Cold War | Filmkritik

25. August 2014

Cold War

Ein Mannschaftswagen der Polizei mitsamt seinen fünf Insassen verschwindet spurlos. Weil die unbekannten Entführer den alarmierten Ermittlern stets einen Schritt voraus sind, liegt die Beteiligung eines Maulwurfs nahe. Schauplatz ist Hongkong, die vermeintlich sicherste Stadt Asiens, in der sich die Ordnungshüter einen vorbildlichen Ruf erarbeitet haben und ein Verbrechen dieser Art bislang undenkbar schien: Der Auftakt zu „Cold War“, der bei den Hong Kong Film Awards 2013 unter anderem die Trophäen für den besten Film, die beste Regie und das beste Drehbuch abräumen konnte, lässt einen atemlosen Polizeithriller vermuten, schlägt jedoch schon bald eine ganz andere Richtung ein.

Denn der im Titel anklingende Krieg – „Cold War“ wird die Operation zur Befreiung der Geiseln getauft – vollzieht sich nicht auf den Straßen, in schäbigen Lagerhallen oder an verlassenen Orten, sondern in den gläsernen, steril wirkenden Hochaustürmen des Polizeipräsidiums, das gerade im Angesicht der unbegreiflichen Katastrophe seinen Trutzburgcharakter verliert. Der kriminelle Vorstoß ins Herz des Sicherheitsapparates straft die eigene Unantastbarkeit Lügen und legt (was fast noch schlimmer ist) eine innere Zerrissenheit schonungslos offen.

Lok Man Leung und Kim-ching Luk, die mit „Cold War“ ihr Debüt als Spielfilmregisseure und Drehbuchautoren geben, lassen dabei die beiden hochrangigen Beamten Waise Lee (Tony Leung Ka Fai, „Der Liebhaber“) und Sean Lau (Aaron Kwok, „Hongkong Crime Scene“) aufeinander los. Beide teilen sich die Funktion des stellvertretenden Polizeipräsidenten für die Dauer einer Auslandsreise ihres Vorgesetzten, verantworten dabei allerdings unterschiedliche Aufgabenbereiche. Während Lee für das operative Geschäft zuständig ist, überwacht Lau das Management der Zentrale – zwei Männer mit grundverschiedenen Blickwinkeln also, die sich von Anfang an uneinig sind, wie man auf den terroristischen Akt antworten soll.

Cold War

Lee, dessen Sohn sich pikanterweise unter den Geiseln befindet, setzt als der Ältere der beiden auf einen aggressiven Gegenschlag. Doch ist nicht die bessere Lösung eine abgeklärte Verhandlungstaktik, mithilfe derer sich die im Geheimen laufenden Suchmaßnahmen verschleiern lassen? Angeheizt wird das Ringen um Zuständigkeiten und die finale Befehlsgewalt dadurch, dass sich Lee und Lau beiderseits berechtigte Hoffnungen machen, in absehbarer Zeit gänzlich zum Polizeipräsidenten aufzusteigen.

Entsprechend dieser Ausgangslage wird die erste Hälfte des Films vor allem von hitzigen Dialogen und konspirativen Besprechungen dominiert, die sich zumeist in klinisch-kalten Innenräumen abspielen. Eine ganze Schar von Nebenfiguren tritt auf, wobei die Haltung der einzelnen Beamten durchaus wechseln kann. Mit der Zeit laufen wichtige Lee-Getreue zur anderen Seite über und isolieren ihren Chef damit auf entscheidende Weise. Doch auch der besonnen-kalkulierende Lau ist nicht vor Rückschlägen gefeit und lässt sich vielmehr von recht offensichtlichen Täuschungsmanövern der Entführer hinters Licht führen (was der Glaubwürdigkeit seiner Figur nicht gerade zugute kommt).

Entfalten die Hahnenkämpfe zu Beginn noch reichlich Dynamik und Nervenkitzel, zerfasert der Copthriller nach einer überraschenden Wendung im Mittelteil leider immer mehr. Mit dem ehrgeizigen Billy Cheung erscheint eine zusätzliche Figur auf der Bildfläche, die den Film penetrant an sich reißt: ein interner Ermittler, der Lee und Lau korrupte Methoden nachweisen will, womöglich sogar die Beteiligung an der Entführung. Ein Plot-Twist jagt nun den nächsten, wobei die Motivationen der Protagonisten und die innere Logik der Geschichte zunehmend auf der Strecke bleiben.

Passend dazu lässt sich das Regie-Duo auf der Zielgeraden auch noch zu einem bescheiden animierten Actionfeuerwerk inklusive harter Gewalt-Effekte hinreißen, was angesichts der ursprünglichen Agenda – eine Auseinandersetzung zwischen Anzugträgern – eher unpassend erscheint. [Christopher Diekhaus]

Cold War

OT: Hon zin (HK 2012) REGIE: Lok Man Leung, Kim-ching Luk. BUCH: Lok Man Leung, Kim-ching Luk. MUSIK: Peter Kam. KAMERA: Jason Kwan, Kenny Tse. DARSTELLER: Aaron Kwok, Tony Leung Ka Fai, Charlie Yeung, Ka Tung Lam, Aarif Rahman, Kar Lok Chin, Andy On, Andy Lau, Byron Mann. LAUFZEIT: 98 Min. (DVD), 102 Min. (Blu-ray). VÖ: 13.05.1014

Cold War

[Abbildungen: OFDb Filmworks]

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