DER HYPNOTISEUR | Filmkritik

03. März 2013

Der Hypnotiseur

„Valium“, hat sich unsere Redakteurin Laila Oudray beim Begutachten dieses kaum öffentlich wahrgenommenen Schwedenkrimis gedacht. „Wie Valium.“ Vor dem Hintergrund, dass der zweifache Oscar-Kandidat Lasse Hallström nach 25 Jahren erstmals wieder in seiner Heimat und ausschließlich mit schwedischen Darstellern gedreht hat, ist ein solches Urteil umso bedauerlicher. Vielleicht war das Bedürfnis einfach zu dringlich, nach „Lachsfischen im Jemen“ und „Dear John“ einmal radikal die Tonart zu wechseln. Dass das offenbar keine allzu gute Idee war, belegte die unmittelbare Rückkehr zu vertrauteren Gefilden. Wenn am 7. März Hallströms aktueller Film „Safe Haven“ in Deutschland startet, ist sein erst zwei Wochen zuvor angelaufener Ausflug ins Spannungsgenre jedenfalls schon wieder von den meisten Leinwänden verschwunden.

Valium aus Schweden: DER HYPNOTISEUR

Sollte ein Thriller nicht eigentlich mit seiner Geschichte packen, den Zuschauer bis zur letzten Minute kaum mehr loslassen, vielfach überraschen und zum Grübeln bringen? Der arg belanglosen Bestsellerverfilmung „Der Hypnotiseur“ geling immerhin letzteres: Man fragt sich, was dem sonst recht treffsicheren Lasse Hallström bei der Wahl des Stoffs wohl durch den Kopf gegangen ist.

Dabei hat die Geschichte eigentlich Potential: Stockholm wird durch den brutalen Mord an einem Sportlehrer und seiner Familie erschüttert. Es gibt keine Spuren und der einzige Zeuge ist Josef, der 15-jährige Sohn der Familie, der allerdings schwer verletzt im Koma liegt. Da der Vater immense Spielschulden hatte, nehmen die Ermittlungen zunächst das organisierte Verbrechen unter die Lupe. Kommissar Joona Linna ist sich allerdings sicher, dass die Familientragödie ganz andere Ursachen hat. Um den Fall zu lösen, greift er zu unkonventionellen Methoden und überzeugt den aus der Bahn geworfenen Arzt Erik Maria Bark nach anfänglichem Widerstand, Josef unter Hypnose zu befragen. Dass er dabei die Tür zu einem schrecklichen Geheimnis aufstoßen wird, mit dem er auch seine eigene Familie in Gefahr bringt, kann der Hypnotiseur allerdings nicht ahnen.

Der Hypnotiseur

Es ist nicht der originellste Plot, und auch die erfolgreiche Vorlage von Lars Kepler (ein Pseudonym für ein schwedisches Autorenduo) erfindet das Genre nicht unbedingt neu, bietet aber immerhin einiges an Spannung. Das Drehbuch von Paolo Vacirca entschlackt den Roman deutlich. Ein Großteil der zahlreichen Rückblenden, Handlungsstränge und Nebenfiguren fällt weg und hält damit den Verwirrungsgrad gering. Im direkten Vergleich mag manches arg verkürzt wirken, doch bei runden 120 Minuten macht die Fokussierung durchaus Sinn.

Dass dabei ganz konsequent aber auch mehr oder weniger alle Spannungselemente auf der Strecke geblieben sind und die Geschichte vielfach vorhersehbar geworden ist, lässt sich kaum positiv bewerten. Verwundern muss beispielsweise, dass abseits der betroffenen Familie nahezu alle Personen, die im Buch sterben, im Film überleben und teilweise sogar gänzlich unbeschadet davonkommen. Viele eigentlich dankbare Ansätze der Vorlage werden entweder gar nicht erst aufgenommen oder nur kurz angeschnitten. Besonders auffällig: Der Rufmord des Hypnotiseurs, der im Buch einen immensen Einfluss auf die Geschichte hat, wird im Film einfach rasch in fünf Minuten abgehandelt.

Insgesamt sind die Charaktere denkbar eindimensional geraten. Aus der sorgenvollen, zweifelnden, aber trotzdem starken Ehefrau der Vorlage etwa ist eine ebenso hysterische wie passive Furie geworden. Josef, im Roman abgrundtief böse und in eine inzestuöse Affäre verwickelt, erscheint im Film als bloße Marionette. Und aus der eiskalt manipulativen Psychopathin Lydia, die keine Scheu kennt, jeden zu verstümmeln, der ihr nicht gehorcht, hat das Drehbuch eine bemitleidenswerte Irre gemacht. Solche Figuren will man behandeln lassen, damit alles wieder gut wird. Fürchten kann man sie jedoch nicht.

Für ein mögliches Franchise geradezu fatal: Den selbstbewussten und an sich überzeugenden Kommissar (der eigentliche Protagonist der Buchreihe) degradiert der Film zur eintönigen Nebenfigur. Einzig der gebrochene Hypnotiseur selbst ist gut getroffen und wird von Mikael Persbrandt (Gunvald Larsson aus der „Kommissar Beck“-Reihe und Beorn in der „Hobbit“-Trilogie) einfühlsam verkörpert.

In der beständig wachsenden Reihe von Schwedenkrimis ist „Der Hypnotiseur“ leider ein besonders verzichtbarer Beitrag und dabei so genre-konform, dass außer Langeweile nicht viel übrig bleibt. In welchem Maß sich Lasse Hallström hier auf Terrain bewegt, mit dem er sich überhaupt nicht auskennt, hat er jedenfalls deutlich gezeigt. [Laila Oudray]

OT: Hypnotisören (SE 2012) REGIE: Lasse Hallström. BUCH: Paolo Vacirca. KAMERA: Mattias Montero. M: Oscar Fogelström. DARSTELLER: Tobias Zilliacus, Mikael Persbrandt, Lena Olin, Helena af Sandeberg, Anna Azcarate, Jonatan Bökman, Tomas Magnusson. LAUFZEIT: 122 Min.

Der Hypnotiseur

Der Hypnotiseur

[Abbildungen: Prokino]

follow @screenread on twitter

The Aggression Scale | DVD / Blu-ray

Hinterlasse eine Antwort