Das Kindermädchen [The Guardian] | Hexenhorror von William Friedkin erstmals in legaler Uncut-Fassung auf dem deutschen Markt

13. Juli 2017

Das Kindermädchen [The Guardian]

[Lesedauer: ca. 3:20 Minuten]

Es sei der erschreckendste Film, den er je gesehen habe, gab William Friedkin vor zwei Jahren enthusiastisch zu Protokoll und meinte damit „The Babadook“, den viel umjubelten Erstling der bis dato völlig unbekannten Jennifer Kent. Das war ein ziemlicher Ritterschlag, denn schließlich ist genau dasselbe vier Jahrzehnte lang immer wieder über „The Exorcist“ gesagt worden, seinen eigenen Beitrag zum cineastischen Horrorkanon, und Friedkin ging in der Folge gar so weit, öffentliche Screenings seines neuen Lieblingsfilms abzuhalten. Nicht bekannt ist, ob er dabei irgendwann an seinen 1990er Kassenflop „The Guardian“ gedacht hat, von dem sich Kent ein besonders einprägsames Requisit abgeschaut haben könnte: das Popup-Buch des Grauens.

Die Parallele darf schon trefflich verblüffen, zumal nicht bloß der Gegenstand an sich, sondern auch seine Funktion eine ähnliche ist. Und in einem Doppelfeature mit „The Witch“ würde sich das damals von Kritikern wie Publikum gleichermaßen ungeliebte „Kindermädchen“ (im Deutschen ist man brav beim Titel der Romanvorlage geblieben) ebenfalls gut machen. Grund genug also, alles beiseite zu schieben, was den Film lange Zeit mit Häme und Missachtung überzogen hat, inklusive eines vernichtenden Reviews von Roger Ebert [1]? Unbedingt. „The Guardian“ – und das darf gerne zitiert werden – ist ein unterschätztes Stück Horrorkino, das seiner Zeit in mancher Hinsicht voraus war.

Damit sind natürlich nicht die zahlreichen Logiklöcher, haarsträubenden Anschlussfehler und unmotivierten Entscheidungen einiger Figuren gemeint. Eine katastrophale Produktionsgeschichte hatte den ursprünglich für Sam Raimi gedachten Film bis in die Nachsynchronisation hinein verfolgt und selbst dann noch massive Drehbuchänderungen mit sich gebracht, als die Kameras bereits liefen. Allein Friedkins Genie und seiner Erfahrung mit improvisiertem Guerilla-Shooting aus „French Connection“-Zeiten ist mit großer Wahrscheinlichkeit zu verdanken, dass aus richtungslosem Stückwerk am Ende allen Hindernissen zum Trotz ein irgendwie kohärentes Ganzes geworden ist.

Diese Perspektive kann man allerdings tatsächlich erst aus einiger zeitlicher Distanz einnehmen. Als „The Guardian“ erstmals über die Leinwände flimmerte, erntete der Film bestenfalls Unverständnis. Die Erwartungen an einen Horrorfilm jenes Mannes, der einst der halben westlichen Welt gezeigt hatte, wie die junge Linda Blair hemmungslos mit einem Kruzifix masturbierte, sich auf einen Priester übergab und Dinge sagte, die im Hiphop heute zum guten Ton gehören, waren schlicht zu hoch. Das eine war ein Meilenstein des Genres, das andere ein Stück verunglückter Trash, das nicht einmal zu wissen schien, was es eigentlich wollte.

Das Kindermädchen [The Guardian]

Das Kindermädchen [The Guardian] | Jenny Seagrove

Dabei ist es doch ganz einfach: Ein neues Zuhause, ein junges Paar, ihr Neugeborenes, ein Kindermädchen. Zunächst scheint alles rosig zu laufen – außer dass der Ehemann gerne länger hinschaut, wenn die attraktive Engländerin ihm wie zufällig ihren unbekleideten Körper präsentiert. Kommt in den besten Familien vor. Dann allerdings wird ein Nachbar Zeuge, wie die Nanny spätabends im Wald verschwindet, um sich dort mit einem mächtigen Baumgott zu vereinen, unter dessen Rinde die schmerzverzerrten Gesichter zahlloser Kinder zu erkennen sind. Doch bevor der entsetzte Beobachter irgendjemanden warnen kann, macht ihm ein Rudel hungriger Wölfe gründlich den Garaus.

Der Zuschauer allerdings kennt die entscheidende Wende längst und ist den Figuren weit voraus, zeigt doch der Prolog bereits, wie das vermeintliche Kindermädchen das Baby einer anderen Familie erst entführt und dann ihrem Meister aus Ästen und Wurzeln als Opfer darbringt. Dieses Damoklesschwert schwebt über dem gesamten ersten Akt, und so werden die einzelnen Stationen bis zum ersten Wiedersehen mit dem Baum des Bösen in dichter, fast elliptischer Taktung durchgespielt: Umzug, Schwangerschaft, Geburt, Nanny. Denn wozu Zeit mit einer ellenlangen Exposition verschwenden, wenn ohnehin schon klar ist, worauf die Angelegenheit hinausläuft? Eine Tugend, die im Mainstream-Genrekino der Gegenwart allzu oft kein sonderlich großes Ansehen genießt.

Dass sich die aufgestaute Erwartungshaltung dann jedoch ausgerechnet in einer der bizarrsten Varianten des Rape/Revenge-Topos entlädt, die je auf Film oder Video gebannt wurde (und da ist „Planet of Terror“ schon mit eingerechnet), dürfte dann allerdings selbst den gewieftesten Zuschauer mit offenem Mund zurücklassen (und rief in Deutschland die Sittenwächter auf den Plan). Wer hier zu dem Schluss kommt, dass eine Sequenz wie diese die Geschichte nicht voranbringt und auch sonst wie ein Fremdkörper wirkt, ist möglicherweise bereits von der geradlinigen Scheuklappenmentalität der Anzug- und Bedenkenträger in den Chefetagen der großen Studios oder Filmförderanstalten infiziert.

Damit haben Friedkin und sein Film nichts am Hut. Fremdkörper wie dieser bestimmen „The Guardian“ in seiner Grundstruktur. Die Geschichte sucht sich ihre eigenen Wege, nicht immer geschmacks- und stilsicher, dafür aber mit einer gewissen Begeisterung für narrative Anarchie. Nachdem Co-Autor Stephen Volk (schrieb zuvor Ken Russells „Gothic“) seine Sachen gepackt hatte und mit einem Nervenzusammenbruch aus L.A. geflohen war, hatte Friedkin das Drehbuch, an dem beide über Wochen hinweg ohne befriedigende Lösungen herumgedoktert hatten, gänzlich alleine in der Hand. On the fly wurde ein Rewrite-Marathon daraus, der die Schauspieler beinahe täglich mit neuen Textversionen konfrontierte. Lose Enden, offene Versprechungen und kuriose Hakenschläge, bei denen man sich die Augen reibt, waren das Ergebnis – im Grunde also ein zentrales Prinzip moderner Serienerzählung.

Anhand der insgesamt fünf Interviews (alle den früheren US-Editionen von Severin Films und Shout!Factory entnommen), die sich im Bonusteil der jetzt neu bei Koch aufgelegten Fassung finden, lässt sich rückwirkend einigermaßen rekonstruieren, welche Teile früher und welche später gedreht wurden. Die Entstehungsgeschichte ist eigentlich schon wieder ein Film für sich und eröffnet zudem sehr unterschiedliche Blicke der einzelnen Beteiligten auf Friedkin als Mensch und als Regisseur. Fazit: Vom lieblosen Packaging abgesehen ein Re-Release, das in jede Sammlung gehört. [LZ]

OT: The Guardian (USA 1990). REGIE: William Friedkin. BUCH: Stephen Volk, William Friedkin, Dan Greenburg. MUSIK: Jack Hues. KAMERA: John A. Alonzo. DARSTELLER: Jenny Seagrove, Dwier Brown, Carey Lowell, Brad Hall, Natalia Nogulich, Miguel Ferrer, Theresa Randle, Jack David Walker, Willy Parsons, Frank Noon. LAUFZEIT: 89 Min (DVD), 92 Min (Blu-ray). VÖ: 13.07.2017.

Das Kindermädchen | DVD

[Abbildungen: Koch Films]

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