Cologne Conference 2015: Keine deutschen Preisträger | Mathieu Amalric sendet Videobotschaft in Abwesenheit

02. Oktober 2015

Cologne Conference 2015 | David Schalko, Nora von Waldstätten, Paolo Sorrentino, Joshua Oppenheimer

Ein paar bedrückende Minuten lang schien die Abschlussveranstaltung der diesjährigen Cologne Conference in Gefahr, ihren Ton kultiviert-zurückhaltender Heiterkeit relativieren zu müssen: Mathieu Amalric hatte seine Teilnahme am Festival und der Preisverleihung aus privaten Gründen kurzfristig absagen müssen und stattdessen eine monochrome Videobotschaft geschickt. Sichtlich niedergeschlagen und mit tiefen Ringen unter den Augen bedankte er sich für die Auszeichnung mit dem Hollywood Reporter Award und bedauerte seine Abwesenheit. Der Rest ging angesichts schlechter Tonqualität und akzentlastigem Englisch des Franzosen konsequent unter – für den weiteren Verlauf des Abends vermutlich eine glückliche Fügung.

Denn nein, schlechte Nachrichten hatten hier nichts verloren. Im Kölner Gürzenich sowieso nicht, denn da gehört gute Laune zur Hausordung. Folgerichtig betonte Moderator und 1Live-Spieletester Tom Westerholt wiederholt (wir zählten dreimal), dass im Anschluss ja Büffet und Getränke abzugreifen seien und man sich deshalb beeilen wolle. Er selber hing seiner Zeit allerdings eher hinterher – versuchte er doch gleich zu Beginn, die anstehende Fortsetzung von „Twin Peaks“ (David Lynchs bahnbrechende Mystery-Soap hatte auf der Cologne Conference einst ihre Deutschland-Premiere gefeiert) als sensationsgeladene Neuigkeit zu verkaufen. Faktisch ist die Nachricht fast auf den Tag genau ein Jahr alt, aber der Kölner an sich klüngelt sich die Dinge ja bekanntlich gerne so zurecht, dass es hinterher passt.

Überhaupt galt es diesmal noch mehr als sonst, nicht nur die Preisträger, sondern auch das Festival an sich zu feiern. 25 Jahre Bestehen sind Grund genug. Dass es der Veranstaltung auch nach einem Vierteljahrhundert immer noch an einem klaren Profil fehlt – Schwamm drüber. Ist die durchaus reizvolle Idee, Pilotfolgen neuer (hauptsächlich fiktionaler) TV-Produktionen vorab auf der Kinoleinwand zu präsentieren, weiterhin immer noch leidlich originell, so lässt sich bei der Auswahl des Filmanteils eine gewisse Beliebigkeit nicht von der Hand weisen – ganz abgesehen von der Frage, was die Zusammenstellung der beiden Medien überhaupt soll.

In der Sektion „Made in NRW“ präsentiert sich zudem die zugehörige Film- und Medienstiftung, die das Festival nicht nur finanziell unterstützt, sondern mit ihrer Geschäftsführerin Petra Müller auch ein Präsidiumsmitglied stellt. Ist das schon Interessensverquickung? Aber egal, nicht weiter drüber grübeln, wir sind schließlich in Köln. Jedenfalls flimmern auf dieser Grundlage fünf Filme über die Leinwand, deren Macher sich mit unterschiedlicher Berechtigung über Geld aus den nordrhein-westfälischen Fördertöpfen freuen konnten. Dass davon keiner ausgezeichnet wurde, erscheint wiederum seltsam widersinnig. Sollte hier nicht gerade eine NRW-Produktion mit einem eigenen Preis bedacht werden?

Überhaupt fällt auf, dass sich dieses Jahr kein einziger Deutscher unter den Preisträgern befindet (österreichische und deutsche Wurzeln zählen ja nicht, oder?). Noch bemerkenswerter: Mit „Deutschland 83“ hat es die aus unterschiedlichen Gründen aktuell international relevanteste deutsche TV-Produktion (der erste hiesige Fernsehmehrteiler, der seine Premiere bei einem US-Sender erlebte) nicht einmal ins Festivalprogramm geschafft. Was mag hier im Weg gestanden haben? Ein Unwillen der Veranstalter, mit RTL zusammenzuarbeiten? Eine senderinterne Politik, dergemäß die Cologne Conference nicht den passenden Rahmen für eine Uraufführung der Vorzeigeserie darstellt? Beides ist denkbar.

Nun ja, kölsches Grundgesetzt §1. Dass stattdessen die grotesk-lustige österreichische Produktion „Altes Geld“ des hierzulande immer noch vielzu unbekannten David Schalko (inszeniert demnächst völlig zufällig im Kölner Schauspielhaus) einen Preis abräumt, ist mehr als erfreulich – zumal bislang weder diese noch seine mindestens genauso sehenswerte frühere Serie „Braunschlag“ im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. In seiner Dankesrede präsentiert er seinen vermeintlichen Plan für eine zukünftig bessere Zusammenarbeit mit ARD und ZDF – er arbeite derzeit an einer Serie im Hitler-Umfeld mit Anteilen eines Schweden-Krimis. Typischer Schalko-Humor eben und leider nur zu wahr.

Wieso mit Nora von Waldstätten („Oktober November“) aber auch noch eine der Hauptdarstellerinnen des Mehrteilers um Organspenden, Inzest und Analverkehr prämiert wurde, will nicht so recht einleuchten. Keine Frage, die Auszeichnung mit dem „international actors award.cologne“ (ja, die Schreibweise kann zur Weißglut treiben) ist unstrittig angemessen, aber andererseits: Klüngelt es da nicht schon wieder irgendwie? Oder will man dem ebenfalls involvierten WDR hier einfach einen besonders großformatigen Wink mit dem Zaunpfeil geben, sich neben den neugeforderten Gebührengeldern auch eine Handvoll „Altes Geld“ einzuverleiben? Immerhin zierte die Schauspielerin in ihrer Rolle sämtliche Plakate und Werbematerialien des Festivals. Wer hier wegsehen wollte, musste sich schon Mühe geben.

Weitere Preisträger: Paolo Sorrentino (ein bisschen Oscarglanz für die Conference), der wohl in der Hauptsache gekommen war, um seinen neuen, vom Moderator gänzlich übergangenen Film „Ewige Jugend“ zu bewerben, und jetzt noch eine Werkschau (und eine vom Blatt abgelesene Laudatio made by Tom Tykwer) obendrauf bekam; sowie Joshua Oppenheimer, dessen Preisregen berechtigterweise kein Ende nimmt und der hier pünktlich zum deutschen Starttermin von „The Look of Silence“ einen Award des Nachrichtensenders Phoenix entgegennehmen konnte.

Dass ein überraschend großer Teil der für prominente Gäste reservierten Sitzplätze in den ersten Reihen leer blieb, mag an der eher insiderlastigen Auswahl der Preisträger gelegen haben. Mit Lars von Trier, Martina Gedeck und Tykwer hatte man 2014 durchaus noch so etwas wie moderate Starpower zusammentragen können. Davon ließ sich dieses Jahr nur träumen. Am Büffet gab es trotzdem lange Schlangen und insgesamt reichlichen Kölsch-Bedarf. Bei aller Kritik: Bis auf Weiteres bleibt die Cologne Conference die einzige Veranstaltung, die so etwas wie einem großen Kölner Filmfestival am nächsten kommt. Darauf lässt sich aufbauen. [LZ]

[Abbildungen: Raphael Stötzel]

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