Cologne Conference 2014: Lars von Trier bleibt schweigsam

10. Oktober 2014

Cologne Conference

„I haven’t spoken in public for three years“, lässt Lars von Trier alle wissen, an denen sein einstiger Rauswurf bei den Filmfestspielen in Cannes vorbeigegangen ist (und ja, davon sitzen nachweislich einige im Publikum). „So I’ve prepared few words: Thank you very much.“ Damit ist seine Dankesrede beendet. Überhaupt hat Dänemarks wichtigster Kinoschaffender sichtbar wenig Bedarf, sich allzu lange öffentlicher Aufmerksamkeit bei der Abschlussveranstaltung der diesjährigen Cologne Conference auszusetzen.

Den Photocall am Roten Teppich bringt er schnell hinter sich, danach steht er kurz völlig alleine mit einem Glas Rotwein an einem Tisch vor dem Festsaal des Kölner Gürzenich. Seine Betreuer sind unterdessen vermutlich – tja, wo eigentlich? Gegen Ende der Veranstaltung lässt er für ein obligatorisches Gruppenbild geduldig das Blitzlichtgewitter von gerade einmal einer Handvoll Fotografen über sich ergehen und ist schließlich verschwunden.

Lars von Trier macht einen unauffälligen und bescheidenen Eindruck. Dunkler Anzug, weiße Sneaker. Wüsste man nicht, wer er ist, würde man ihn glatt übersehen. Gast der Cologne Conference ist er nur, um den Filmpreis Köln in Empfang zu nehmen, den ihm zwei Damen von der Stadt (die Wirtschaftsdezernentin) und der Filmstiftung NRW überreichen. In bescheidenem Englisch und offensichtlich suboptimal vorbereitet erzählt eine der beiden etwas von „creativity“ und dem „next level“, auf den der schweigsame Meister das Medium gebracht habe. Dass sie jemals einen seiner Filme gesehen hat, darf man getrost bezweifeln.

Ob man sich mit der Preisvergabe ernsthaft die Möglichkeit offen halten wollte, dass von Trier sein Schweigegelübde im Schatten des Doms bricht und damit die Weltöffentlichkeit auf das auch in seinem 24. Jahr immer viel zu wenig beachtete und von einem nicht allzu scharfen Profil bestimmte Festival für Film und Fernsehen lenkt? Falls ja, bleibt einem nur verständnisloses Kopfschütteln. An den jährlich stattfindenden Werkstattgesprächen mit den Gewinnern der insgesamt vier vergebenen Preise nahm er jedenfalls nicht teil.

Kommen musste er, denn schließlich pumpt die Filmstiftung NRW allzeit gutes Geld in seine Filme. Lars von Trier dreht gerne im Sektor, in erster Linie jedoch der baren Münze wegen. Als er nach Abschluss der Dreharbeiten zu „Antichrist“ im Rahmen einer Pressekonferenz gefragt wurde, warum er für die Außenaufnahmen im Wald ausgerechnet in das bei Bonn gelegene Eitorf gekommen sei, gab er – sehr zum Verdruss seiner anwesenden lokalen Partner, denen umgehend die Gesichtszüge entglitten – nur einen einzigen Grund an: das Geld. Passenden Wald hätte er auch sonstwo finden können.

Die anderen Preisträger – Bertrand Tavernier, Tom Tykwer, Martina Gedeck – geben sich gesprächiger als ihr dänischer Kollege, doch mit Ausnahme des französischen Filmemachers und PEN-Präsidenten, dessen Polit-Komödie „Quai d’Orsay“ (bislang noch ohne deutschen Verleih) einfach mal so zum besten Film der Festivalreihe „Kino“ erklärt wurde, ist nicht wirklich ersichtlich, warum die jeweilige Personalie aktuell so besonders relevant ist, dass sich die betreffende Preisvergabe ausgerechnet jetzt aufdrängt. Aber das gehört nun einmal zum Festivalgeschäft und mit wichtigen Namen schmückt man sich schließlich gerne. [LZ]

[Nachtrag vom 11.10.2014: Als hätten wir es geahnt. Um dem nicht wirklich erreichten Ziel, Lars von Trier zum Reden zu bringen, aktiv entgegenzuwirken, gibt man seitens der Cologne Conference einen Tag später alles, um die Fakten so zu deuten, dass sich doch noch das gewünschte Ergebnis erzielen lässt. „Lars von Trier spricht erstmals wieder in der Öffentlichkeit“, lautet die offizielle Verlautbarung und man möchte die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Natürlich ist damit nicht die Unwahrheit gesagt, aber genauso hat der Däne sich in den vergangenen Jahren vermutlich auch schon öffentlich geäußert, wenn er beim Bäcker um die Ecke Brot kaufen oder im Restaurant die Rechnung begleichen wollte. Die Tatsache jedoch, dass er sich mit insgesamt drei kurzen Sätzen für den verliehenen Preis bedankt, als Bruch seines Schweigegelübdes zu deuten (oder doch zumindest die Konnotation anzustoßen), muss man wohl als Verzweiflungstat werten. Strategien wie diese sind aber selbstredend keine Ausnahmeerscheinungen: Als „Terminator Salvation“ 2009 in den USA nicht so richtig zünden wollte, brach bei Sony Deutschland echte PR-Panik aus und man beeilte sich, die Nachricht zu lancieren, Arnold Schwarzenegger sei nun doch zum Franchise zurückgekehrt und im Film zu sehen. Dass es sich dabei nur um ein virtuelles Cameo in Form einer Computeranimation handelte, behielt man jedoch lieber für sich.]

[Abbildung: Cologne Conference]

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