Die Augen des Engels | Filmkritik

08. Juni 2015

Die Augen des Engels

Es ist vermutlich eher Zufall, dass Michael Winterbottoms seltsam irrealer Italien-Trip augerechnet im nahen zeitlichen Umfeld von Dantes 750. Geburtstag in die Kinos gelangt. Nichtsdestotrotz scheint er sich ebenso nahtlos wie ungewollt in die momentan allgegenwärtige Feuilleton-Würdigung des mittelalterlichen Dichterfüsten (Alighieri übrigens, nicht Joe) einzufügen. Dabei spricht eine Weile lang gar nichts dafür, dass die berühmteste aller Jenseits-Reisen nach und nach von diesem Film Besitz ergreifen wird, der an der Oberfläche zunächst eine Art fiktionale Aufarbeitung des langwierigen Mordprozesses um Amanda Knox zu sein scheint.

Doch genau das ist er nicht und so spricht der Originaltitel auch nicht von den Augen, sondern dem Gesicht eines Engels, denn einem solchen begegnet der Protagonist auf unterschiedliche Weise mehrfach. Wer also fälschlicherweise eine spekulative Auseinandersetzung mit dem berüchtigten Kriminalfall erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Dabei geht es ihm dann wie den Produzenten des Films im Film, die sich von dem zuletzt erfolglosen deutschen Regisseur Thomas Lang (Daniel Brühl) eine möglichst reißerische Tabloidstory erhoffen und beim ersten Gespräch weniger über Inhalte als lieber über die Besetzung der Hauptrolle sprechen wollen.

Doch der Filmemacher hat weder einen Plan, was er aus der realen Geschichte machen soll, noch Interesse an einer fiktiven Skandalisierung des Falls. Privat belastet von Scheidung und eingeschränktem Kontakt zu seiner Tochter, enden alle Versuche, sich dem Stoff zu nähern, in einer künstlerischen wie emotionalen Sackgasse – zum Beispiel in Gestalt der Journalistin Simone Ford (Kate Beckinsale), mit der sich Thomas in eine ziellose Affäre stürzt, um erst seine Schreibblockade und dann eine allgemeine Sinnkrise zu überwinden. Nichts davon gelingt ihm.

Die Augen des Engels

Simone ist einer jener (vermeintlichen) Engel, bei denen der aus der Bahn geworfene Filmemacher nach Erlösung sucht, ein anderer Elizabeth, das Mordopfer, der Thomas freilich nur in Traum und Fantasie begegnet. Und schließlich Melanie (Cara Delevingne), eine junge Studentin aus England, die für den Filmemacher ein bisschen zur lebenden Version von Elizabeth wird und ihm am Ende als einzige wirklich einen Ausweg weisen kann.

Allen diesen Frauen ist gemeinsam, dass sie – wie Thomas selbst – Fremde auf fremdem Boden sind (Hauptschauplatz ist Siena), in einer Stadt, die sich der Ankunft des 21. Jahrhunderts mühelos verweigert und die Figuren so ein Stück weit aus ihrer eigenen Zeit zu entwinden scheint. Für den haltlos gewordenen Filmemacher führt diese Ausgangslage zunehmend in einen Schwebezustand zwischen Depression und Vision, in dem die Grenzen aus Realität, Fantasterei und Drogenrausch (für Protagonisten und Zuschauer gleichermaßen) fließend sind.

Keinem der Engel, die Thomas begegnen, kommt er wirklich nah, denn jeden von ihnen gibt es auch ohne ihn: Simone erreicht er emotional nicht, Elizabeth ist tot und Melanie zu jung, um mehr zu sein als eine Art Ersatztochter. Bea, seine echte Tochter, erreicht er am allerwenigsten. Wenn er sie sieht, dann nur per Skype und auch das nur kurz. Thomas ist aus dem Leben gefallen und irgendwo im Zwischenreich von Diesseits und Jenseits gestrandet, von dem aus er zwar noch alles (getrübt) wahrnimmt, aber auf nichts mehr wirklich einwirken kann.

Kein Wunder also, dass er sich auf Dante besinnt und seinen Film als eine Art Variation der „Göttlichen Komödie“ anlegen will. Durch die Hölle über die Reinigung ins Paradies, die Wiedervereinigung mit einer verlorenen Liebe vor Augen (Dantes verstorbene Herzensdame hieß bekanntlich auch Beatrice) – damit kann sich Thomas identifizieren. Seinen Vergil und Cerberus findet er in Edoardo, einem zwielichten Blogger, der immer mehr über den Mordfall zu wissen scheint als alle anderen. Er ist das (vermeintliche) dämonische Gegenstück zu den (ebenso vermeintlichen) Engeln und wird in den Wahnvorstellungen des Filmemachers deshalb auch gleich mal zum eigentlichen Mörder von Elizabeth.

Die Augen des Engels

Winterbottom und sein Autor Paul Viragh jonglieren mit diesen Motiven, legen sie collagenhaft übereinander und lassen dem Zuschauer dabei genügend Raum, sich sein eigenes Bild zu machen. „Die Augen des Engels“ fällt – nicht zuletzt dank der einprägsamen, teils morriconesk anmutenden Musik von Harry Escott („Shame“) – mal rauschhaft, mal schmerzhaft ernüchternd aus (die Kehrseite eines jeden Rausches).

Wie könnte es auch anders sein, wenn es um die Suche nach Wahrheit geht, wo keine Wahrheit gefunden werden kann? So sicher, wie es eine eindeutige Geschichte hinter dem Mordfall gibt, so sicher wird sie nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken. Am Ende muss deshalb jede Annäherung scheitern, und so kann ein Film über eine Geschichte, die niemand kennt, auch immer nur ein Film über denjenigen sein, der ihn macht.

Monatelang, zum Teil jahrelang hatten Journalisten das Umfeld des Prozesses um Amanda Knox belagert, fernab von ihrer Heimat und mit der beständigen Möglichkeit belastet, niemals eine schlüssige Antwort auf die entscheidende Frage nach der Täterschaft und die Hintergründe zu bekommen. Genau das war schließlich auch das Resultat, mit dem man sich am Ende zufrieden geben musste. Winterbottom hat für seinen Film daraus die Konsequenzen gezogen und sich auf das konzentriert, was die Beobachtung mit dem Beobachter macht: ihn auf sich selbst zurückwerfen. [LZ]

The Face of an Angel

OT: The Face of an Angel (UK/IT/ES 2014) REGIE: Michael Winterbottom. BUCH: Paul Viragh. MUSIK: Harry Escott. KAMERA: Hubert Taczanowski. DARSTELLER: Daniel Brühl, Cara Delevingne, Kate Beckinsale, Valerio Mastandrea, Ava Acres, Sai Bennett, Genevieve Gaunt, Peter Sullivan, Alistair Petrie, Corrado Invernizzi. LAUFZEIT: 101 Min.

Die Augen des Engels

[Abbildungen: Concorde Filmverleih GmbH]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

David Cronenberg | Verzehrt

Kommentare sind geschlossen.