David Lynch liefert Videoclip zu CRAZY CLOWN TIME

05. April 2012

Crazy Clown Time

Filmemachen ist für David Lynch mittlerweile allem Anschein nach eher zur Nebenbeschäftigung geworden. Jegliche Konventionen klassischer Narration hatte er mit „Inland Empire“ endgültig über Bord geworfen und gegen eine motivische Architektur eingetauscht, die vor allem assoziativen und musikalischen Regeln folgt. Welcher Weg sollte da schon zurückführen? Umso mehr ist alles, was er seitdem in Form bewegter Bilder abgeliefert hat, eher unter dem Label „Videokunst“ einzustufen.

Nichts anderes gilt auch für den gerade veröffentlichten Videoclip zum Titeltrack seines ersten eigenen Albums „Crazy Clown Time“. Denn während er für die vorab veröffentlichte Single „Good Day Today“ einen Wettbewerb ausgeschrieben und den Gewinner hinter die Kamera gelassen hatte, saß Lynch hier wieder selber auf dem Regiestuhl – und das ist schwerlich zu übersehen.

Typische Stilmittel wie blitzartige Überbelichtung, verzerrte Bildläufe und die wiederkehrende Montage einzelner Bildmotive ohne nachvollziehbare dramaturgische Notwendigkeit (stattdessen eher der Cut-Up-Technik verbunden) haben ihren guten Platz im Lynch-Universum und finden sich vor allem in den kürzeren Arbeiten der letzten Jahre wieder.

Das Prinzip des Clips ist sehr einfach, und gerade deshalb so effektiv. Gezeigt wird in unbeirrter Konsequenz exakt nur das, wovon in den Lyrics die Rede ist. Lynch setzt also auf verlustfreie Bebilderung und verfolgt damit einen Ansatz, der nicht weiter von der allgemeinen aktuellen Musikvideo-Praxis entfernt sein könnte (besonders unsägliches Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Katy Perrys „The One That Got Away“ von Floria Sigismondi).

„Ollie, he had a red shirt“ und „Suzie, she ripped her shirt off completely“, hört man Lynch mit hochtonal krächzender Kopfstimme singen, während es Ollie mit rotem Hemd und Suzie ohne Oberteil (wohl aber mit politisch korrekten schwarzen Balken) zu sehen gibt. Ansonsten sind eine Menge Drogen im Spiel: „Danny poured the beer over Sally“, „Buddy screamed so loud, he spit“ und „Diddy lit his hair on fire“. „Crazy Clown Time“ ist offenbar des Meisters Vorstellung von einer gelungenen Party im Hinterhof – oder auch direkt in der Hölle.

Zugleich bildet Lynch aber auch seine sehr eigene Variante jenes Typus von Song und Clip ab, der (vor allem im HipHop und R’n’B) das exzessive Feiern per se glorifiziert. Ein direkter Vergleich mit Jonas Akerlunds nicht ganz unähnlich gelagertem Video zu „Come Undone“ (Robbie Williams) bietet sich an.

Ob Lynch auch weitere Titel seines Albums bebildern wird, bleibt abzuwarten. Im Rahmen einer viralen Kampagne von Dior hatte er 2010 unter dem Titel „Lady Blue Shanghai“ einen 16-minütigen Kurzfilm und zuletzt einen arg verstörenden Trailer für die Viennale 2011 abgeliefert. Ansonsten beschränkt sich der Meister seit Längerem vor allem auf seine Malerei und Fotokunst, sowie auf die Produktion von Musik.

Crazy Clown Time

[Abbildung: Screencapture]

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