Chillerama | Filmkritik

11. April 2013

Chillerama

Geschmacklos, albern, tromaesk – und das ganz ohne Zutun von Llloyd Kaufman. Nichts desto trotz hat das, was die Viererbande Adam Rifkin, Tim Sullivan, Adam Green und Joe Lynch hier ohne nennenswerte Zurückhaltung abgeliefert hat, eine Menge mit dem sehr eigenwilligen Anarcho-Stil zu tun, für den das langlebigste Independent-Studio der Filmgeschichte berüchtigt ist. Ursprünglich als Hommage an das klassische Horrormagazin „Famous Monsters of Filmland“ konzipiert, vereint „Chillerama“ vier hemmungslose Varianten archetypischer B- und Exploitation-Filme aus dem Fundus längst vergangener Drive-in-Zeiten. Das ist prinzipiell durchaus meta, vor allem aber mega gaga.

Tabubrüche gehören hier zum guten Ton. Von Nekrophilie bis Holocaust ist alles dabei, und manches davon bereits in den ersten Minuten. Wer also nicht frühzeitig aussteigt, darf sich nachher nicht beschweren. Generell teilt sich „Chillerama“ mit „Grindhouse“ die Grundidee eines fiktionalen Double- bzw. Triple-Features. Doch im Gegensatz zum Kassengift des Duos Tarantino/Rodriguez sind die einzelnen Programmbestandteile in eine Rahmenhandlung eingebaut, aus der am Schluss gar eine eigene Episode erwächst. Der Plot bleibt trotzdem eher überschaubar.

Es ist der letzte Abend vor der Schließung seines Drive-in-Kinos, doch bevor die Leinwand unwiderruflich aufgerollt wird, will es der suizidgefährdete Betreiber Cecil B. Kaufman (also DeMille und siehe oben) noch einmal wissen. Vier verloren geglaubte Anti-Meisterwerke des Trash-Kinos sollen den Besuchern in ihren fahrbaren Untersätzen zum letzten Mal eine Überdosis Schlock und Schreck verpassen. Doch während die Vorstellung mit Eventcharakter nach gewohntem Schema abläuft, macht sich unter den Zuschauern langsam aber sicher echtes Grauen breit: Ein Virus verwandelt die Anwesenden in sexbesessene Zombies und sorgt für ein finales Schlachtfest aus Blut und Sperma.

Chillerama

Ausgedacht hat sich Rahmenepisode mit dem wortspielerischen Titel „Zom-B-Movie“ der zuletzt wenig glückliche Joe Lynch („Wrong Turn 2“), und es wäre verlockend, die völlig aus dem Ruder laufende Untoten-Orgie als Reaktion auf die unerfreulichen Entwicklungen um seinen aktuellen Film, die Fantasykomödie „Knights of Badassdom“, zu interpretieren (Lynch wurde die Kontrolle komplett entzogen). Doch die Chronologie der Ereignisse spricht dagegen. Stattdessen hat man es eher mit einer spätpubertären Verklemmtheits-Fantasie zu tun, in der Sex entweder mit comicartiger Gewalt einhergeht oder einfach ausgeblendet wird.

Sex ist auch das Ausgangsproblem von „Wadzilla“, der ersten in die Rahmenhandlung eingebundenen Episode, für die Independent-Veteran Adam Rifkin („The Chase“) gleich Regie und Hauptrolle übernahm (inklusive absurdem Haarteil). Um seine Spermienproduktion anzukurbeln, erklärt sich der leicht zurückgeblieben Miles Munson auf Anraten eines dubiosen Arztes (der unverzichtbare Ray Wise) mit einer unerprobten Behandlungsmethode einverstanden. Zunächst sieht alles gut aus, doch die Nebenwirkungen sind enorm und am Ende wird New York von einem gigantischen Monsterspermium attackiert, dem nur noch das Militär (unter Führung von Eric Roberts) Einhalt gebieten kann.

Rifkins Segment imitiert Stil und Machart einschlägiger Monsterfilme der 50er und lässt dabei zugleich Erinnerungen wach werden an Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten“ (bekanntlich ebenfalls ein Episodenfilm). Seinen Humor verdankt „Wadzilla“ aber vor allem einer ausgedehnten Slapstick-Einlage und profitiert zudem von den trashigen Spezialeffekten der Chiodo Brothers (bei Kennern in erster Linie als Macher des B-Film-Klassikers „Killer Klowns from Outer Space“ bekannt).

Anders die von Tim Sullivan („2001 Maniacs“) konzipierte zweite Episode, in der es durchweg homoerotisch zugeht. Angelegt als Parodie auf Jugenddramen wie „Rebel without a cause“, aber auch „Grease“ oder zahlreiche Elvis-Gurken, erweist sich „I was a Teenage Werebear“ als cleveres Coming-Out-Musical mit einigen überraschend schmissigen Gesangseinlagen. Nicht umsonst spielt Sullivan derzeit mit dem Gedanken, sein Segment zu einer kompletten Bühnenshow auszuweiten. Insgesamt ist „Werebear“ vielleicht die größte Überraschung des gesamten Films und könnte als „Gaysploitation“ durchaus ein neues Subgenre begründen.

Der vielleicht beste Beitrag kommt aber von Adam Green („Hatchet“), und „The Diary of Anne Frankenstein“ ist genau das, was der Titel verspricht: Eine respektloser Nazi-Burleske mit Homunkulus – also in etwa genau der Film, den in Deutschland niemand wagen würde. Rifkin und Sullivan hatten den Titel bereits festgelegt, als Green zum Projekt stieß und nun überlegen musste, was sich damit anfangen ließ. Das Ergebnis ist verblüffend gut gelungenes absurdes Theater.

Chillerama

In einer Dachkammer versteckt sich die jüdische Familie Frank vor dem Zugriff der Nazis. Eine Generation früher noch trug die Sippe den Namen „Frankenstein“, aber weil man mit den schauerlichen Experimenten des Großvaters nicht in Verbindung gebracht werden wollte, entschied man sich für die unverfänglichere Kurzform. Doch Hitler lässt sich nicht täuschen und ist hinter dem geheimen Tagebuch des Vorfahren her – birgt es doch die Anleitung zur Erschaffung eines künstlichen Wesens, mit dem sich der Holocaust bequem vorantreiben lassen würde.

Noch nicht geschmacklos genug? Keine Sorge. Green nutzt jede Gelegenheit für NS-Kalauer, Adolf-Slapstick und unendliche Dummheit auf reichsdeutscher wie jüdischer Seite. Ein alberner Führer, eine nymphomanische Eva Braun (die deutschstämmige Kristina Klebe), Kulissen, die in sich zusammenfallen und eine gänzlich absurde Umdeutung der Geschichte von Anne Frank machen dieses Segment zu echtem Nazisploitation. Am Ende gelingt Hitler die Erschaffung des Monsters Meshugannah („Jason Voorhees“-Darsteller Kane Hodder), doch sein Plan geht erwartungsgemäß nicht wirklich auf.

Green hat seine Episode selbstredend in Schwarzweiß gedreht und mit einem standardisierten Alterungsfilter versehen. Alle Darsteller parlieren in sauber antrainiertem Deutsch, nur Joel David Moore als Hitler muss mit einer chaplinesken Fantasiesprache auskommen. Wie das bei fremdsprachigen Zuschauern wirken muss, lässt sich leider nur vermuten.

„Chillerama“ ist im Ganzen fraglos nur für ein sehr spezielles Publikum wirklich unterhaltsam, aber die unterschiedlichen Ansätze der einzelnen Episoden verteilen das Risiko doch ausreichend genug, um auch unabhängig vom Rest auf sich aufmerksam zu machen. Adam Green und Joe Lynch sind übrigens seit letztem Jahr auch die Titelhelden der originellen Horror-Sitcom „Holliston“ auf dem US-Spartenkanal FearNet. Dass es die Produktion mit jeder Menge bekannter Genre-Stargästen allerdings jemals auch im deutschen TV zu sehen geben wird, kann man getrost bezweifeln. [LZ]

OT: Chillerama (USA 2011) REGIE, BUCH: Joe Lynch, Adam Rifkin, Tim Sullivan, Adam Green. MUSIK: Bear McCreary, Patrick Copeland, Andy Garfield. KAMERA: Will Barratt. DARSTELLER: Adam Rifkin, Ray Wise, Eric Roberts, Sarah Mutch, Ron Jeremy, Sean Paul Lockhart, Anton Troy, Tim Sullivan, Joel David Moore, Kristina Klebe, Kane Hodder, Jim Ward, Melinda Y. Cohen, Richard Riehle, Corey Jones, Kaili Thorne. LAUFZEIT: 115 Min. VÖ: 11.04.2013 auf DVDChillerama und Blu-ray.

Chillerama

[Abbildungen: Sunfilm/Tiberius]

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