David Lynch: LADY BLUE SHANGHAI (Dior)

15. Mai 2010

Im Kosmos der Zeichen und Symbole gibt es Wiedergänger, die ihren Weg über Jahre hinweg unbeirrt in die ganz persönliche Welt von David Lynch zurückfinden. Eine feste Bedeutung haben sie nie, und selbst wenn ihnen eine zugewiesen wird, dann doch ausdrücklich in Form eines Mysteriums. Eine geheimnisvolle blaue Rose ist so ein Beispiel, und mancher Interpret würde nur allzu gerne einen Bezug zur deutschen Romantik herstellen. Doch das ist bloße Spekulation. In „Fire walk with me“ wird ihr zwar dezidiert die Funktion eines Codes zugewiesen, doch auf eine Decodierung wartet man vergeblich. In „Mulholland Drive“ taucht sie lediglich als Dekor im Hintergrund auf und verweist offenbar nur auf sich selbst. In Lynchs aktuellem Dior-Imageclip rückt die seltsame Blume erstmals ganz ins Zentrum und bleibt doch reine Projektionsfläche.

Aber auch sonst ist „Lady Blue Shanghai“ unverkennbarster Lynch. Die erste Schwarzblende hat sich kaum geöffnet, da umschleicht den Zuschauer bereits ein seltsam hypnotisches Anmuten undefinierter Zwischenwelten: Leere Flure, rote Vorhänge, rätselhafte Artefakte – nicht einmal die Schachbrettmuster auf dem Boden fehlen. Die (erneut digitalen) Bilder sind gewohnt erlesen, und der über allem schwebende, geheimnisvoll-sehnsüchtige Klangteppich (von Lynch und Dean Hurley) wirkt vor allem auf das Unterbewusstsein ein.

Offenbar wollte man ein Auteur-feeling anstelle einer reinen Auftragsarbeit, und das sieht man dem etwa 16-minütigen Kurzfilm, der eigentlich eine Handtasche bewirbt, deutlich an. „Lady Blue Shanghai“ ist in erster Linie ein kunstvoll gesponnenes Netz aus unverzichtbaren Trademarks des Filmemachers und – ganz gemäß Lynchs entwaffnend einfacher „Inland Empire“-Synopsis – erneut eine Geschichte „about a woman in trouble“.

Der Financial Times beschrieb Lynch die Anfrage von Dior denkbar einfach: „They called me up and said, ‘Would you like to make a short film for the internet? You can do anything you want, you just need to show the handbag, the Pearl Tower and some old Shanghai.’“

Neben dem eigentlichen Film liegt zusätzlich eine 7-minütige Collage vor, in der Hauptdarstellerin Marion Cotillard die vollständige Fassung des von Lynch selber verfassten Gedichtes zitiert, das dem Projekt als Grundlage diente.

Lady Blue Shanghai

[Abbildung: Screencapture]

Weiterführende LINKS zu diesem Beitrag:

follow @screenread on twitter


Hinterlasse eine Antwort