Cold Blooded | Filmkritik

28. August 2013

Cold Blooded

Grob betrachtet gibt es zwei Varianten des sogenannten „Heist“-Thrillers, einem Subgenre des Gangsterfilms, das sich um einen gut geplanten Raubzug dreht und die Urheber, und nicht etwa die Gesetzeshüter, zu Protagonisten macht: In der einen Ausprägung stehen detaillierte Planung, Vorbereitung und Durchführung des Bruchs im Zentrum (der Klassiker: „Rififi“), in der anderen das Geschehen danach mit seinen nicht selten fatalen Entwicklungen (etwa „Reservoir Dogs“ oder aktuell „Trance“). Entscheidendes Merkmal der letzteren Gruppe: Der Raub selber ist meistens kaum mehr als ein MacGuffin, der die Handlung ins Rollen bringt. So auch in „Cold Blooded“, einer kanadischen Independent-Produktion, die aus ihrem sichtbar geringem Budget Erstaunliches herausholt.

Zwei Männer auf der Flucht vor den Cops, am Ende liegt einer der beiden tot am Boden und der andere erwacht ans Bett gefesselt im Krankenhaus. Es sind nur wenige Minuten vergangen, doch der Film wird den Schauplatz nicht mehr wechseln. Mehr oder weniger in Echtzeit läuft die Handlung ab und nach rund 80 Minuten ist keine Figur übrig, die nicht ausgiebig Federn (oder Gliedmaßen) hat lassen müssen. Im Spielfilmdebüt von Autor und Regisseur Jason Lapeyre kommt keiner einfach so mit einem blauen Auge davon. Dass die Angelegenheit dabei trotz mancher Kapriolen nicht die Bodenhaftung verliert, ist vor allem das Verdienst von Hauptdarstellerin Zoie Palmer („Lost Girl“).

Lapeyre hat ihr mit der toughen Polizistin Frances eine vielschichtige Figur vorgegeben, die unter dem Einfluss der Schauspielerin auch über die Grenzen dieses Films hinaus interessant bleibt und durchaus Franchise-Potential in sich trägt. Ihr gehören einige der stärksten Szenen und die besten davon finden sich im ersten Drittel. In einem stillgelegten Trakt des Krankenhauses übernimmt sie gerade die Wache für den Juwelendieb Cordero (auch interessant: Ryan Robbins aus „The Killing“ und „Falling Skies“), der just in diesem Moment wieder zu sich kommt.

Cold Blooded

Unmittelbar wird der Film zum Kammerspiel für zwei Personen. Cordero versucht Frances für sich zu gewinnen, beißt auf Granit, unterliegt, trickst sie aus und muss sich letztlich doch geschlagen geben. Das ist so dicht und pointiert, dass man sich wünschen würde, der gesamte Film würde sich nur zwischen den beiden abspielen. Dann jedoch erscheint der betrogene Bandenchef Holland auf dem Plan, verschafft sich Zugang zum Krankenhaus und setzt ein gnadenloses Katz-und-Maus-Spiel in Gang, bei dem sich Frances und Cordero zwangsweise miteinander verbünden müssen.

So ganz erreicht der Film die Höhe des ersten Drittels danach zwar nicht mehr, aber Lapeyre lässt sich eine Menge einfallen, um die Geschichte am Laufen zu halten. Ängstliche Komplizen, auf die kein Verlass ist, ein Arzt, der um seine Familie bangen muss, eine abgetrennte Hand, die als Tauschware dient, und die verschachtelte Architektur des leerstehenden Kliniktraktes sorgen dafür, dass dem Film nicht auf halber Strecke die Puste ausgeht. Dass Zoie Palmers linke Gesichtshälfte dabei von einem netzartigen Blutmuster verziert wird, irritiert auf angenehme Weise und erlaubt Assoziationen zwischen Kriegsbemalung und J. J. Gittes.

Von der beachtlichen Dynamik des Trailers darf man sich allerdings nicht auf eine falsche Fährte lenken lassen, denn das Tempo des Films ist eher zurückhaltend. Viel wird gelauert, gewartet, auf dramaturgische Pausen gesetzt – und das ist auch gut so, denn im Würgegriff des klaustrophobisch anmutendenden Settings bleibt kein Raum für hektische Verfolgungsjagden oder Eile im Allgemeinen. Sparsam ist der Film auch mit Musik und Soundeffekten und verlässt sich ganz auf das beklemmende Minimalecho der leeren Korridore, durch die es die Figuren treibt.

Mit „Cold Blooded“ liefert Lapeyre ein durchaus beachtliches Debüt ab, das aus der Not eine Tugend macht und seine eingeschränkten Mittel nahezu optimal nutzt: Clever konstruiertes Spannungskino mit tarantinoesker Note. Seine Deutschlandpremiere erlebte der Film beim diesjährigen Fantasy Filmfest. [LZ]

OT: Cold Blooded (CA 2012) REGIE: Jason Lapeyre. BUCH: Jason Lapeyre. MUSIK: Todor Kobakov. KAMERA: Alwyn Kumst. DARSTELLER: Zoie Palmer, Ryan Robbins, William MacDonald, Huse Madhavji, Thomas Mitchell, Sergio Di Zio, Samantha Kaine, Imali Perera, Chris Ratz, Naomi Snieckus. LAUFZEIT: 86 Min.

Cold Blooded

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[Abbildungen: OFDb Filmworks / Guildwood Entertainment.]

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Eine Antwort zu “Cold Blooded | Filmkritik”

  1. [...] mit dem Fim „Cold Blooded“ auf dem Fantasy Filmfest vertreten ist. Auf screen/read ist nun eine recht enthusiastische Review zu [...]

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