Abschied von J.R. | Eine Art Nachruf

01. Februar 2013

Dallas

Irgendwann zur US-Premiere der neuen „Dallas“-Folgen hatte Larry Hagman unmissverständlich versprochen, er werde seine Paraderolle bis zum letzten Atemzug spielen. Vielleicht wusste er damals schon, wie es um ihn stand, vielleicht auch nicht. In jedem Fall war seine Aussage ein Bekenntnis zu der Figur, die seine Karriere bestimmt hatte wie keine zweite. Bekannt geworden war er bereits Ende der 60er mit der Sitcom „I dream of Jeannie (dt. Zauberhafte Jeannie)“ und der Rolle des Major Tony Nelson – einer Figur, die dem Schauspieler vermutlich viel näher kam als der rückgratlose Ölbaron aus Texas. Wiederholt war Hagman dem Tod von der Schippe gesprungen, und vermutlich war das auch das einzige, was er wirklich mit J.R. Ewing gemeinsam hatte. Als der Schauspieler im vergangenen November starb, ging auch ein Kapitel Fernsehgeschichte zuende, das es ohne ihn nie gegeben hätte.

Man mochte die Wiederbelebung des Serienhits aus den 80ern vorab mit Argwohn betrachtet, vielleicht sogar belächelt haben, doch die Quoten beim Kabelsender TNT fielen gut genug aus, um eine zweite Staffel sicher zu stellen. Ob es allerdings auch eine dritte geben wird, steht derzeit noch in den Sternen, und die Entscheidung hängt wesentlich davon ab, wie tief die Wunde ist, die Hagmans Tod hinterlassen hat. „Dallas“ ohne J.R. wäre früher jedenfalls nicht denkbar gewesen, und selbst als die Figur nach dem legendären Anschlag, der die amerikanische TV-Nation 1980 einen ganzen Sommer lang in Atem hielt, für ein paar Folgen ausfiel, stand sie immer noch voll und ganz im Zentrum des Geschehens. Ihr Schatten wird vermutlich zu lang sein und ihre Abwesenheit zu präsent, als dass die Serie erfolgreich auf eigenen Beinen stehen kann.

Nichts macht das so deutlich wie die mit einiger Verspätung am 29. Januar in Deutschland gestartete erste Doppelfolge der Neuauflage. Und die ist, gemessen am Stand der großen stilbildenden Serien der 2010er Jahre, bemerkenswert altmodisch. Im Mittelpunkt stehen die beiden Ewing-Söhne John Ross und Christopher, die auf ihre Weise die alte Fehde ihrer Väter fortsetzen, während vor allem Bobby als Bindeglied zur Originalserie fungiert. Sue Ellen ist kaum mehr als eine Randfigur, Ray Krebbs und Lucy bekommen lediglich kurze Cameos, andere Ehemalige tauchen (erst einmal) nicht auf. Dass die bekannten Figuren den neuen nicht allzu sehr im Weg stehen dürfen, wohl aber das verbliebene Bestandspublikum mitziehen sollen, liegt in der Natur der Sache. Doch der Balanceakt hat einen entscheidenden Haken, und dessen sind sich die Macher durchaus bewusst.

Denn wie es nun einmal seine Art ist, durchkreuzt J.R. alle Pläne, die ihm nicht passen, und davon bleiben auch seine Autoren nicht verschont. Denn während sich die beiden (für die Neuauflage ignorierten) TV-Specials von 1996 und 1998 ganz auf ihn konzentrieren, ist er 2012 ein zentrales Problem. Übergehen lässt er sich nicht, an den Rand drängen ist ebenso ausgeschlossen, und sobald er die Bühne betritt, gerät neben ihm alles andere zur Nebensache. Wie sollen sich da langfristig neue Hauptcharaktere aufbauen lassen, die in der Lage sein müssen, die Serie alleine zu schultern?

Es muss also eine Weile dauern, bis Hagman zum Einsatz kommt, denn die anderen Figuren brauchen dringend einen Vorsprung. Einigermaßen prominent besetzt mit Josh Henderson (John Ross) und Jesse Metcalfe (Christopher), zwei „Desperate Housewives“-Alumni, bekommen die beiden Ewing-Söhne (den dritten, James Beaumont, verschweigt die Neuauflage lieber, und den vierten erst recht) von den Autoren eine ganze Handvoll Verstrickungen und Affären untergejubelt, um die Rivalität der nächsten Generation möglichst engmaschig und langfristig anzulegen. J.R. dämmert derweil in einem Pflegeheim vor sich hin. Diagnose: klinische Depression.

Doch das Spiel auf Zeit, das die Serie versucht, geht nur in Teilen auf. Als John Ross keinen anderen Weg mehr sieht, um seine eigene kleine Intrige gegen Bobby durchzusetzen (die Förderung von Öl auf Ewing-Grund könnte am geplanten Verkauf von Southfork scheitern), stattet er seinem verhassten Vater einen Besuch ab – in der Hoffnung, die alten Lebensgeister im Eigeninteresse ein Stück weit wieder in Gang zu bringen. Dass es ihm dabei nicht anders ergehen wird als Goethes Zauberlehrling, hätte er eigentlich ahnen müssen. Doch dafür ist er noch lange nicht gewieft genug.

Dallas

„Bobby war schon immer ein Idiot“, muss der erstaunte Sohn von seinem vor langer Zeit verstummten Vater hören, der kurz darauf kampfeslustig die Augen aufschlägt und nur wenige Worte braucht, um die Vermutung nahe zu legen, dass seine Krankheit nicht mehr war als ein selbstverordneter Winterschlaf. Am Ende der 14. Staffel hatte er alles verloren: Ewing Oil war an Cliff Barnes übergegangen, seine Söhne hatten sich von ihm abgewendet, und Southfork lag in Bobbys Hand. J.R. war müde und vielleicht hatte er sogar kurz daran gedacht, sich den Revolver an die Stirn zu setzen. Doch stattdessen schloss er die Augen. 21 Jahre lang. Und vor nichts haben die Macher der neuen Folgen mehr Angst gehabt, als dass er sie wieder öffnet.

J.R. hat nämlich nichts verlernt, und Hagman erst recht nicht. Noch bevor er sich überhaupt in Bewegung setzt, ist er seinem Gegenüber bereits drei Züge voraus, und vielleicht sogar mehr. Seinem Bruder und seiner Ex-Frau spielt er Läuterung vor, wie er es schon Hunderte Male zuvor getan hat, und wieder sind sie mehr als geneigt, ihm zu glauben. Nach Jahrzehnten der Erniedrigung schmilzt Sue Ellen dahin, wenn der Mann, der ihr das Leben zur Hölle gemacht hat, mit devotem Dackelblick vor ihr steht und Süßholz raspelt, ohne auch nur ein einziges Wort davon wirklich ernst zu meinen. Und Bobby, konfrontiert mit der eigenen Sterblichkeit, will nur zu gerne glauben, dass sein Bruder nach all den Jahren doch noch zur Vernunft gekommen ist. Wie gesagt, er war schon immer ein Idiot.

Fortan interessiert nichts anderes mehr. Die Nebenstränge langweilen und schinden nur Zeit. Alle Aufmerksamkeit gilt dem nächsten Auftritt von J.R. und den Strippen, die er im Hintergrund zieht. Puppenspieler, der er ist, macht ihm auch zwei Jahrzehnte später niemand etwas vor, schon gar nicht der eigene Sohn, der selber ein falsches Spiel spielt. Mit Stetson bewaffnet, vielsagendem Glanz in den Augen und einem Siegerlächeln zum richtigen Zeitpunkt beweist der erste echte Hauptrollenschurke der TV-Historie, dass ihm weiterhin keiner das Wasser reichen kann – und dass es in „Dallas“ in Wahrheit um niemand anderen geht als ihn.

Dallas

Ursprünglich war John Ross II, wie sein vollständiger Name lautet, bloß als Nebenfigur gedacht, die das Geschehen um Bobbys erste Frau Pamela (Victoria Principal ersetzte die zunächst vorgesehene Linda Evans) ein bisschen aufmischen sollte. Doch die Zuschauer sahen die Dinge anders und erkannten J.R. rasch als eigentliche Sensation der Serie. Mit ihm eroberte ein einzigartiger Antiheld die Fernsehlandschaft und ebnete den Weg für einen ganz neuen Typus von Protagonisten. Schillernd und verschlagen, reaktionär und promiskuitiv, hochintelligent und moralisch fragwürdig – nie hätte eine TV-Produktion mit einer solchen Figur an der Spitze zum damaligen Zeitpunkt grünes Licht bekommen.

Aber auch hier erwies sich J.R. als brillanter Manipulator, machte sich einfach das Publikum zum Verbündeten und spielte es gegen die eigenen geistigen Väter aus. Zugleich öffnete er damit die Büchse der Pandora, der Jahre später Charaktere wie Hannibal Lecter, Gordon Gekko, Tony Soprano, Dexter Morgan und Walter White entstiegen. Doch sein Einfluss ermöglichte auch eine weniger amoralischen Figur wie „Mentalist“ Patrick Jane, denn von seiner Rückgratlosigkeit abgesehen ist J.R. vor allem ein Spieler, der seine Gegner besser kennt als diese sich selber, und der die Regeln, nach denen die anderen spielen, nicht selten auch gleich eigenhändig aufstellt.

Mit einem scheinbar endgültig besiegten J.R. ging die Originalserie einst berechtigterweise zuende. Niemand wollte den großen Intrigenmeister wirklich scheitern sehen, denn es waren nicht nur seine beneidenswert clever erdachten Scharmützel, die der Serie ihr Überleben sicherten. J.R. war vor allem die eigentliche Identifikationsfigur, an deren Stelle sich der Zuschauer insgeheim wünschte. Niemand hätte ernsthaft mit dem kreuzbraven Bobby, dem jämmerlichen Cliff Barnes oder sonst einer der Charaktere aus der Stammbesetzung tauschen wollen. Macht, Geld, Frauen – der Erstgeborene von Jock und Miss Ellie bekam alles, was er wollte. Und im Augenblick des Triumphes konnte er seinem Gegenüber auch noch mit arrogantem Grinsen ins Gesicht sagen, was er von ihm hielt. J.R. war die stellvertretende Exekutive für jeden, der sich nur zu gerne am Rest der Welt für all die Gemeinheiten und Erniedrigungen rächen würde, die ihm im Leben widerfahren sind.

Das ist selbstverständlich kindisch, und so ist J.R. im Grunde auch immer ein Kind geblieben, das um die Anerkennung seiner Mutter buhlt und sich gleichzeitig mit jeder Frau, die er erst ins Bett lockt und danach gnadenlos wegwirft, dafür an ihr rächt, dass er nie ihr Lieblingssohn gewesen ist. Doch diese zweite Ebene, mit der die Figur erst davor bewahrt wurde, zum bloßen Abziehbild zu werden, war vor allem das Verdienst ihres Darstellers. Die Bosheiten mochten im Drehbuch gestanden haben, doch die unter vielen Schichten begrabene Verletzbarkeit, die große Sehnsucht nach Liebe, der bedingungslose Selbsthass und das sichere Wissen darum, der eigenen Verderbtheit nicht entkommen zu können, all das hat Hagman der Figur hinzugefügt.

Erst so war es möglich, für den Mann mit dem unstillbaren Siegeswillen jene Hassliebe aufzubringen, ohne die es ganze 14 Staffeln niemals gegeben hätte. Hagman hatte J.R. nie als Dämon angelegt, und über die Jahre hinweg hatten das auch die Autoren begriffen. Erst als sie der Figur ihre Masken herunterrissen, fiel sie in sich zusammen. Lange hat sie gebraucht, um sich davon zu erholen und zu alter Stärke zurückzufinden (nicht umsonst wirken beide TV-Specials eher wie misslungene Parodien als wie echte Fortführungen). Dass sie letztlich aber dann doch unbeschadet wieder auferstehen konnte, auch das ist in erster Linie Hagman zu verdanken. Wie absurd muss einem da im Nachhinein der lange kursierende Plan eines Kino-Updates mit wahlweise John Travolta oder Bruce Willis in der Hauptrolle erscheinen?

Am Ende der ersten Doppelfolge macht sich J.R. nach Mexiko auf, um ein falsches Spiel seines Sohnes und dessen Geliebter auffliegen zu lassen. Während wir ihn von hinten auf ein prunkvolles Tor zuschreiten sehen, hinter dem sich der eigentlich Schlüssel zu seiner Rückkehr ins große Intrigenleben verbirgt, klingt aus dem Off ein schicksalsschweres Sprichwort aus: Es ist besser, alt zu sein, als der Teufel zu sein. J.R. dreht sich um, als hätte er es gehört, blickt halb ins Leere und halb zu uns, die wir ihn von der anderen Seite des Bildschirms über Jahrzehnte hinweg beobachtet haben. Ein flüchtiger Gedanke mag ihm durch den Kopf schießen, der ihn innehalten lässt. Dann jedoch öffnet er die Tür und beschließt, dass beides auch gleichzeitig möglich ist. [LZ]

Danke Larry. Für alles.

Larry Hagman

[Abbildungen © RTL]

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Eine Antwort zu “Abschied von J.R. | Eine Art Nachruf”

  1. [...] Auf screen/read kann man einen Nachruf auf J.R. Ewing, der berühmtesten Figur des kürzlich verstorbenen Schauspielers Larry Hagman [...]

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