DER EXORZISMUS DER EMMA EVANS | Filmkritik

09. April 2012

Der Exorzismus der Emma Evans

Ob es die Gerüchte um die Bemühungen des deutschen Papstes waren, der – wie es heißt – die Schulung der Teufelsaustreibung in Rom verstärkt in Gang gesetzt hat, oder ob die Erfindung einer Achse des Bösen verantwortlich dafür ist, dass der Exorzismus seit einigen Jahren wieder eine Rolle im Horrorkino spielt, darüber lässt sich nur spekulieren. Lange Zeit jedenfalls hatte sich auf diesem Feld recht wenig getan, doch mittlerweile taucht der Budenzauber um dämonische Besessenheit vs. kirchliche Zaubermittel (Gebetsformeln, Kruzifixe, Weihwasser) wieder öfter auf – auch wenn Vielfalt und Originalität in dem eng bemessenen Rahmen dieses Subgenres deutlich eingeschränkt sind.

2010 hatte der Deutsche Daniel Stamm unter der Ägide von Eli Roth mit „The Last Exorcism“ nicht unerheblich am Revival mitgearbeitet, auch und gerade weil sein Beitrag eigentlich eher unspektakulär daherkam. Der Film im Found-Footage-Stil bot eine originelle Grundidee, konnte aber weitestgehend nur sehr bedingt Schrecken verbreiten. Zudem blieb auch er nicht von dem Hauptproblem eines jeden Exorzismus-Films verschont, lediglich eine weitere mehr oder weniger originelle Variante von William Friedkins Klassiker zu sein. Stamm und Roth (bzw. die Autoren Botko und Gurland) suchten den Ausweg aus dem Dilemma in der Überschneidung mit einem anderen einschlägigen Meilenstein des Teufelskinos und bekamen so einigermaßen die Kurve.

Manuel Carballo und David Muñoz (immerhin einer der Autoren von Guillermo del Toros „El espinazo del diablo / Das Rückgrat des Teufels“) haben für ihren Film klugerweise gleich auf ein ganz anderes Genre zurückgegriffen und lassen die dämonische Besessenheit eines 15-jährigen Mädchens zum Auslöser einer handfesten Familientragödie werden. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt auf der Hand, denn anstelle des Exorzismus selber mit seinen x-fach gesehenen Standards rückt – ideal zur emotionalen Einbindung des Zuschauers – das Schicksal der Beteiligten in den Vordergrund, die mit den Dingen fertig werden müssen, von denen sie heimgesucht werden. Im Grunde eine Stephen-King-Technik.

Es dauert nicht lange, bis der Alltag der eher durchschnittlichen englischen Mittelstandsfamilie aus dem Gleichgewicht gerät. Im einen Moment ist Emma noch ein kerngesunder Teenager, da wird sie im nächsten bereits von einem epileptischer Anfall zu Boden gerissen. Ein CT ergibt nichts, und alles scheint halb so wild. Doch weitere Krankheitssymptome lassen keinen Zweifel daran, dass mit dem Mädchen etwas nicht stimmt. Wahrnehmungsstörungen und plötzliches Übergeben sind nur der Anfang. Als Emma beginnt, minutenlange Aussetzer zu entwickeln, bei denen sie völlig abwesend Dinge auf den Badezimmerspiegel schreibt, kann aus Sicht der allzu rational kalkulierenden Mutter (überzeugend: Jo-Anne Stockham) nur noch ein Psychiater helfen. Lediglich der Zuschauer weiß, dass auch das nichts nützen wird – und Emma offenbar auch.

Der Exorzismus der Emma Evans

Ganz so geradlinig wird die Geschichte allerdings nicht erzählt. Recht geschickt bewegt sich der Film immer wieder bruchstückhaft auf unterschiedlichen Zeitebenen, ohne dass zunächst wirklich klar wird, wie genau einzelne Elemente chronologisch zu verorten sind. In der Hauptsache dient das der Verunsicherung des Zuschauers, der meistens ziemlich nah an der 15-jährigen Emma bleibt und das eine oder andere Mal kurz auch ganz ihre Perspektive einnimmt. In entscheidenden Momenten allerdings bleibt er gänzlich außen vor und muss die Lücken selber füllen, was die Identifikation mit dem Mädchen, das zunehmend eben genau seine Identität verliert, umso mehr verstärkt.

Und weil Dämonen, die einen menschlichen Wirt nutzen, sich vom Leid ihres Opfers ernähren (wie wir im Verlauf des Films lernen), muss bald schon Furchtbares und immer Furchtbareres passieren – und jedesmal ist Emma der Auslöser. Vor allem eine Sequenz, in der sich das Entsetzen sichtbar und ohne jede Chance auf Hilfe ankündigt, gelingt besonders eindringlich. Doch Carballo und Muñoz vermeiden tunlichst den Fehler, ihren Film zur Nummernrevue im Stil von (schlimmstenfalls) „Final Destination“ oder (wirkungsvoller) „The Omen“ verkommen zu lassen.

Immer wieder rücken stattdessen die Figuren in den Mittelpunkt, und ihr Verhalten lässt keinen Zweifel daran, dass der subtilste Schrecken ohnehin in den zwischenmenschlichen Beziehungen liegt. Die Tatsache etwa, dass sich Emmas Eltern zu einem Zeitpunkt, als sie bereits verlässlich wissen, dass ihre Tochter nicht mehr Herr ihres eigenen Körpers und Verstandes ist, innerlich von ihr abwenden und ihr die Schuld für Geschehenes zuweisen, gräbt sich beim Zuschauen tiefer ein als aller oberflächlicher Horror.

Trotz sichtbar geringen Budgets ist der mit englischen und irischen Darstellern in Spanien gedrehten Produktion über weite Strecken Beachtliches gelungen. Ein umfangreiches, sehr vorbildliches Making-of, das sich auf der deutschen DVD und Blu-ray findet, ermöglicht einen detaillierten Einblick in die Entstehung der meisten Sequenzen, und man kann sich zurecht wundern, dass digitale Effekte zum Einsatz gekommen sind, wo man sie auf den ersten Blick nicht unbedingt vermutet hätte. Anderes hingegen ist mit mechanischen Tricks entstanden, und auch die machen einiges her.

Einzig im Finale stößt auch das einfallsreichste Team sichtbar an seine Grenzen. Doch selbst wenn Buch und Budget hier nicht wirklich zusammentreffen, haben die Macher immer noch das Bestmögliche aus dem herausgeholt, was ihnen zur Verfügung stand, und da kann man ein paar Kompromisse (und manch arges Grimassieren von Hauptdarstellerin Sophie Vavasseur) gerne verzeihen.

Sehenswert, durchaus nicht unoriginell und mit einer kompromisslosen Schlusseinstellung versehen, die es in sich hat. [LZ]

OT: La posesión de Emma Evans (ES 2010). REGIE: Manuel Carballo. BUCH: David Muñoz. KAMERA: Javier Salmones. MUSIK: Zacarías M. de la Riva. DARSTELLER: Sophie Vavasseur, Stephen Billington, Jo-Anne Stockham, Richard Felix, Isamaya French, Doug Bradley. LAUFZEIT: 97 Minuten. VÖ 30.03.2012

Der Exorzismus der Emma Evans

[Deutsches DVD-Cover, Abbildung © Universum Film]

Exorcismus

[US-Poster, Abbildung: IFC Midnight]

La posesión de Emma Evans

[Spanisches Poster und Stills © 2010 Filmax Entertainment]

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