Coherence | Filmkritik

17. November 2014

Coherence

Dass nichts Gutes zu erwarten ist, wenn Kometen, Planeten oder Restbestände ebensolcher der Erde zu nahe kommen, lehrt jede einzelne Episode von „Metal Hurlant“ mit Nachdruck. Ob Em (Emily Foxler, „Legend of the Seeker“) die französische TV-Anthologie oder die zugrundeliegende Comicreihe wohl kennt? Vermutlich nicht. Stattdessen weiß sie aber um einige reale Fälle von unerklärlichem Kometeneinfluss auf menschliches Verhalten, und die gleichen echten Geistererzählungen am Lagerfeuer. Ein ideales Gesprächsthema beim Dinner mit sieben Freunden in einem überschaubar kleinen Haus in der Vorstadt, denn gerade passiert so ein Komet die Erde, und zwei unmotiviert implodierte Smartphones könnten Anzeichen für den Einfluss des Himmelskörpers sein. Alles Nonsens? Leider nein.

Was da ein bisschen wie Dogma 95 mit einem Schuss FoundFootage aussieht (zum Glück jedoch ohne filminterne Handkamera) und angesichts der ständig überlappenden Dialoge nach Improvisationstheater oder Robert Altman klingt, ist vielleicht eine der cleversten NoBudget-Produktionen seit „Paranormal Activity“. Dass mit James Ward Byrkit dabei kein mittelloser Newcomer verantwortlich zeichnet, sondern ein durchaus etablierter Industrieplayer (schrieb unter anderem die Story für „Rango“ und ist auch sonst ein langjähriger Partner von Gore Verbinski), überrascht am meisten.

Coherence

Irgendwo zwischen Cassavetes und „Twilight Zone“ (erklärtes Vorbild) angesiedelt, jongliert „Coherence“ geschickt mit Kammerspiel- und Mystery-Elementen, ohne dabei den Überblick zu verlieren. Am besten weiß man vorab gar nichts über diesen Film, der sich mit seinen Anleihen bei quantenphysikalischen Spinnereien und einer zunehmend komplexer werdenden Variation des klassischen Spiegelmotivs gut für ein Doppelfeature mit „Interstellar“ eignen würde.

Abgesehen davon könnten die beiden Filme jedoch nicht weiter voneinander entfernt sein. „Coherence“ kommt fast ausschließlich mit einer einzigen Location aus und muss dafür nicht einmal eine Begründung liefern. Byrkit hatte acht befreundete Schauspieler zu einem fünftägigen Dreh in sein Haus eingeladen und ihnen weder ein Skript noch eine weitere Erklärung geliefert. Pro Tag erhielt jeder lediglich eine Handvoll Daten zu seiner Figur, der Rest wurde improvisiert – wenn auch nach einem präzise komponierten Schema.

Das Ergebnis ist verblüffend und nach rund 90 Minuten möchte man am liebsten direkt wieder von vorne beginnen, um zu überprüfen, ob die Spirale des Verwirrspiels, das der Film nach streng logischen Regeln aufbaut, auch wirklich durchgängig schlüssig ausfällt. Viel entscheidender noch als die Stringenz der Erzählung ist allerdings das durchweg glaubwürdige Figurenensemble. Wo sich vergleichbare Produktionen auf der Etablierung klischeebeladenen Kanonenfutters ausruhen (im direkten Vergleich: „Unter Freunden“ von Danielle Harris), setzt „Coherence“ ganz auf die handwerkliche Fähigkeit der Darsteller, ihren Charakteren mit wenigen Pinselstrichen echtes Leben einzuhauchen.

Am Ende liefern Byrkit und sein Ensemble ein Lehrbuchbeispiel für budgetfreies Filmemachen, das ausschließlich von der Kreativkraft aller Beteiligten lebt, unmittelbar überzeugt und lange nachwirkt. Eine echte Ausnahmeerscheinung. [LZ]

[Im Rahmen der Reihe Cinema Obscure ist der Film aktuell in einigen deutschen Kinos zu sehen. Details finden sich hier.]

Coherence

OT: Coherence (USA 2013) REGIE: James Ward Byrkit. BUCH: James Ward Byrkit, Alex Manugian. MUSIK: Kristin Øhrn Dyrud. KAMERA: Nic Sadler. DARSTELLER: Emily Baldoni, Maury Sterling, Nicholas Brendon, Elizabeth Gracen, Alex Manugian, Lauren Maher, Hugo Armstrong, Lorene Scafaria. LAUFZEIT: 89 Min.

Coherence

[Abbildungen: Bildstörung (Stills) | Oscilloscope Pictures (Poster)]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.