DER HOBBIT – EINE UNERWARTETE REISE | Filmkritik

16. Dezember 2012

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise. Copyright: (C) 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC.  Photo Credit: COURTESY OF WARNER BROS. PICTURES  Caption: Gollum, performed by ANDY SERKIS in the fantasy adventure THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY, a production of New Line Cinema and Metro-Goldwyn-Mayer Pictures (MGM), released by Warner Bros. Pictures and MGM

Schwer vorzustellen, was Guillermo del Toro wohl aus dieser neuerlichen Mittelerde-Trilogie gemacht hätte. Fast zeitgleich zur „Hobbit“-Weltpremiere ging der erste Trailer zu „Pacific Rim“ auf virale Rundreise, und was man dort so zu sehen bekommt, könnte kaum weiter von Auenland, Bruchtal und Mordor entfernt sein. Zugleich ist die Vision in etwa ebenso megaloman wie die seines Regiekollegen und Beinahe-Produzenten Peter Jackson. Im Nachhinein muss einem der Plan einer Zusammenarbeit zweier ähnlich großer Leinwand-Egos als blanker Nonsens erscheinen. Was von del Toros Einfluss im fertigen Film letztlich übrig geblieben ist, lässt sich nur erahnen. In den Credits mag sein Name zwar weiterhin zu lesen sein, doch die Rückkehr ins Tolkien-Universum ist unübersehbar von der ersten bis zur letzten Minute Jackson County.

Erneut ist es die Geschichte einer Reise ins Abenteuer, die einen Hobbit zum Helden macht und in dunklere Gefilde führt, als er es sich jemals hätte erträumen lassen. Als Initiator fungiert auch hier wieder der Zauberer Gandalf. 13 Zwerge schickt er trickreich in die Wohnhöhle des verdutzten Bilbo Beutlin und eröffnet ihm ein Angebot, das er trotz erster Widerstände am Ende doch nicht ablehnen kann: Er soll dabei helfen, dem Drachen Smaug einen geraubten Schatz zu entreißen und so das Königreich Erebor zurückzuerobern. Doch dazu muss halb Mittelerde durchquert werden, und unterwegs lauern jede Menge Gefahren und bedrohliche Kreaturen. Die seltsamste von ihnen ist ein alter Bekannter: Gollum. Die Begegnung mit ihm wird Bilbo für immer verändern und einen magischen Ring in seinen Besitz bringen, mit dem sich 60 Jahre später ein anderer Hobbit herumschlagen muss.

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise. Copyright: (C) 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC.  Photo Credit: COURTESY OF WARNER BROS. PICTURES  Caption: (L-r) PETER HAMBLETON as Gloin, DEAN O¿GORMAN as Fili, JOHN CALLEN as Oin, KEN STOTT as Balin, MARTIN FREEMAN as Bilbo Baggins, JAMES NESBITT as Bofur, AIDAN TURNER as Kili, STEPHEN HUNTER as Bombur, WILLIAM KIRCHER as Bifur, JED BROPHY as Nori and MARK HADLOW as Dori in the fantasy adventure THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY, a production of New Line Cinema and Metro-Goldwyn-Mayer Pictures (MGM), released by Warner Bros. Pictures and MGM.

Nie zuvor hat die Weiterführung eines Franchise nahtloser an seine Vorgänger angeschlossen als hier. Die Figuren sind in Teilen neu, aber ansonsten ist alles wie gehabt. Es dauert keine Minute, und schon hat sich ein chronisches Deja-vu eingestellt, dem sich nur schwer entkommen lässt. „Der Hobbit“ ist eine dreistündige Zeitreise, und zwar ins Jahr 2001. Für Fans der Idealfall (den George Lucas nie hinbekommen hat), für alle anderen eine Art Remake ohne wesentlich Neues. Denn die Geschichte und ihre Dramaturgie verlaufen im Kern nicht anders als der Auftakt der Vorgänger-Trilogie. Wüsste man es nicht besser, müsste man Jackson zu seinem cleveren Prequel-Ansatz gratulieren.

Wer sich zuvor gefragt hat, wie aus Tolkiens relativ überschaubarer und von leichtem Ton bestimmter Vorlage eine mehrteilige Filmversion werden solle, ohne dabei eine andere Richtung einzuschlagen als sie der „Herr der Ringe“ vorgibt, der bekommt seine Antwort schon früh geliefert. Mit gewaltigem visuellem Overkill eröffnet Jackson seine Version des eher wenig komplexen Kinderbuches, um dann ausgiebig jede noch so belanglose Kleinigkeit aufs Äußerste zu zerdehnen, so dass man glauben mag, versehentlich bereits im Extended Cut für Hardcore-Tolkienianer gelandet zu sein.

Eine Weile lang ist das ziemlich anstrengend, und wer kein Interesse daran hat zuzusehen, wie sich die 13 Zwerge eine halbe Stunde lang den Bauch voll schlagen und danach ausgiebig über ihren geplanten Feldzug diskutieren, kann getrost eine Runde Powernapping einlegen, ohne Entscheidendes zu verpassen. Es ist Ansichtssache, ob man derartige Proustereien als epischen Atem wertet und vor Freude über so viel Detailreichtum entzückt in die Hände klatschen möchte oder das schier endlose Vorgeplänkel als Ärgernis empfindet und sich schlichtweg zugrunde langweilt.

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise. Copyright: (C) 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC.  Photo Credit: Mark Pokorny  Caption: (L-r) DEAN O'GORMAN as Fili, AIDAN TURNER as Kili, MARK HADLOW as Dori, JED BROPHY as Nori and WILLIAM KIRCHER as Bifur in New Line Cinema's and MGM's fantasy adventure THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY, a Warner Bros. Pictures release.

Doch auch hier bleibt Jackson sich und der ersten Trilogie treu, denn bereits damals galt es, ausgiebig Sitzfleisch zu beweisen, bis sich Meister Frodo und seine Gefährten endlich in Bewegung setzten, und wer bei der „Rückkehr des Königs“ nicht irgendwann angefangen hat, die zahlreichen möglichen Enden zu zählen, war möglicherweise längst eingeschlafen. Der Unterschied: Im „Herrn der Ringe“ bestand die Herausforderung darin, eine mehrere tausend Seiten füllende Vorlage in ein einigermaßen konsumierbares Stück Kino zu verwandeln. Beim „Hobbit“ hingegen ist die Lage spiegelverkehrt.

Der uninformierte Zuschauer dürfte da aber keinen Unterschied erkennen, denn mangelnde Konsistenz kann man diesem ersten „Hobbit“-Film nicht vorwerfen. Die Handlung entwickelt sich flüssig und alle Nebenstränge dienen zur bebilderten Erklärung, ohne allzu weit abzuschweifen (von ihrer visuellen Opulenz ganz abgesehen). Wenn endlich Bewegung in die Geschichte kommt, geht es zudem auch ziemlich rasant voran, und die letzte Stunde schließlich ist durchweg atemberaubend und teilweise gar beeindruckender als so manches, was die frühere Trilogie zu bieten hatte.

Höhepunkt (und da sind sich selbst die kritischen Stimmen einig) ist Bilbos Begegnung mit Gollum, für die sich der Film erneut ausgiebig Zeit nimmt. Im Buch nur ein makabres Spiel, ist das Aufeinandertreffen von wenig heldenhaftem Hobbit und der gequälten, vom Ring in den Wahnsinn getriebenen blassen Kreatur in Jacksons Version ein finsteres Psycho-Duell geworden. Andy Serkis, der Gollum auch diesmal wieder mithilfe von Motion Capture zum Leben erweckt, gelingt eine noch intensivere Gestaltung jener Figur, die ihn zum Meister dieser von vielen Schauspielern immer noch argwöhnisch beäugten Form der Performance machte. Ganz auf seine verzerrte Körpersprache angewiesen windet sich das bedauernswerte Wesen, leidet, droht, verzweifelt und triumphiert im Wechsel von einer Sekunde zur anderen. Wer sich hier mit einer gewissen Arroganz abwendet und die Figur als digitale Augenwischerei abtut, dem ist nicht zu helfen.

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise. Copyright: (C) 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC.  Photo Credit: JAMES FISHER  Caption: MARTIN FREEMAN as the Hobbit Bilbo Baggins in the fantasy adventure THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY, a production of New Line Cinema and Metro-Goldwyn-Mayer Pictures (MGM), released by Warner Bros. Pictures and MGM.

Auf der anderen Seite steht Martin Freeman, dessen Interpretation des scheuen Bilbo den Film in angenehmer Form erdet. Denn während Elijah Wood als Frodo mit aufgerissenen Augen und ständiger Panik im Blick wenig Identifikationsfläche bot, verleiht Freeman seinem Hobbit vor allem Bescheidenheit, Zurückhaltung und eine Liebenswürdigkeit, die viel dazu beiträgt, dass man diese Figur nicht nur mögen, sondern ihre Unsicherheiten auch gut nachvollziehen und ihren Mut umso mehr goutieren kann. Wenn er Gollum gegenübersteht und die Chance hat, die Kreatur zu töten, die ihn betrogen hat und ihm soviel Angst macht, zugleich aber Verzweiflung in ihren Augen erkennt und sie verschont, dann ist das einer der zärtlichsten Momente des Films und Freeman balanciert Angst, Entsetzen, Entschlossenheit, Mitgefühl und Milde behutsam miteinander aus.

Doch wie gewohnt setzt Jackson auf den Höhepunkt einen weiteren drauf und schließt gleich noch einen dritten an. Das Finale in seinen multiplen Ausgestaltungen holt die Überdramatisierung der früheren Trilogie wieder ein und zieht dabei alle Register: Zeitlupe, flammende Bildfilter und Howard Shores majestätisch-schicksalslastige Chormusik, die erneut zum Allerbesten gehört, was in den letzten Jahren für das Kino komponiert worden ist. Erschöpft nimmt man am Ende zur Kenntnis, wie die letzten Bilder dieses ersten „Hobbit“-Kapitels bereits den nächsten Teil ankündigen und dabei einiges versprechen.

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise. Copyright: (C) 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC.  Photo Credit: Courtesy of Warner Bros. Pictures  Caption: CATE BLANCHETT as Galadriel and IAN McKELLEN as Gandalf in New Line Cinema's and MGM's fantasy adventure THE HOBBIT: AN UNEXPECTED JOURNEY, a Warner Bros. Pictures release.

Ein zweischneidiges Schwert bleibt jedoch auch bei wohlwollendem Blick die Entscheidung zur erhöhten Bildfrequenz. Erste Skepsis hatte sich bereits im April diesen Jahres breitgemacht, als einem ausgewählten Fachpublikum einige Sequenzen vorab gezeigt wurden. 48 fps erinnerte so manchen eher an HD-TV als an episches Fantasykino, und streckenweise hat sich daran auch im fertigen Film nicht viel geändert. Die erhöhte Bildschärfe ist nicht nur gewöhnungsbedürftig, sie weist auch erhebliche Probleme auf, wenn die Kamera mit erhöhtem Tempo schwenkt oder rasche Bewegung in Nahaufnahme zeigt.

Bei Massenszenen (und davon hat der Film einige) ist der Detailreichtum hingegen durchaus beeindruckend, und so manches CGI-Element (Gollum an erster Stelle) profitiert von der maximierten Schärfe. Insgesamt steht die ungewohnte Optik dem unbeschwerten Eintauchen in die Welt der Orks und Elfen aber immer wieder im Weg, da sie zwangsläufig auf sich aufmerksam macht. Wer zudem wissen will, wie sehr der 3D-Effekt das Bild vor allem in Nachtsequenzen abdunkelt, sollte ab und zu einmal die leidige Brille absetzen. Eine ganz traditionelle Projektion mag das Seherlebnis paradoxerweise optimieren.

Vielleicht ist ein durch und durch altmodischer Film wie dieser aber auch schlichtweg die falsche Wahl, um mit technologischem Fortschritt aufzutrumpfen, der nicht unsichtbar werden kann. Hätte „Der Hobbit“ sich hierfür die Fähigkeiten des Einen Rings zunutze gemacht, wäre das sicher von Vorteil gewesen. [LZ]

OT: The Hobbit: An Unexpected Journey (USA/NZ 2012) REGIE: Peter Jackson. BUCH: Peter Jackson, Fran Walsh, Philippa Boyens, Guillermo del Toro. KAMERA: Andrew Lesnie. MUSIK: Howard Shore. DARSTELLER: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Andy Serkis, Hugo Weaving, Cate Blanchett, John Callen, Christopher Lee, William Kircher, Elijah Wood, James Nesbitt. LAUFZEIT: 169 Min.

Der Hobbit – Eine unerwartete Reise

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise. Copyright: (C) 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC.

[Abbildungen (c) 2012 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved. The Hobbit: An Unexpected Journey and The Hobbit, and the names of the characters, events, items and places therein, are trademarks of The Saul Zaentz Company d/b/a Middle-earth Enterprises under license to New Line Productions, Inc.]

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