COSMOPOLIS | Filmkritik

04. Juli 2012

Cosmopolis

Eric Packer ist milliardenschwer, noch keine 30, leidet unter Schlafstörungen und lässt sich in seiner schalldichten Stretchlimousine die Prostata untersuchen. Draußen tobt eine antikapitalistische Protestbewegung, der Präsident ist in der Stadt („Nur um sicher zu gehen, über welchen Präsidenten reden wir?“, fragt Packer seinen Sicherheitschef, ohne dass die Antwort wirklich von Belang wäre), der Tod eines bekannten Rappers wird öffentlich betrauert und ein Unbekannter plant einen Anschlag, doch es gibt ein Ziel, das es wert ist, Manhattan gegen alle Widrigkeiten und Vernunft vom einen Ende zum anderen zu durchqueren. Packers ganz persönlicher Gral ist ein Haarschnitt, und der Mann damit offenbar ein Fall für die Couch.

Doch es sind kein Diva-Allüren, von denen diese Figur getrieben wird, auch wenn man das eine ganze Weile lang meinen mag. Irgendwo im Genpool von Patrick Bateman und Mark Zuckerberg orientierungslos umhertreibend, reist Packer direkt ins Herz der eigenen Finsternis und will doch eigentlich zurück in den Uterus, dem er sonst nur mit flüchtigem Sex wirklich nahe kommt. – Zuviel des Guten? Vielleicht. Aber „Cosmopolis“ ist immerhin David Cronenbergs direkter Folgefilm zu „A Dangerous Method (dt. Eine dunkle Begierde)“ und von daher prädestiniert für obsessive Überinterpretationen.

Cosmopolis

Bei seiner Premiere in Cannes kam die mit Robert Pattinson befremdlich am Zielpublikum vorbei besetzte Adaption der eher ungeliebten Vorlage von Don DeLillo nicht wirklich gut an. Das muss wenig wundern, denn Cronenbergs Film ist nicht auf unmittelbares Gefallen hin ausgerichtet. Sperrig, steril und theatral kommt er daher und überfordert den Zuschauer bereits in den ersten zehn bis zwanzig Minute in einem Maße, dass man meinen könnte, im Kinosaal solle die Spreu vom Weizen getrennt werden, bevor der Film bereit ist, sich ein Stück weit zu öffnen.

Von äußerer Handlung ist eine ganze Weile lang wenig bis nichts zu bemerken. Ein Großteil des Films spielt in Packers Stretchlimousine, deren Fortbewegung überhaupt nur dann sichtbar wird, wenn die Scheiben mal gerade nicht verdunkelt sind. Drinnen wird geredet, sehr viel geredet, und Cronenberg hat eine Menge praktisch wörtlich aus DeLillos Roman übernommen. Doch was auf dem Papier lebendig wirken mag, ist auf der Leinwand von einen unüberhörbar künstlichen Charakter bestimmt, der viel zu viel Beckett in sich trägt, um ein reguläres Publikum bei der Stange zu halten.

Ein für Cronenberg ungewöhnlich hoher Dialoganteil war bereits in „A Dangerous Method“ bestimmend, doch wo dort miteinander gesprochen wurde, um (zumindest der Intention nach) sein Gegenüber möglichst gründlich erforschen zu können, reden die Figuren in „Cosmopolis“ meistens auf seltsame Weise aneinander vorbei – ganz so, als würden ihre Worte gefiltert und verfremdet, bevor sie beim anderen ankommen. Statt zu antworten, schweifen die Gesprächspartner ab oder überlagern das, was sie eigentlich denken, durch die Dinge, die sie tatsächlich sagen.

Cosmopolis

Cosmopolis

Im Grunde ist Packers Limousine das zentrale Bild für diesen Status. Schalldicht, nach außen abgeschottet, keimfrei. Ab und zu wird anderen Einlass gewährt, doch das geschieht gänzlich zielgerichtet. Von außen lässt sich die Panzerung mit Graffiti besprühen oder ein bisschen an der sicheren Horizontallage rütteln, doch was sich drinnen abspielt, bleibt davon auffällig unberührt. Alles tiefere Eindringen ist rein körperlich, nimmt dann allerdings auch gleich alle denkbaren Öffnungen in Beschlag, mal aus sexuellen Motiven, mal aus hypochondrischen, in jedem Fall aber mit neurotischem Beigeschmack.

Hier leuchtet der frühe Cronenberg auf, der Quasi-Erfinder des Körperhorrors, dessen Figuren die Grenzen der eigenen Physis nur allzu gerne ausloteten, um sie dann auf fatale Weise zu überschreiten. Inzwischen hat dieser Topos seinen subtileren, bisweilen vielleicht realitätsnaheren Ausdruck gefunden, doch das lässt ihn nicht weniger allgegenwärtig sein. Die Limousine ist ein organischer Ort, dessen Linien, Polsterungen, Verstrebungen, Lichter und Apparaturen bei genauerem Hinsehen eine seltsame Verwandtschaft zu Seth Brundles fatalem Teleporter und den Insektenwesen aus „Naked Lunch“ aufweisen.

Wenn Packer seiner beischlafunwilligen jungen Ehefrau (Sarah Gadon als direkter Gegenentwurf zu ihrer Rolle in „Method“) erklärt, wie der operative Eingriff abläuft, mit dem ein Wagen wie seiner gebaut wird, dann könnte er zugleich auch die Fantasievorstellung einer sich aller Machbarkeit widersetzenden Genitalverlängerung beschreiben. Und nicht zuletzt erweist sich das von allen äußeren Angriffen unbeeindruckte Gefährt als Kokon, aus dem sein Besitzer im letzten Drittel als todgeweihter Falter entsteigen wird.

Cosmopolis

„Cosmopolis“ ist ein urbanes Roadmovie mit einem Protagonisten auf dem Weg zu völliger Selbstauflösung. Ab und zu macht er Halt und sammelt Zwischenstationen, auch wenn er weiß, dass sein Leben von einem Unbekannten bedroht wird. Nach und nach entledigt sich Packer seiner sorgsam aufgebauten Schutzschilder, beginnend mit einer einfachen Sonnenbrille (so dass seine offenbar regelmäßige Sexpartnerin erstmals seine Augenfarbe bemerkt) und mündend in allumfassendem Thanatos.

Cronenberg hat es sich nicht leicht gemacht, nicht mit der Wahl des Materials (das zuvor schon durch so manche Hand gewandert war), nicht mit der seines Hauptdarstellers (dessen ausdrucksloses Spiel weniger mit gern unterstellter Talentlosigkeit, als vielmehr mit der unendlichen Müdigkeit der Figur zu tun hat) und nicht mit dem alles andere als leicht konsumierbaren Ansatz aus Dialoglast und einer Erzählweise, deren Realität leicht neben der Spur liegt (und immer wieder in die seltsame Unwirklichkeit von Howard Shores hypnotischem Elektro-Score abdriftet).

Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, Packer wäre kurz davor, sich seiner Funktion als fiktiver Gestalt bewusst zu werden und seine nächsten Sätze direkt an den Zuschauer zu richten. Doch dafür sind seine Schutzmechanismen immer noch zu dicht, und so rückt ihn Peter Suschitzkys Kamera stattdessen gelegentlich stark an den Rand, während im Hintergrund eine Menge Dinge passieren, die mit Packer selber nichts zu tun haben. Die Außenwelt hat sich längst von ihm abgelöst. [LZ]

OT: Cosmopolis (FR/CA/PT/IT 2012). REGIE: David Cronenberg. BUCH: David Cronenberg. KAMERA: Peter Suschitzky. MUSIK: Howard Shore. DARSTELLER: Robert Pattinson, Paul Giamatti, Kevin Durand, Sarah Gadon, Juliette Binoche, Samantha Morton, Mathieu Amalric, Patricia McKenzie. LAUFZEIT: 108 Minuten.

Cosmopolis

Cosmopolis

[Abbildungen © Caitlin Cronenberg | Falcom Media GmbH]

follow @screenread on twitter

Eine Antwort zu “COSMOPOLIS | Filmkritik”

  1. [...] Thomas Lenz (screen/read) erklärt in seiner ebenso klugen wie lesenswerten Analyse des Films: “Im Grunde ist Packers Limousine das zentrale Bild für diesen Status. Schalldicht, nach auße… [...]

Hinterlasse eine Antwort