David Cronenberg: Verzehrt (Consumed) | Sartre, Skype und Shin Sang-ok

22. November 2014

David Cronenberg | Verzehrt

Warum dieses späte literarische Debüt so sehr wie eine Rückkehr zu einer längst abgeschlossen geglaubten Phase in David Cronenbergs Schaffen erscheint, hat vermutlich einen einfachen Grund: „Consumed [dt. Verzehrt]“ ist der erste gänzlich originäre Stoff des Meisters seit 15 Jahren. Überhaupt: Mit Ausnahme von „eXistenZ“ (1999) beruht sein gesamtes Oeuvre seit „Videodrome“ (1983) ausschließlich auf Fremdvorlagen, und so muss es wenig wundern, dass er sich mit der intimeren der beiden Kunstformen in einer Weise an sein Frühwerk annähert, die mit großer Wahrscheinlichkeit niemand mehr von ihm erwartet hätte.

Er habe herausfinden wollen, ob er eine literarische Stimme hat, und wie diese wohl aussehen mag – so erklärt Cronenberg bei Gelegenheit seine bis dato eher unerwarteten schriftstellerischen Ambitionen. Dabei ist es nicht so, dass er unterbeschäftigt sei oder Auftragsarbeiten annehmen müsse, die ihm künstlerisch zuwiderlaufen. Das beständige Verschwinden hinter den Stoffen anderer (zuletzt Bruce Wagner und Don DeLillo) mag jedoch das Bedürfnis geweckt haben, ein zweites Ausdrucksmedium zu finden, das weder kommerziellen noch logistischen Einschränkungen unterliegt. Auf der Leinwand ist „Consumed“ in beiderlei Hinsicht jedenfalls schwerlich vorstellbar.

Die Protagonisten – das Journalistenpärchen Naomi und Nathan – sind nur für eine Weile Handlungsträger. Nach und nach gewinnen andere Figuren die Oberhand (oder haben sie schon immer gehabt?), bis die beiden gänzlich zu verschwinden scheinen. Zu Beginn sind sie das Vorzeigebeispiel eines kosmopolitischen Beziehungskonstrukts, dessen Pole sich beständig in weit voneinander entfernten Teilen der Welt aufhalten und nur durch die einschlägigen modernen Kommunikationsmedien miteinander umgehen. Und selbst wenn sie einmal nicht skypen, sondern Auge in Auge aufeinandertreffen, müssen sie sich wie unter Zwang gegenseitig fotografieren, zwischenspeichern, digital bearbeiten oder löschen.

Naomi und Nathan sind Nerds, deren Gadgets natürliche Erweiterungen ihrer Physis darstellen. Passagenweise ist von Filtern, Objektiven und Brennweiten zu lesen, als befinde man sich in einem Roman von Bret Easton Ellis, detailliert lässt sich nachvollziehen, wie Daten abgelegt, sortiert, hochgeladen, wie Prozesse auf dem Rechner (immer Macbooks) in Gang gesetzt, beendet oder unterbrochen werden. Dies ist der natürliche Lebensraum der Figuren und seine Elemente unterscheiden sich lediglich geringfügig von den Bioports aus „eXistenZ“ oder den Maschinerien der Scheinfirma Spectacular Optic in „Videodrome“ – nur dass sie eben nicht frei erfunden sind.

Kein Wunder, dass da ein Titel wie „Apocalyptic Consumerism: A User’s Manual“ zu den populärsten philosophischen Schriften gehört. Bezeichnenderweise stehen die Verfasser, das Philosophenpaar Célestine and Aristide Arosteguy (ein wildes Zerrbild von Sartre und Simone de Beauvoir), zu Beginn des Romans im Zentrum eines bizarren Mordfalls. Célestine wird zerstückelt und in Teilen verspeist aufgefunden, Videos und Bilder ihres geschändeten Leichnams finden den Weg ins Netz und Aristide – möglicherweise der Täter – ist nicht aufzufinden.

Naomi, sonst überzeugte Vertreterin eines online-affinen Cut-and-Paste-Journalismus, ist von der Konstellation fasziniert und spürt dem vermutlich nach Tokio geflohenen Philosophen hinterher, während Nathan in einer dubiosen Budapester Klinik eine nicht weniger dubiose Brust-OP dokumentiert und sich in eine sexuelle Affäre mit einer todkranken Patientin stürzt, von der er sich eine eigentlich längst ausgemerzte Geschlechtskrankheit einfängt – zugleich sein nächstes Reportagethema, das ihn zu einem jungen Mädchen mit autokannibalistischen Tendenzen führt. Und so weiter.

David Cronenberg | Verzehrt

Cronenbergs Roman ist ein Füllhorn absurder bis alptraumhafter Details (eine von Insekten befallene weibliche Brust; ein Hörgerät, das im Ohr seines Trägers explodiert; ein im 90-Grad-Winkel gebogenes Genital, das als Vorlage für eine im 3D-Drucker erzeugte Skulptur dient; etc), doch keines von ihnen verweist lediglich auf sich selbst, sondern fügt sich jederzeit in den Gesamtzusammenhang ein. Insofern arbeitet „Consumed“ durchweg nach dem obersten Gebot visueller Kunst: Nichts darf im Bild zu sehen sein, was andernfalls als Element verzichtbar wäre. Die Sprache ist glasklar, ohne klinisch zu wirken. Weniger reiner Beobachter als in seinen Filmen, erlaubt Cronenberg hier und da gar einen weitergehenden Zugang zu seinen Figuren – wenn auch nur so lange, bis er die Tür vollständig verriegelt.

Das Personal bildet ein Panoptikum merkwürdiger Zeitgenossen mit abwegigen Bedürfnissen und Obsessionen, die sie vermutlich selber nicht genau einordnen können, und jedes Wort, das sie sprechen, unterliegt dem Verdacht, lediglich nur Baustein eines gigantischen Lügengebäudes zu sein. Zunehmend verliert die ohnehin schon in zwei parallelen Strängen angelegte Erzählung ihre Geradelinigkeit, wechselt wiederholt (wenn auch nur vorübergehend) gänzlich die Perspektive und provoziert mehr Fragen, als dass sie Antworten liefert. Motive tauchen auf und gehen verloren, kehren an anderer Stelle wieder und drohen sich gegenseitig zu verschlingen. Am Schluss wird man glauben, einen Fehldruck in der Hand zu halten, dem mehrere Kapitel abhanden gekommen sind.

Unter den prominenten Namen, die sich zu einem werbewirksamen Statement haben hinreißen lassen, findet sich neben Stephen King und Weggefährte Viggo Mortensen auch J.J. Abrams, und das hat seinen guten Grund, denn Cronenbergs Roman erinnert nicht zuletzt an die populären Mystery-Plots, die nach dem Vorbild von „Lost“ (eigentlich natürlich „Twin Peaks“) bis heute so manche Serie über mehrere Staffeln am Leben halten und dabei anstelle eines aus der Geschichte heraus gerechtfertigten echten Überbaus lediglich einen möglichst mannigfaltigen McGuffin mit zahlreichen losen Enden liefern.

Und so steuert „Consumed“ auf einen Cliffhanger zu, der keine Auflösung erlaubt. Cronenberg leitet ihn ein mit einer Figur, die ein bloßes Phantom bleibt und an die reale Gestalt des nach Nordkorea entführten Filmemachers Shin Sang-ok angelehnt ist. Bei ihm scheinen alle Fäden zusammenzulaufen, auch wenn völlig unvorstellbar ist, wie das möglich sein soll. Zugleich erlaubt der Roman so aber auch einen Ausflug ins dunkle Herz der Filmfestspiele von Cannes und in die Propaganda-Zentrale von Kim Jong-un.

„Consumed“ entwirft ein komplexes Labyrinth, in dem man sich verloren hat, bevor es einem bewusst wird. Einmal drin, gibt es nachweislich keinen Weg mehr nach draußen. Die Konstruktion ist ebenso gewagt wie virtuos, denn wie die einzelnen Handlungsstränge auf fast musikalische Weise ineinander greifen, zeugt von architektonisch anmutender Präzision – ohne dass man beim ersten Lesedurchgang wirklich einen detaillierten Überblick erlangen könnte. Zugleich erweist sich der Text aber auch immer wieder als Versuchanordnung, bei der nie so ganz klar ist, ob der Leser nicht selber als Objekt fungiert.

Cronenbergs Romandebüt ist ein morbides Stück Popkultur, das keinen Vergleich mit etablierten literarischen Kollegen zu scheuen braucht. Zugleich bietet „Consumed“ aber auch eine Reise zu jenen abseitigen thematischen Landstrichen und menschlichen Abgründen, denen der Autor von jeher eine für den Mainstream gänzlich ungeeignete Faszination entgegenbringt. Davon in Zukunft bitte mehr. [LZ]

David Cronenberg: Verzehrt (Consumed)
S.Fischer | ISBN: 978-3-10-010233-1

David Cronenberg | Verzehrt

[Abbildungen: Myrna Suarez (Porträt Cronenberg) | S.Fischer (Cover)]

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