Class (Staffel 1) | Das Whoniversum dehnt sich aus

24. Mai 2017

Class (Staffel 1)

[Lesedauer: ca. 1:50 Minuten]

Ein bisschen viel ist das schon für die zurückhaltende April: Ihr heimlicher Schwarm Charlie mag nicht nur Jungs viel lieber, sondern ist überraschenderweise auch noch der Prinz eines ausgelöschten Volkes von einem anderen Planeten und zugleich Befehlshaber der vermeintlichen Lehrerin Miss Quill, die – dank einer Art Nacktmulch in ihrem Kopf – als Kriegsgefangene und Bodyguard unter seinem Kommando steht. Und weil beim Vertreiben außerirdischer Angreifer, die durch einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum aus einem Paralleluniversum in das uns bekannte Diesseits eindringen konnten, einiges schief gelaufen ist, muss April sich ihr Herz fortan mit deren König teilen und schwebt nun beständig in Lebensgefahr. Als ob man als Siebzehnjährige nicht schon genug am Hals hätte!

Weil Steven Moffat („Sherlock“) hinter dieser Serie steht, muss einen nichts wundern, auch wenn das Spin-Off zu „Doctor Who“ ausnahmsweise einmal nicht seiner eigenen hyperaktiven Vorstellungskraft entsprungen ist. Ausgedacht von YA-Autor Patrick Ness („A monster calls“, gerade erst im Kino), markiert „Class“ bereits den vierten Versuch, das langlebigste Fiction-Format der BBC um einen eigenständigen Erzählstrang zu erweitern. Doch wo „Torchwood“ den grundsätzlichen Fehler beging, bewusst ein erwachsenes Publikum anzusprechen und damit die Fans des Doktors befremdete, und „The Sarah Jane Adventures“ eher ein jüngeres Publikum im Blick hatte („K9 and Company“ von 1981 lassen wir einmal außen vor), setzt Ness ganz auf die Kernzielgruppe – nämlich Supernerds jeden Alters.

Class (Staffel 1) | Katherine Kelly

Dass die Helden dabei Teenager sind, die gegen Aliens, Damönen und intergalaktische Verschwörungen kämpfen (ein typischer Anime-Topos), trotzdem aber nicht das Gefühl entsteht, man habe es mit einer Jugendserie zu tun, stellt „Class“ auf eine Ebene mit „Buffy“ oder „Pretty Little Liars“. Und weil zudem nicht klar wird, welches Alter Sternenprinz Charlie tatsächlich hat – der ja nur aus Tarnungsgründen in die Rolle des menschlichen Schülers geschlüpft ist – und die durchaus zwiespältige Miss Quill (Katherine Kelly, „Coronation Street“) eine Menge Raum zur Entfaltung bekommt (sogar eine ganze Folge gehört ausschließlich ihr), wird der Teen-Appeal der Serie auf clevere Weise relativiert.

Die wahnwitzigen Ideen der einzelnen Episoden stammen direkt aus der Twilight Zone: Ein Schulinspektor erweist sich als Roboter, ein Fußballtrainer als bösartiges Monster; Außerirdische nehmen die Gestalt von Verstorbenen an, um an die Lebensenergie der Hinterbliebenen zu gelangen; Seelen, die in einem Schrein aufbewahrt werden, dienen als Massenvernichtungswaffe; harmlose Blüten drohen durch rasend schnelle Vermehrung, die Menschheit untergehen zu lassen; ein interstellarer Gefangener katapultiert ein ganzes Klassenzimmer in ein raum- und zeitloses Nirgendwo. Und das ist nur eine Auswahl!

Class (Staffel 1) | Paul Marc Davis, Peter Capaldi

Neben aller überbordenden Fabulierlust sind es aber vor allem die Hauptcharaktere, die den Geschichten echtes Leben einhauchen. Vielschichtig, liebenswert und allesamt auf ihre Art vom Außenseiter-Gen belastet – da braucht es nicht viel, um jeden einzelnen dem Zuschauer nahe zu bringen, und die sympathischen Darsteller (deutlich älter als ihre Rollen) tragen nach Kräften dazu bei. Dass der Doktor selber in seiner Inkarnation durch Peter Capaldi kurz auftaucht, um die Gruppe quasi zusammenzustellen, ist zwar ein nettes Extra, bremst die Emanzipation von der Originalserie allerdings auch ein Stück weit aus.

Der Ort der Handlung, die Coal Hill Academy (früher Coal Hill School), ist eingefleischten Fans ohnehin bestens bekannt. Zuletzt unterrichtete hier eine gewisse Clara Oswald, deren Namen man bei genauem Hinsehen auch wiederholt zu lesen bekommt (der Doktor entdeckt ihn freilich sofort – und das vermutlich mit einer gewissen Wehmut). Zum Finale der Staffel wird mit einem heftigen Paukenschlag noch einmal der Bogen zum Whoniversum geschlagen, doch der Cliffhanger muss wohl leider unaufgelöst bleiben. Bereits im Februar machten Gerüchte die Runde [1], dass eine Fortführung nicht geplant sei (die Quote!). Bleibt es dabei, kann man das angesichts des tollen Auftakts nur bedauern. [LZ]

OT: Class (UK 2016). REGIE: Edward Bazalgette, Philippa Langdale, Wayne Yip, Julian Holmes. BUCH: Patrick Ness. MUSIK: Blair Mowat. KAMERA: Maja Zamojda. DARSTELLER: Sophie Hopkins, Fady Elsayed, Vivian Oparah, Greg Austin, Katherine Kelly, Jordan Renzo, Paul Marc Davis, Shannon Murray, Natasha Gordon, Peter Capaldi. LAUFZEIT: 360 Min. VÖ: 24.05.2017.

Class (Staffel 1)

[Abbildungen: Polyband]

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