Devil’s Knot – Im Schatten der Wahrheit | Filmkritik

04. Januar 2015

Devil´s Knot

Die Schlagworte „West Memphis Three“, die hierzulande in erster Linie eher Achselzucken hervorrufen dürften, stehen im amerikanischen Kollektivgedächtnis für ein grausames Verbrechen und eine Aufsehen erregende Prozesswelle. Reale Ereignisse, die bereits Gegenstand mehrerer Dokumentationen und Tatsachenbücher waren. Etwas verwundert zeigte sich aus diesem Grund die US-Kritik über Atom Egoyans Versuch, den viel diskutierten Fall in Form eines Spielfilms aufzuarbeiten.

„Keine neuen Erkenntnisse“, „keine klare Fokussierung“ und „wenig Intensität“ lauteten einige der Vorwürfe, die dem Werk und seinen Machern entgegenschlugen. Unrecht haben die Rezensenten in manchen Punkten nicht. Stellenweise entwickelt sich „Devil’s Knot“, der auf dem gleichnamigen Buch der Journalistin Mara Leveritt basiert, aber durchaus zu einer eindringlich-erschreckenden Abhandlung über Recht und Unrecht – vor allem dann, wenn man nicht mit den Einzelheiten der Geschehnisse vertraut ist.

Die Kleinstadt West Memphis im Jahr 1993: Eines Abends kommen der achtjährige Stevie Branch und seine Freunde Michael Moore und Christopher Byers nicht vom Spielen zurück. Da die Behörden zunächst keine große Suchaktion starten, durchkämmen Stevies Mutter Pam (Reese Witherspoon) und ihr Ehemann Terry, der Stiefvater des Jungen, gemeinsam mit anderen Eltern die Nachbarschaft. Ohne Erfolg. Erst ein umfassender Polizeieinsatz bringt Licht ins Dunkel: In einem kleinen Bach werden die übel zugerichteten Leichen der Kinder gefunden.

Während die streng gläubige Gemeinde umgehend in Hysterie verfällt, fokussieren sich die hektischen Ermittlungen schnell auf drei jugendliche Außenseiter, die angeblich einem Satanskult angehören und die drei Opfer für ein Ritual missbraucht haben sollen. Als es zum Gerichtsprozess kommt, greift der lokale Privatdetektiv Ron Lax (Colin Firth) in den Fall ein und unterstützt die Verteidigung der Angeklagten, da er an eine Vorverurteilung glaubt.

Devil´s Knot

Schon die ersten Bilder vermitteln handfestes Unbehagen, wenn die Kamera zu unheimlichen Klängen (wie gewohnt: Mychael Danna) durch ein dunkles Waldstück gleitet und schließlich an einem Abflussrohr hängen bleibt, das über einen kleinen Bach verläuft. Ganz in der Nähe werden knapp zehn Minuten später in einer quälend langen Sequenz die Leichen der drei vermissten Kinder geborgen. Das anfangs aufscheinende Familiendrama schlägt damit um in einen Ermittlungsthriller, den das Drehbuch (u.a. Scott Derrickson) ebenso schnell mit Versatzstücken des Gerichtsfilms kreuzt.

Wie so oft bei Egoyan kommt es zu einem Ineinanderfließen der Zeiten. Durch die von Lax angestoßenen Nachforschungen und die Aussagen im Prozess bekommen wir verzögert Einblick in die bisweilen grob fahrlässige Ermittlungsarbeit der Polizei und werden mehrfach mit trügerischen Behauptungen konfrontiert. Wahrheit und Lüge – Lieblingsthemen des Regisseurs – lassen sich schwer auseinanderhalten und immer neue Sichtweisen drängen sich auf.

Daneben interessiert sich „Devil’s Knot“ aber auch weiterhin für das Leiden der Opferfamilien und die unheilvolle Bigotterie, von der die kleine, im Bible Belt verortete Gemeinde beherrscht wird. Emotionale Ausrufezeichen setzt der Film in erster Linie über Stevies schwer getroffene Mutter. Bereits in der ersten polizeilichen Vernehmung stellt Reese Witherspoon ihr ganzes Können unter Beweis, wenn sie sich apathisch mehrere Haarbüschel ausreißt, nachdem sie um eine routinemäßige Probe gebeten wurde. Der Schock sitzt tief, und die unbändige Trauer ist nicht nur in diesem Moment mit Händen zu greifen.

Äußerst beklemmend wirken auch die Szenen, in denen Egoyan die Überreaktion der Bevölkerung in den Blick nimmt und den Umgang mit den drei Verdächtigen in die Nähe einer Hexenjagd rückt. Ein derart schreckliches Verbrechen, noch dazu an Kindern begangen, ist für die bibeltreue Gemeinschaft schier unbegreiflich, weshalb die Satanskult-Theorie rasch auf fruchtbaren Boden fällt.

Das Böse selbst muss hier am Werk gewesen sein und findet nach Meinung vieler Einheimischer im unangepassten Auftreten der Angeklagten – sie sollen schwarze Kleidung und Heavy-Metal-Musik bevorzugen – seine eindeutige Entsprechung. Fast genauso beängstigend wie die undurchsichtigen Jugendlichen erscheint allerdings das Verhalten des Adoptivvaters von einem der Jungen (Kevin Durand), der seine bizarren Teufelsfantasien ständig vor laufenden Kameras ausbreitet.

Devil´s Knot

Das Bemühen um größtmöglichen Detailreichtum ist unübersehbar und sicherlich löblich, führt aber des Öfteren zu einer Zerfaserung der Handlung. Unzählige Aspekte werden gestreift, Namen und Gesichter ziehen in rascher Abfolge am Zuschauer vorbei, sodass der Überblick mehr als einmal verloren geht. Spiegelbild der ausufernden Erzählstrategie sind die recht willkürlich gesetzten Texteinblendungen, die ab und an Orientierung bieten sollen.

Wenig hilfreich erscheinen angesichts der Fülle des Fallmaterials die kurzen Flirtgespräche zwischen Ron Lax und einer jungen Kellnerin, die die Spannungskurve merklich abfallen lassen. Überhaupt ist die – real existierende – Ermittlerfigur etwas unglücklich angelegt, da das Drehbuch ihr Interesse am Prozess bzw. ihr Engagement für die Angeklagten nicht vollends nachvollziehbar macht. Erschwerend kommt hinzu, dass Colin Firth seine Rolle bisweilen allzu leidenschaftslos interpretiert.

Ungeachtet dieser Defizite dürfte „Devil’s Knot“ am Ende vor allem Zuschauer ohne Vorwissen zu einer vertiefenden Auseinandersetzung mit den „West Memphis Three“ anregen. Viel zu entdecken gibt es allemal, schließlich hat sich Egoyan nur mit einem Teil dieses unglaublichen Kriminalfalls beschäftigt, der bis heute für reichlich Diskussionsstoff sorgt. [Christopher Diekhaus]

Devil´s Knot

OT: Devil’s Knot (USA 2013) REGIE: Atom Egoyan. BUCH: Scott Derrickson, Paul Harris Boardman. MUSIK: Mychael Danna. KAMERA: Paul Sarossy. DARSTELLER: Reese Witherspoon, Colin Firth, Alessandro Nivola, James Hamrick, Seth Meriwether, Kristopher Higgins, Amy Ryan, Kevin Durand, Elias Koteas, Bruce Greenwood. LAUFZEIT: 109 Min (DVD), 114 MIn (Blu-ray). VÖ: 12.12.2014.

Devil´s Knot

[Abbildungen: Universum Film (Cover) | Worldview Entertainment (Stills)]

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