Hat das deutsche Genrekino eine Zukunft? | Symposium der Filmbüros NRW weckt Hoffnung

19. Januar 2016

Peter Thorwarth weiß eigentlich gar nicht, was das sein soll, ein Autorenfilm. Schließlich schreibe er auch alles selber und führe Regie. Aber er mache halt Genre. Die entscheidende Frage, die sich dabei stellt: Soll man sich angesichts der spätpubertärsten und am meisten durchgespulten aller Positionen zum Kampfbegriff des deutschen Kinos der 70er direkt übergeben oder reicht es auch, verständnislos den Kopf zu schütteln? Die beiden anderen Fragen dieses vom Filmbüro NRW vergangenen Dezember unter dem weit ausholenden (und – gähn – an Siegfried Kracauer angelehnten) Titel „Von Caligari bis ins finstere Tal“ veranstalteten Syposiums im Kölner Museum Ludwig sind jedenfalls deutlich wichtiger: Warum führt der Genrefilm hierzulande ein Nischendasein? Und wie lässt sich das ändern?

Daniel Kothenschulte hatte ein fast durchweg ansprechendes und vielfältiges Tagesprogramm zusammengestellt und so blieben alte Hüte wie der, den sich Thorwarth da kurzfristig aufsetzte, weitestgehend außen vor. Diejenigen, die hier zusammengekommen waren – auch im Plenum hauptsächlich Filmschaffende unterschiedlicher Coleur und einige (wenige) Fachjournalisten – haben ernsthaftes Interesse an der Problematik des deutschen Genrekinos und stehen möglichen Lösungsansätzen mehr als offen gegenüber. Wie könnte es auch anders sein, wenn die Grundtendenz Ratlosigkeit ist?

Wobei man präziserweise einschränkend sagen muss, dass „Genre“ hier insbesondere heißt: Horror, Thriller, Fantasy, Scifi und weil „Das finstere Tal“ im Veranstaltungstitel schon auftaucht eben auch Western. Denn Krimis und romantische Komödien funktionieren bekanntlich bestens (es müssen allerdings erst zwei Stunden ins Land gehen, bis ein Publikumsbeitrag die allgemeine Betriebsblindheit der Diskutanten in die Schranken weist). Erstaunlich auch, dass der bemerkenswerteste deutsche Genrefilm des laufenden Jahres überhaupt nicht erwähnt wird – wenn man „Victoria“ denn dem Gangstergenre zuordnen will. Dafür stürzt man sich gerne auf das Quotendesaster von „Deutschland 83“, vielleicht auch, weil es so symptomatisch ist für alle erdenklichen Versuche, sich vom hiesigen Allerlei abzuheben und trotzdem kein Publikum zu erreichen.

Es wird weniger gejammert als man angesichts des Themas befürchten würde. Tommy Krappweis übernimmt diesen Part ganz alleine und führt (allerdings recht unterhaltsam) durch seine ganz persönliche Chronik des Scheiterns. Ob sich unter den Anwesenden jemand fand, der die Verfilmung der Fantasy-Jugenbuchreihe „Mara und die Feuerbringer“ tatsächlich gesehen (oder auch nur von ihr gehört) hatte, blieb offen. Die immerhin 25.000 Exemplare der Vorlage seien zwar ausschließlich auf Lesungen verkauft worden, aber da ausgerechnet die Tochter der damaligen RTL-Fictionchefin Barbara Thielen ein Fan des Buches gewesen sei, habe die Adaption eine Chance bei den Verantwortlichen bekommen – so jedenfalls die Legende aus dem Mund des Autors.

An der Kinokasse ging der fertige Film völlig unter und eine TV-Ausstrahlung steht bislang noch aus. Allgemeine Ressentiments gegen deutsche Fantasyfilme seien der Hauptgrund, vermutet Krappweis angesichts zahlreicher Publikumsreaktionen (die Besetzung mit Jan-Josef Liefers und Christoph Maria Herbst haben die Ausgangslage sicher nicht verbessert). Selbst die Verfilmungen der erfolgreichen Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier hätten schließlich weniger gut funktioniert als es sich die Macher erhofft hatten. Für Krappweis müsse vor allem am Image gearbeitet werden. An seinem Film liege es jedenfalls nicht, denn der habe durchaus gute Kritiken eingefahren.

Ähnlich sieht das Huan Vu als Mitbegründer des „Neuen Deutschen Genrefilms“, einem Zusammenschluss von Filmemachern, die sich den Begriff des „Elevated Genre“ auf die Fahne geschrieben haben – ein Programmname für Beiträge, die eigenständig und kreativ mit angestammten Genreregeln umgehen. Als Lösungsansatz klingt das origineller als es ist, denn dass Genrefilme abseits des Mainstreams auch international nur dann wirklich funktionieren, wenn sie ausgetretene Pfade mehr oder weniger einfallsreich verlassen, bedarf kaum einer gesonderten Erwähnung. Vu lenkt die Aufmerksamkeit aber auch auf die erheblichen Defizite in der Vermarktung (womit „Deutschland 83“ wieder auf dem Plan erscheint). Ob man hier allerdings tatsächlich in Richtung USA blicken muss, kann man durchaus bezweifeln (wer hier ein Katastrophenbeispiel braucht, darf getrost an „John Carter“ zurückdenken).

Keine Frage, wenn der Anteil außergewöhnlicher Filme wächst, die bestenfalls auch internationale Anerkennung finden, verbessert sich quasi automatisch der Blick auf das hiesige Genrekino. Dass es inhaltlich jedoch gar nicht so schlecht um den hiesigen Output bestellt ist, zeigte ausgerechnet ZDF-Redakteur Christian Cloos anhand eines Turboritts durch über 50 Jahre Produktionsgeschichte „Das kleine Fernsehspiel“, die bezeichnenderweise mit mehr (sichtbarem) Mut zum Experiment aufwarten kann als alle sonstigen Teilnehmer des Symposiums zusammen. [LZ]

[Abbildung: Filmbüro NRW/Gestaltung: Peter Steinmetz]

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