Dark House | Filmkritik

18. April 2015

Dark House

Als seine Mutter dem Flammenmeer zum Opfer fällt, das die Psychiatrie, in der sie seit Jahren einsitzt, bis auf die Grundmauern niederbrennt, begeht Nick gerade seinen 23. Geburtstag – eine magische Zahl, wie ihn die hübsche Eve wissen lässt, die er eben erst kennengelernt hat und die doch wenige Monate später schon sein Baby im Bauch trägt. Bei der Testamentseröffnung erfährt er von einem bis dato unbekannten Landhaus, das er seltsamerweise seit frühester Kindheit wie besessen immer wieder gezeichnet hat. In der Hoffnung, Näheres über seinen Vater zu erfahren, von dem ihm nie erzählt wurde, macht er sich auf die Suche nach Spuren des Gebäudes, das Jahre zuvor von der Flut weggespült wurde – und dann seltsamerweise an anderer Stelle wieder auftaucht.

Was hier nach einem modernen Märchen klingt, erweist sich rasch als handfester Horrorfilm mit einer Menge überraschend origineller Ideen und Wendungen, die mal mehr, mal weniger glaubwürdig daherkommen. Als Lockvogel für den Zuschauer fungiert zwar Genre-Ikone Tobin Bell („Saw“), doch sein Auftreten beschränkt sich auf ein Minimum an Screentime. Als Werbetrick ist das unproblematisch, denn für den wohligen Schrecken, den „Dark House“ verbreitet, sind ohnehin andere Elemente verantwortlich.

Ganz vorne dabei: Eine Horde axtschwingender Kreaturen, denen die nassen langen Haare tief genug ins Gesicht hängen, um sie als nahe Verwandte jener Geistermädchen auszuweisen, die das japanische Kino des Grauens so zahlreich bevölkern. Ihre beim Laufen eingenommene gebückte Haltung und die einseitig vorgeschobene Schulter stammt allerdings eher aus dem „Planet der Affen“. Einprägsam und willkommen befremdlich ist die Kombination allemal.

Der angenehm dosierte Spannungs- und Mysteryaufbau kann sich sehen lassen und die Hauptfiguren fallen nicht ganz so blaupausenartig aus wie in vergleichbaren Filmen mit einer Gruppe von Twens im Zentrum. Die Charakterzeichnung ist trotzdem das größte Manko und die Handlungslogik hinter so mancher Entscheidung darf einen durchaus ärgern (spontaner Sex im offenen Van, während draußen jederzeit ein Heer von Monstern angreifen könnte?).

Dark House

Auf der Haben-Seite wiederum hebt sich eine Reihe von Bildern und Sequenzen angenehm vom allgemeinen Horror-Einerlei ab und hinterlässt einen guten Eindruck. Mit einem finalen Twist weniger (ein echter Shyamalan-Fehler) hätte „Dark House“ durchaus das Zeug zum Sleeper mit wachsendem Kultfaktor gehabt. So hingegen verliert der Film beim wiederholten Ansehen deutlich an Reiz.

Dass sich Victor Salva nach dem gründlich missglückten Vorstadt-Grusel „Rosewood Lane“ wieder einkriegen und beweisen würde, dass er seit „Jeepers Creepers“ erfreulicherweise doch nicht verlernt hat, wie ein vorzeigbarer Genre-Beitrag aussehen kann, gehört zu den positiven Überraschungen, die „Dark House“ mit sich bringt (die einfallslose Titelwahl –vormals noch nichtssagender: „Haunted“ – gehört jedenfalls nicht dazu).

Nun sind Salva-Filme aufgrund der problematischen Biografie seines Machers allzeit ein zwiespältiges Vergnügen, liefern andererseits aber auch interessante Querverweise zu Leben und Werk, die ihn als echten Auteur unter seinen Horror-Kollegen auszeichnen. Immer wieder machen seine Figuren Abstecher in Psychiatrien oder Haftanstalten, weisen unerklärliche Fähigkeiten auf, die sie zu Außenseitern machen (etwa „Powder“) und leiden unter herrischen Vätern, die einem glücklichen Leben im Weg stehen (zentral in „Rites of Passage [dt. Kraftprobe in den Bergen]).

Alle Motive, insbesondere letzteres, gehören hier zu den treibenden Elementen und öffnen einer tiefenpsychologischen Rezensionshaltung Tür und Tor. Wer sich auf diese zweite Ebene einlässt, wird in Salvas Filmen (auch in seinen misslungenen) unter der Oberfläche eine Menge verstörendes Ungeziefer finden, das sich – einmal entdeckt – nicht mehr so leicht abschütteln lässt. Hier gilt fraglos: Am glaubwürdigsten von Monstern erzählt, wer dem Monster in sich selbst schon einmal ungeschminkt ins Gesicht geblickt hat. [LZ]

Dark House

OT: Dark House (US 2014) REGIE: Victor Salva. BUCH: Charles Agron, Victor Salva. MUSIK: Bennett Salvay. KAMERA: Don E. FauntLeRoy. DARSTELLER: Luke Kleintank, Alex McKenna, Tobin Bell, Anthony Rey, Zack Ward, Lacey Anzelc, Ethan S. Smith, Charles Agron, Daniel Ross Owens, Lesley-Anne Down. LAUFZEIT: 98 Min (DVD), 102 Min (Blu-ray). VÖ: 24.03.2015.

Dark House

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment | Suzi Altman]

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