gliedmaß, kommt ins Gefängnis und macht sich auf allerlei Weise zum Affen, nur um am Ende in einem heruntergekommenen Appartement in Belgien aufzulaufen und sein ganzes Leben in Frage zu stellen.

Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss

„Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss“ eröffnete diesen Oktober die 24. Cologne Conference und wurde dort ausgiebig gefeiert. Es wurde viel gelacht und auch mit Szenenapplaus nicht gegeizt. Kein Wunder. Im direkten Vergleich zur regulären deutschen Lustspiellandschaft kommt der Film mit dem augenzwinkernd von Peter Handke entlehnten Titel und unübersehbarer Vorliebe für tarantinoeske Gaga-Szenarien als herrlich unglamouröse Offbeat-Komödie daher, der es auf angenehm entspannte Weise gelingt, die üblichen Klischees nicht nur außen vor zu lassen, sondern mit den gängigen Allgemeinplätze auch noch durchweg originell zu jonglieren.

Das gilt vor allem für seine Hauptfigur. Statt Banalitäten zu bemühen, bieten Regiedebütant Florian Mischa Böder, Co-Autor Clemente Fernandez-Gil und Hauptdarsteller Benno Fürmann ganz bewusst und bemerkenswert unangestrengt keinen Helden, „der 40 Kugeln abbekommt, dann noch einen Kilometer joggt, um die Frau zu retten, sondern jemand, der aus dem Hochpaterre springt und sich das Bein verstaucht.“ Eine Art Clouseau.

„Koralnik ist so ziemlich die absurdeste Figur, die ich je gespielt habe. Ein humorloser Mensch, der irgendwann definiert hat, was er sein möchte im Leben und dabei bleibt er, egal wie überholt dieses Bild ist“, erzählt uns Fürmann im Interview. „Er hat eine Idee von sich konserviert, die aber eigentlich schon längst überholt ist.“ Ein Agent „mit Edel-Hartz IV“, zur Untätigkeit verdammt und trotz allem voller Vertrauen und Unterwürfigkeit seinem Arbeitsgeber gegenüber: Es macht Spaß, ihm in der Verkörperung durch seinen sichtbar gut aufgelegten Darsteller bei all seiner Unbeholfenheit, seiner fast schon preußischen Beflissenheit und dem ständigen Auf und Ab an der Startrampe zuzuschauen, bevor er dann alles vermasselt, worauf er jahrelang gewartet hat.

Insgesamt bietet dieser in Kooperation mit Arte und dem „Kleinen Fernsehspiel“ entstandene und in Locarno uraufgeführte Erstling die willkommene Gelegenheit, sich ein wenig mit dem hiesigen Filmschaffen zu versöhnen – auch wenn trotz Förderung von allen Seiten (Film- und Medienstiftung NRW, DFFF) bundesweit nur lächerliche 40 Kopien in den Umlauf kommen und einiges dafür spricht, dass ein öffentlich-rechtlicher Eingriff ins Finale nicht abgewehrt werden konnte. [Laila Oudray]

Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss

OT: Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss (DE 2014) REGIE: Florian Mischa Böder. BUCH: Florian Mischa Böder, Clemente Fernandez-Gil. MUSIK: Josef Bach, Arne Schumann, Tobias Wagner. KAMERA: Matteo Cocco. DARSTELLER: Benno Fürmann, Mavie Hörbiger, Wolf Roth, Rolf Berg, Erik Madsen. LAUFZEIT: 80 Min.

Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss

[Abbildungen: Camino Film]

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