Dämonen und Wunder – Dheepan | Filmkritik

10. Dezember 2015

Dheepan

Mit seinem Gefängnisthriller „Ein Prophet“ und dem Liebesdrama „Der Geschmack von Rost und Knochen“ blieb dem Franzosen Jacques Audiard in Cannes die Goldene Palme noch verwehrt. 2015 allerdings durfte der Regisseur und Drehbuchautor den Hauptpreis des Festivals endlich entgegennehmen. Prämiert wurde sein Flüchtlingsdrama „Dämonen und Wunder – Dheepan“, was als Entscheidung mit Symbolkraft zu werten ist, auch wenn es nicht um Migranten aus Afrika oder dem Nahen Osten geht. Im Mittelpunkt von Audiards jüngster Regiearbeit steht eine tamilische Scheinfamilie, die dem Bürgerkrieg in Sri Lanka den Rücken kehrt und sich nach Frankreich durchschlägt.

Als die Separatisten, die einen eigenen Tamilenstaat anstreben, den Regierungstruppen unterliegen, schließt sich der Freiheitskämpfer Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) mit der ihm unbekannten Yalini (Kalieaswari Srinivasan) zusammen, um in Europa Asyl zu finden. In einem Flüchtlingslager lesen die beiden das Waisenkind Illayaal (Claudine Vinasithamby) auf und können ihr kriegsgebeuteltes Heimatland kurz darauf mit falschen Pässen verlassen. Ihre Reise führt die Zweckgemeinschaft in einen herabgewirtschafteten Pariser Vorort, wo Dheepan eine Stelle als Hausmeister antritt. Seine „Ehefrau“ bleibt zunächst zu Hause, übernimmt jedoch schon bald einen Pflegejob und macht dabei Bekanntschaft mit einem Gangmitglied. Illayaal, die im Gegensatz zu ihren „Eltern“ recht schnell die fremde Sprache lernt, besucht die Schule, findet dort allerdings keinen richtigen Anschluss. Während sich Dheepan und Yalini langsam annähern und sogar Gefühle füreinander zu entwickeln scheinen, nehmen die Auseinandersetzungen der Drogenbanden in ihrem Viertel bedrohliche Ausmaße an.

Bemerkenswert ist der Blickwinkel, den Audiard hier einnimmt, schon deshalb, weil der Bürgerkrieg in Sri Lanka im westlichen Kino bislang keine großen Spuren hinterlassen hat. Nur die wenigsten Zuschauer dürften mit dem bewaffneten Konflikt vertraut sein, der von 1983 bis 2009 zwischen tamilischen Rebellen und den sri-lankischen Regierungstruppen ausgetragen wurde und bis zu 100.000 Todesopfer forderte. Mit dem Wissen um diesen Hintergrund erscheint es geradezu bizarr, wenn man Dheepan nach seiner Ankunft in Frankreich mit einem blinkenden Kopfschmuck billigen Krimskrams feilbieten sieht. Bilder, die man vielleicht aus eigenen Erfahrungen, etwa dem letzten Urlaub, kennt. Immerhin ziehen gerade in Südeuropa vor allem Afrikaner und Tamilen von Strand zu Strand und durch die Städte, um Touristen für ihre Waren zu begeistern.

Dheepan

Ein Leben unter ausbeuterischen Bedingungen, das die Protagonisten im Film gegen die raue Banlieue-Umgebung eintauschen. Eine Sozialbausiedlung, die merklich von Verfall und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Nüchtern fängt Kamerafrau Eponine Momenceau die triste Hochhausatmosphäre ein und bleibt die meiste Zeit ganz nah bei unseren Hauptfiguren. Zeigt sie bei der Arbeit, im täglichen Miteinander und gewährt dem Publikum nur sehr selten einen Panoramablick über die Vorstadtszenerie. Auf diese Weise spiegelt Audiard treffend die Erfahrung der Migranten, die in einem fremden Land, einer fremden Kultur nur wenig Durchblick haben. Ins Bild passt dabei auch, dass die Gangstrukturen nicht wirklich zu durchschauen sind. Ungeschriebene Gesetze und klare Anweisungen bestimmen zwar das Zusammenleben. Wer genau mit wem verbündet ist, erschließt sich jedoch nicht.

Umso erschreckender wirkt die Gewalteruption, die der Regisseur durch eine allgemeine Anspannung vorbereitet, die aber dennoch recht unerwartet über uns hereinbricht. Ereignisse, die den kriegstraumatisierten Dheepan auf eine harte Probe stellen. Denn das Grauen aus der Heimat, vor dem er mit Yalini und Illayaal geflüchtet ist, kehrt plötzlich in abgewandelter Form zurück und droht auch das neue Leben zu vergiften. Die Folge ist eine fatale Kettenreaktion, die etwas forciert anmuten mag, in der Figur des Freiheitskämpfers aber schon von Anfang an mitschwingt. Bricht die Hölle einmal los, lockert Audiard die nüchtern-dokumentarische Inszenierungsweise ein wenig auf, verfällt allerdings nicht in rasende Effekthascherei.

Unbedingt sehenswert machen „Dämonen und Wunder – Dheepan“ vor allem die beiden Hauptdarsteller, die ohne große Schauspielerfahrung absolut glaubwürdige Figuren kreieren. Jesuthasan Antonythasan, der jenseits der Leinwand als Kindersoldat für die Rebellen kämpfte, nach Frankreich flüchtete und sich als Schriftsteller etablieren konnte, lässt das innere Brodeln des Titelhelden ebenso spürbar werden wie seinen unbändigen Willen zur Anpassung. Seine Filmpartnerin Kalieaswari Srinivasan vermittelt äußerst überzeugend die Verunsicherung und die Berührungsängste, die Yalini in der fremden Umgebung heimsuchen. In ihrer Unbeholfenheit erstaunlich ergreifend sind allerdings auch die Momente, in denen die junge Frau mit dem Gangster Brahim (Vincent Rottiers) eine Ebene der Kommunikation findet, obwohl sie der französischen Sprache nicht mächtig ist. [Christopher Diekhaus]

OT: Dheepan (FR 2015). REGIE: Jacques Audiard. BUCH: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Noé Debré. MUSIK: Nicolas Jaar. KAMERA: Éponine Momenceau. DARSTELLER: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby, Vincent Rottiers, Faouzi Bensaïdi, Marc Zinga, Bass Dhem. LAUFZEIT: 109 Min.

Dheepan

[Abbildungen: Weltkino Filmverleih]

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