Defiance: Ein Blick auf Staffel 2

12. Oktober 2014

Defiance | Staffel 2

Nicht selten finden Serien erst in der zweiten Staffel zu ihren eigentlichen Stärken. Grund ist eine gewisse Dosis Trial & Error, die zeigen soll, was mehr und was weniger gut ankommt – vorausgesetzt, die Quotenbasis stimmt. Im Fall der Syfy-Eigenproduktion „Defiance“ aus der Feder von Kevin Murphy („Reaper“) hat sich das genaue Beobachten der Zuschauerreaktionen jedenfalls gelohnt. Der Ton ist noch rauer geworden, der Humor schwärzer und das Figurenspektrum facettenreicher. Waren die Fronten zuvor einigermaßen klar definiert, so ist eine deutliche Trennung von Protagonisten und Antagonisten jetzt kaum mehr auszumachen. Eine echte Weiterentwicklung also.

Angesiedelt in der nahen Zukunft, Jahrzehnte nach einer Alien-Invasion mit anschließendem Krieg und weitreichender Terraformierung, entwirft „Defiance“ eine Art Mikrokosmos, in dem Menschen und außerirdische Rassen miteinander auskommen müssen. Demokratie und Bürgerrechte kollidieren mit archaischen Alien-Religionen, während im Hintergrund Intrigen gesponnen und Machtverhältnisse verteilt werden. Am Ende der ersten Staffel wird die titelgebende, bis dato unabhängig regierte Stadt von der alles kontrollierenden Erdrepublik übernommen.

Neueinsteiger werden einige Schwierigkeiten haben, sich im recht komplexen Handlungs- und Figurengeflecht zurechtzufinden, und ein alternatives Ende im Bonusmaterial zeigt, dass sich die Macher selber zunächst gar nicht klar darüber waren, wie die einzelnen Erzählstränge weitergeführt werden sollten. Fast alle Hauptcharaktere kehren zurück, doch ihr Verhältnis zueinander hat sich in vielerlei Hinsicht gewandelt.

Defiance | Staffel 2

Seit den Ereignissen der ersten Staffel sind neun Monate vergangen. Kriegsveteran Joshua Nolan (Grant Bowler, „True Blood“) ist auf der Suche nach seiner außerirdischen Ziehtochter Irisa, die in der Zwischenzeit eine befremdliche Veränderung durchgemacht hat und zunehmend ihre Identität verliert. Ihr bisheriger Hauptgegenspieler Datak Tarr (jeder Auftritt ein Highlight: Tony Curran) sitzt derweilen zusammen mit der undurchsichtigen Medizinerin Yewll (Trenna Keating, trotz Maske stets vielschichtig) in einem Gefangenenlager ein, während Ehefrau Shtama seine illegalen Geschäfte leitet und alles daransetzt, dass er bleibt, wo er ist.

Ex-Bürgermeisterin Amanda Rosewater (Julie Benz, „Dexter“) hat mittlerweile das Bordell ihrer verschwundenen Schwester übernommen und fungiert zugleich als Beraterin ihres Nachfolgers, Stadtoberhaupt Niles Pottinger („Primeval“) – einer neuen und durchweg zwiespältigen Figur zwischen offenem Sadismus und kindlicher Weinerlichkeit. Hier hat möglicherweise der frühe Governor aus „The Walking Dead“ Pate gestanden, bevor er zum einäugigen Monster wurde.

Das Prinzip der ersten Staffel, keine echten Hauptfiguren zuzulassen, neben denen alle anderen nur Beiwerk sind, ist beibehalten worden, und die Einführung neuer Charaktere trägt das Seine dazu bei. Ab und zu schleichen sich Soap-Elemente ein, nehmen aber nie Überhand. Die Schauwerte haben zugelegt, auch wenn die Serie hier und da immer noch mit einem eingeschränkten Budget zu kämpfen hat. Thematisch loten die Macher (behutsam) ihre Grenzen aus und versuchen sich an Drogensucht, angedeutetem Inzest, Lynchjustiz und Selbstbefriedigung.

Defiance | Staffel 2

Skurrile Details wie ein geheimer Fetisch-Club, in dem Alien-Crossdressing betrieben wird (und ausgerechnet der Vize-Oberste der Erdrepublik Stammgast ist), oder Rückblenden, die Tausende von Jahren in die Vergangenheit reichen, erweitern die für ein langlebiges Scifi-Franchise unverzichtbare und bislang eher stiefmütterlich behandelte Eigen-Mythologie.

Eine 5-teilige Mini-Serie, die zwischen den beiden Staffeln angesiedelt ist und zugleich Prequel-Elemente enthält, gehört zum Bonusmaterial und kann als erster zaghafter Versuch gewertet werden, eine Art Expanded Universe zu initiieren. Ein begleitendes Multiplayer-Onlinegame passt da perfekt ins Bild.

Auf dem Regiestuhl saßen altgediente Profis wie Allan Arkush („Heroes“, „Crossing Jordan“, „Fame“) oder Larry Shaw („Desperate Housewives“), die einprägsame Musik stammt erneut von Bear McCreary, dem aktuell wohl meistgebuchten TV-Komponisten überhaupt. Einen echten Meta-Besetzungswitz bieten die Macher mit Linda Hamilton als kampfbereiter Mutter, die lange Jahre in der Psychiatrie festgehalten wurde.

„Defiance“ zettelt keine Revolution im Serienmarkt an, hat mit seinen mehrdimensionalen Figuren und durchaus fesselnden Erzählsträngen aber die berechtigte Chance auf ein mehrjähriges TV-Leben mit wachsendem Fanpotential. Eine 3. Staffel ist bereits angekündigt. [LZ]

OT: Defiance – Season 2 (USA 2014) REGIE: Michael Nankin, Allan Kroeker, Andy Wolk, Allan Arkush, Larry Shaw. BUCH: Brian A. Alexander, Brusta Brown, Nevin Densham, Allison Miller, Bryan Q. Miller, John Mitchell Todd, Kevin Murphy, Anupam Nigam, Rockne S. O’Bannon, Todd Slavkin, Phoef Sutton, Darren Swimmer, Michael Taylor. MUSIK: Bear McCreary. KAMERA: Thomas Burstyn, Attila Szalay. DARSTELLER: Grant Bowler, Julie Benz, Stephanie Leonidas, Tony Curran, Jaime Murray, James Murray, Anna Hopkins, Graham Greene, Nicole Muñoz, Jesse Rath, Trenna Keating, Mia Kirshner, Linda Hamilton. LAUFZEIT: 536 Min (DVD), 559 Min (Blu-ray). VÖ: 06.11.2014.

Defiance | Staffel 2

[Abbildungen: Universal (Cover) / Syfy (Stills)]

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