Filmkritik: DER LETZTE EXORZISMUS

06. Oktober 2010

Einen echten Interview-Marathon haben Produzent Eli Roth und Regisseur Daniel Stamm in den letzten Wochen vor dem US-Start ihres gemeinsamen Films hingelegt. Für eine Low-Budget-Produktion, die gerade einmal lächerliche zwei Millionen Dollar gekostet haben soll, ist das schon ein ziemlicher Einsatz. Doch die Marke Roth funktioniert beim Genre-Publikum gut, und so war auch kein zweiter Name von höherem Bekanntheitsgrad mehr nötig, um „The Last Exorcism“ beim Zielpublikum langfristig in den Fokus zu rücken. Dass der Film andernfalls eher unbeachtet geblieben und vermutlich direkt in die DVD-Auswertung gegangen wäre, wird niemand ernsthaft bezweifeln wollen. Ob er allerdings auf dem heimischen Bildschirm nicht eigentlich auch viel besser aufgehoben wäre, ist eine ganz andere Frage.

Filmkritik: DER LETZTE EXORZISMUS
Der Teufel steckt im Detail.

Die Unart mancher Studios und Verleiher, Filme als etwas zu verkaufen, das sie in keiner Weise sind, zeugt nicht nur von völliger Unsicherheit in der Vermarktung, sondern sorgt auch dafür, dass die jeweilige Produktion kaum mal das Startwochenende unbeschadet überlebt – von der Folgewoche ganz zu schweigen. Der Grund liegt auf der Hand, denn die unmittelbaren Reaktionen der Zuschauer, die ihrem Ärger schneller via Social Networks oder Microblogging Luft machen, als eine Kinokarte gekauft ist, haben heute mehr Macht als jedes Marketingbudget. – So jedenfalls sieht die ideale Welt in den Köpfen derer aus, die der Dauerkommunikation im Netz ernsthaft pro-demokratische, anti-imperialistische, contra-kapitalistische und sonstige Formen der aktiv-effektiven Weltverbesserung unterstellen wollen.

In Wahrheit ist das ziemlicher Nonsens. Die echten viralen Protestphänomene, die aus eigener Kraft und ungesteuert generiert werden, lassen sich problemlos an einer Hand abzählen. Alles andere ist bereits wieder vergessen, wenn die nächsten zwei Dutzend Tweets, Likes, Pokes oder andere Formen netzgerechter Interaktion Besitz vom möglicherweise kurzfristig empörten User ergriffen haben. Wäre dem nicht so, dann hätte ein unverblümter Etikettenschwindel wie „Der letzte Exorzismus“ an den US-Kinokassen über drei Wochen hinweg wohl kaum nahezu das Zwanzigfache seines Produktionsbudgets wieder eingespielt, während „Piranha 3D“ fast zeitgleich und trotz ähnlicher Zielgruppe unterging wie ein leckgeschlagener Katamaran.

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Die Low-Budget-Produktion unter der Federführung von Genre-Posterboy Eli Roth (der in Alexandre Ajas blutiger Fischfutterorgie ironischerweise einmal kurz in die Kamera guckt) ist smart, kurzweilig, originell, überraschend und durchweg sehenswert – eines jedoch nur zu einem ganz geringen Anteil: erschreckend nämlich. Verstehen muss man „Der letzte Exorzismus“ weniger als Horrorfilm, sondern vielmehr als leidlich gut durchdachte Reflexion über das Genre und seine Regeln. Als Genre-Beitrag selber funktioniert der Film jedoch nur bedingt. Aber will er das überhaupt?

Im Hause Lionsgate hat wohl genau diese Frage für Unruhe gesorgt, denn ein Horrorfilm ohne echten Horror lässt sich schlecht vermarkten. Also gab man sich alle Mühe, dem Zuschauer bereits im Vorhinein nachdrücklich einzubläuen, dass hier ein Schreckenskabinett erster Güteklasse auf ihn zukommt, und wer den Trailer gesehen hat, weiß, warum diese Strategie auch bestens aufgegangen ist. Dort nämlich sind in dichter Schnittfolge und aus dem Kontext gerissen bereits alle (in Worten: Alle) Momente des fertigen Films enthalten, die für sich genommen, durchaus verstörend und angsteinflößend wirken können. Auf knappe 90 Minuten verteilt bleibt allerdings nicht viel übrig.

Anscheinend war das den Marketingstrategen aber immer noch nicht genug, und so wurde zur Sicherheit eine Aufnahme einmontiert, die zeigt, wie das (vermeintlich?) vom Leibhaftigen besessene Mädchen Nell, um das sich der Film dreht, kopfüber die Decke entlang krabbelt. Ein Plakat, das ähnliche akrobatische Leistungen jenseits der Schwerkraft abbildet, tat sein Übriges. Wer im Kino aber auf die zugehörige Sequenz wartet, wird selbst nach dem Ablaufen der End Credits nicht fündig werden, denn das Bild aus dem Trailer existiert in dieser Form überhaupt nicht. Trotzdem ist es dem Film entnommen und nicht nachgedreht. Um aber den eigentlichen Effekt zu erzielen, hat man lediglich eine Einstellung, in der Nell auf allen Vieren über den Boden läuft, um 180 Grad gedreht und den anderen Highlights des Trailers hinzugefügt. Kann man tricky finden. Oder einfach dreist.

Der letzte Exorzismus | Ashley Bell

Dem Fass die Krone setzte allerdings eine virale Online-Kampagne auf, die sich der schwachsinnigsten Variante aller Webkommunikation bediente: Chatroulette. Unter die zufällig ausgewählten Gesprächspartner mischte man auf ebenso einfache wie geniale Weise einen vorgefertigten Clip, bei dem sich eine junge Frau zunächst vielversprechend vor der Webcam ihres Oberteils zu entledigen scheint, dann aber schnell zum Monster mutiert – für die Chatter auf der anderen Seite ein echter Grund zu ausgiebigem Entsetzen. Derartigen Schrecken sucht man im Film selber aber vergebens.

Nell, das Mädchen, das vielleicht oder vielleicht auch nicht vom Teufel oder einem seiner dämonischen Helfer besessen ist, dreht weder den Kopf um 180 Grad, noch beginnen die Augen zu leuchten. Ihre verblüffendsten körperlichen Transformationen erschöpfen sich in einer Ausrenkung des Schultergelenks und einer rückwärtigen Überkopfbeuge, wie sie sich in jedem besseren Zirkus oder Varieté finden lässt. Zudem ist der Effekt real, denn Nell-Darstellerin Ashley Bell beherrscht dieses Kunststück tatsächlich.

Über welchen Film also muss man aber tatsächlich reden, wenn nicht über denjenigen, den man bei Lionsgate gerne verkaufen will? Michael Rechtshaffen vom Hollywood Reporter fand es offenbar originell, „Der letzte Exorzismus“ zum „Linda Blair Witch Project“ zu erklären (allerdings ohne zu wissen, dass es einen Film mit diesem Titel tatsächlich bereits gibt), und ein derartiges Etikett liegt in gewissem Sinn auch auf der Hand. Ganz in der Tradition der zunehmenden Anzahl von Horrorfilmen, die mit dem Anschein von Found Footage operieren („Paranormal Activity“, „[REC]“, „Cloverfield“, „Diary of the Dead“ etc.) und ihre Wirkung vor allem daraus beziehen, dass sie klassischen Genreszenarien einen Anschein des Dokumentarischen verleihen, nimmt sich diese Produktion mithilfe derselben Technik eben den Topos der Teufelsaustreibung vor. Könnte man meinen.

Doch genau das passiert eben nicht. Der Exorzist selber, Reverend Cotton Marcus, ist ein Scharlatan, der mit jeder Menge Budenzauber dafür sorgt, dass sein Geschäft läuft und sich in bare Münze umsetzt. Dass der ganze Aufwand lediglich einen Placebo-Effekt mit sich bringt, ist nebensächlich. In seiner gesamten (sehr erfolgreichen) Laufbahn als Teufelsaustreiber ist ihm jedenfalls noch kein einziger Fall echter Besessenheit untergekommen. Die Art allerdings, wie diese Figur eingeführt wird und innerhalb der ersten etwa zehn Minuten des Films mehrfach in der Wahrnehmung des Zuschauers umkippt, spricht für die Stärke des gut durchdachten Drehbuchs von Huck Botko und Andrew Gurland.

Der letzte Exorzismus | Ashley Bell | Patrick Fabian

Zunächst erscheint Marcus als begabter Prediger, der seine Gemeinde auf eine Weise begeistern kann, die ihm eigentlich eine Fernsehkarriere bescheren müsste. Doch glaubt er das, was er da macht, auch selber? Wohl kaum. Im Rahmen einer Wette zeigt er etwa, dass seine Gemeinde bereitwillig zu jedem Nonsens mit verzückten „Hallelujah“-Rufen reagiert. Nicht die Inhalte zählen hier also, sondern die Show. Macht ihn das zum Zyniker? Nein, denn der Reverend, der mit seiner Begabung in die Fußstapfen seines Vaters getreten ist (und so ganz nebenbei eine vielschichtige Kindheits- und Entwicklungsgeschichte streift, die möglicherweise spannenderes Material geliefert hätte als der ganze Film), operiert mit der festen Überzeugung, dass seine spezielle Form des Entertainments den Menschen tatsächlich hilft. Warum also nicht ein bisschen Heuchelei?

Dieselbe Haltung bestimmt also auch seine Teufelsaustreiberei. Doch dass er dabei weder an Gott noch dessen Gegenspieler glaubt, weiß sogar Cottons kleiner Sohn. Denn, und so sieht es die Theodizee dieser Geschichte: ohne Gott kein Teufel und vice versa. Und weil der Reverend sich aus eben diesem Grund entschlossen hat, nicht nur die vermeintliche Dämonenjagd an den Nagel zu hängen, sondern gleich auch noch ein bisschen Aufklärung zum Thema Besessenheit zu betreiben, soll ein Kamerateam seinen nächsten, willkürlich ausgewählten Exorzismus begleiten und in all seiner Scharlatanerie entlarven.

Man kann gar nicht anders, als diesen Saulus mögen, der auf seine Weise schon immer ein Paulus war, und jetzt der ganzen Welt zeigen will, dass dämonische Besessenheit ein Fall für Medizin und Psychiatrie ist, dass ausschließlich Kirche und religiösem Fanatismus dafür verantwortlich sind, wenn Menschen glauben, finstere Mächte hätten von ihnen Besitz ergriffen, dass Exorzismus nichts anderes als blanker Nonsens ist und Rom seine neuerdings wieder stark forcierte Aufrüstung deshalb dringend beenden muss. Cotton Marcus ist ein Aufklärer, ein Undercover-Agent, der das System von innen kennengelernt hat, um es jetzt von eben dort auch zum Einsturz zu bringen.

Doch was, wenn ausgerechnet der Fall, an dem er ein Exempel statuieren will, gänzlich aus dem Ruder läuft? Diesen Gedanken spielt „Der letzte Exorzismus“ mit klugem Blick fürs Detail nach allen erdenklichen Seiten hin durch und nutzt dabei die gängigen Genre-Konventionen, um den Zuschauer in die Irre zu führen oder gänzlich auflaufen zu lassen. Dass eine der möglichen Varianten selbstverständlich auch mit der Option echter dämonischer Besessenheit spielt, gehört zwar dazu, beansprucht aber nicht unbedingt alleinige Gültigkeit. Oder doch?

Der letzte Exorzismus | Patrick Fabian, Ashley Bell

Um das Finale des Films hat es eine Reihe kontroverser Diskussionen gegeben, denn dort wird, im Gegensatz zum Rest der Geschichte, eindeutig Stellung bezogen. Vielleicht ist das gut, vielleicht auch nicht. Mehr Offenheit wäre vermutlich einer langfristigen Wirkung zuträglicher gewesen und hätte wiederholtes Anschauen interessanter gemacht, aber so haben sich die Macher nun einmal entschieden, und das muss man akzeptieren.

Weniger unproblematisch fällt allerdings der Umgang mit der dokumentarischen Form aus. Dabei gibt es vor allem zwei Probleme. In der Grundkonstellation wird der Reverend nur von einer einzigen Kamera gefilmt, und trotzdem gibt es mindestens eine Sequenz, die deutlich mehrere zeitgleiche Einstellungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zeigt. Viel schwerer jedoch wiegt die Tatsache, dass „Der letzte Exorzismus“ tatsächlich bereits als fertiges Mockumentary daherkommt, inklusive professioneller Montagearbeit, gelegentlicher Untertitelung und eigens komponiertem Soundtrack.

Dagegen ließe sich zunächst einmal nichts einwenden, wenn das Konzept denn stimmig wäre. Ist es aber nicht. Könnte man das Fehlen eines Off-Kommentars in einer fertigen Dokumentation noch mit einem spezifischen redaktionellen Ansatz erklären, so spricht die konkrete Entwicklung zum Ende des Films doch gänzlich gegen eine nachträgliche (fiktive) Bearbeitung des Rohmaterials. Das mag intendiert sein, um den Zuschauer in seiner Leichtgläubigkeit ebenso vorzuführen, wie die vermeintlich besessenen Kunden des Reverends, ein schaler Beigeschmack bleibt aber trotzdem. Und wer den wieder loswerden will, spült am besten mit Weihwasser nach. [LZ]

OT: The Last Exorcism (USA/F 2010). REGIE: Daniel Stamm. BUCH: Huck Botko, Andrew Gurland. MUSIK: Nathan Barr. KAMERA: Zoltan Honti. DARSTELLER: Patrick Fabian, Ashley Bell, Louis Herthum, Caleb Landry Jones, Iris Bahr, Tony Bentley. LAUFZEIT: 87 Minuten.

Der letzte Exorzismus | Filmplakat | The last Exorcism

[Abbildungen © 2010 Kinowelt GmbH]

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