CONJURING – Die Heimsuchung | Filmkritik

02. August 2013

The Conjuring

Die beiden Hauptfiguren dieses überraschend effektiven Geisterhorrors sind Genre-Kennern keine Unbekannten. Und nein, „The Conjuring“ ist weder Sequel, Prequel oder Remake, noch Adaption eines Romans oder gar Comics. Stattdessen erzählt der Film eine (na klar) reale Episode aus dem umfangreichen Erfahrungsschatz des Dämonenjägerpaars Ed und Lorraine Warren. Bekanntester Fall der beiden: das Spukhaus in Amityville. Rund 10.000 Fälle von Heimsuchung und Besessenheit sollen sie insgesamt untersucht haben, über viele haben sie berichtet und sogar ein eigenes Inhouse-Museum mit okkulten Memorabilia gegründet (das heute noch existiert), doch die grauenerregendste Geschichte dringt erst jetzt an die Öffentlichkeit. So will es uns der Film zu Beginn jedenfalls weismachen. Fragt sich, wie die bereits beschlossene Fortsetzung da noch eins draufsetzen will.

Doch klappern gehört gerade in der Vermarktung von Horror nun einmal zum Handwerk, und auch ganz wörtlich klappert, knackst, quietscht und knarzt es in diesem Film ganz gehörig. James Wan, bekanntlich Miterfinder der „Saw“-Reihe (dessen gewaltlastigen Auswüchse der Sequels aber ausdrücklich nicht auf sein Konto gehen), hat einen im besten Sinne unheimlichen Creeper mit jeder Menge clever eingesetzter Sound- und Schreckeffekte gemacht und dabei praktisch gänzlich auf (sichtbare) CGI verzichtet. Wer da jetzt anerkennend nickt, sei daran erinnert, dass Wan erst 2010 mit „Insidious“ bereits ähnliches geboten hatte und auf den ersten Blick Gefahr läuft, dasselbe Prinzip einfach zu wiederholen. Doch dem ist zum Glück nur in eingeschränktem Maße so.

Wo der frühere Film rasch ganz eigene Wege geht und im dritten Akt in limboartige Zwischenwelten abhebt, ist „The Conjuring“ über lange Zeit hinweg konservativer, arbeitet sich klug an der Dramaturgie klassischer Haunted-House-Movies ab und schlägt dabei manchmal sogar semidokumentarische Töne an (ohne jedoch überflüssige Found-Footage-Elemente ins Spiel zu bringen). Auch wird die Geschichte mit weniger Tempo angegangen, um Figuren wie Zuschauer Zeit zum atmen und dem sich langsam einschleichenden Grauen Gelegenheit zu geben, seine Fühler nach allen Seiten auszustrecken.

The Conjuring

Obwohl sie die Grundlage für eine ganze Reihe von Geisterfilmen lieferten (zuletzt etwa 2009 für „Das Haus der Dämonen“) , ist dies der erste Fall, in dem das PSI-Duo auch in persona auftaucht. Ed Warren wird dabei angenehm zurückhaltend von Luke Wilson (ebenfalls Hauptdarsteller von „Insidious“) verkörpert, während Vera Farmiga (Oscar-Nominierung für „Up in the Air“) seine Frau Lorraine – ein Medium – ätherischer, aber auch getriebener anlegt. Insgesamt gelingen hier zwei interessante Charaktere, die vielschichtig genug ausfallen, um ein geplantes Franchise tragen zu können.

Ins Spiel kommen sie, als eine Familie um Hilfe bittet, die in ihrem neuen Haus auf massive, teils gar physische Weise von bösartigen Erscheinungen heimgesucht wird. Der Film fädelt das geschickt ein, setzt an mit einem anderen Fall der Warrens, konzentriert sich dann eine Weile fast gänzlich auf die zunehmende Verstörung der einzelnen Familienmitglieder und führt die beiden Elemente schließlich zusammen – mit der Pointe, dass die Geisterjäger selber in den Fokus der Heimsuchenden geraten.

Vielleicht wird die letzte Karte ein bisschen überreizt, aber das ist verzeihlich, denn er dient dazu, die Identifikation mit den beiden Figuren zu untermauern. Zugleich gelingt es dem Autorenduo Chad und Corey Hayes („The Reaping“) auf diese Weise, einen zweiten bekannten Fall der Warrens stärker einzubinden, der mit einer besessenen Puppe namens Annabelle durchaus eigene Spuren im Genrekino von „Poltergeist“ bis „The Hole“ hinterlassen hat – nicht zuletzt bei James Wan selbst („Dead Silence“).

The Conjuring

Geister, Dämonen und Exorzisten haben im Horrorkino seit kurzem wieder eine größere Bedeutung gewonnen. Dafür gibt es gute Gründe, denn das Genre hatte seine Beziehung zum Übersinnlichen für eine Weile fast gänzlich verloren. Spätestens seit „Hostel“ herrschten vor allem Monster aus Fleisch und Blut, die anderen Schlimmes antaten. Vampire und Werwölfe wurden bekanntlich einer leidigen Romantisierung unterzogen, und die anhaltende Zombie-Welle basiert auch in ihren einfachsten oder absurdesten Spielarten immer noch auf der unterschwelligen Angst vor globalen Epidemien, die der Menschheit den Garaus bereiten.

Letztlich ist das Atheistengrusel, denn die Phänomene des Grauens bleiben erklärbar und lassen sich zumindest verstandesmäßig einigermaßen bewältigen. Dass hingegen Filme wie dieser, aber auch Varianten mit härterer Gangart wie „Evil Dead“ (und nicht zuletzt die erfolgreiche TV-Serie „American Horror Story“), in deren Zentrum eine Bedrohung aus Jenseits, Zwischen- oder Parallelwelten steht, mittlerweile wieder auf breites Publikumsinteresse stoßen, spricht für eine deutliche Wende im Genre und in der Befindlichkeit des Zuschauers.

In den USA spülte „The Conjuring“ nicht nur am Startwochenende immenses Geld in die Kassen und ließ so manchen Sommer-Blockbuster ohne weitere Anstrengung hinter sich. Ein guter Beleg dafür, dass das beste Mittel gegen hochsommerliche Temperaturen immer noch eine ordentliche Gänsehaut ist. [LZ]

OT: The Conjuring (USA 2013) REGIE: James Wan. BUCH: Chad Hayes, Carey Hayes. MUSIK: Joseph Bishara. KAMERA: John R. Leonetti. DARSTELLER: Patrick Wilson, Vera Farmiga, Lili Taylor, Ron Livingston, Shanley Caswell, Hayley McFarland, Joey King, Mackenzie Foy, Kyla Deaver, John Brotherton. LAUFZEIT: 112 Min.

The Conjuring

The Conjuring

[Abbildungen: © 2013 Warner Bros. Entertainment Inc.]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

The Walking Dead

Hinterlasse eine Antwort