CHILLERAMA und die Rückkehr des Omnibusfilms

20. April 2013

Chillerama

Noch vor wenigen Jahren sah es eher nicht so aus, als hätte der Episodenfilm eine ernsthafte Überlebenschance. So richtig hat die zu einem abendfüllenden Programm zusammengestellte Sammlung kürzerer Erzähleinheiten auf der großen Leinwand ohnehin nie funktioniert, und es bedurfte schon einer besonders raffinierten Machart, um wirksam über das Ausbleiben echter Dramaturgie hinwegzutäuschen. Bis heute gehören „Pulp Fiction“ und „Sin City“ zu den wenigen Beispielen für anthologisch angelegte Langfilme, die ernsthaften Erfolg an der Kinokasse mit sich brachten. Sowohl der völlig in Vergessenheit geratene „Four Rooms“ als auch das mit immensem Aufwand vermarktete Fake-Double-Feature „Grindhouse“ derselben Macher scheiterten hingegen kläglich.

Zu konservativ fiel die Struktur aus, als dass der reguläre Zuschauer über die volle Distanz bei der Stange zu halten gewesen wäre – zugleich eines der Hauptprobleme, mit denen der Episoden- oder Omnibusfilm von jeher zu kämpfen hat. Nicht selten hängt dem Format zudem der negative Beigeschmack einer Notlösung an. So steht den einschlägigen Beispielen des sogenannten „Hyperlink Cinema“ (etwa „Nashville“, „Traffic“ oder „Babel“), wo episodisches Erzählen ein notwendiges Strukturelement darstellt, eine Unzahl von beliebigen Sammlungen gegenüber, die als roten Faden maximal eine Art motivisches Grundrauschen zu bieten haben.

Im Wesentlichen ist die Anthologie per se der bemühte Versuch, den Kurzfilm auf die große Leinwand zurückzuholen, und das nicht selten mit prominenter Besetzung vor und hinter der Kamera. So vereinten etwa „New York Stories“ (Scorsese, Allen, Coppola) oder „Boccaccio ‘70“ (De Sica, Fellini, Monicelli, Visconti) einige der wichtigsten Filmemacher ihrer Zeit – und vereinten sie eben doch nicht. Zusammenhanglos und stilistisch disparat reihen sich die einzelnen Episoden aneinander und generieren maximal einen schlecht vernähten Human Centipede. Dafür trägt kaum jemand sein sauer verdientes Geld an die Kinokasse.

The Twilight Zone

Anders im TV. Hier funktionierte die episodische Erzählform zeitweise erstaunlich gut. Shows wie „The Twilight Zone“ (1959 – 1964), „The Outer Limits“ (1963 – 1965), Alfred Hitchcock Presents“ bzw. später „The Alfred Hitchcock Hour“ (zusammen 1955 – 1965) erfreuten sich aufgrund ihrer kinotauglichen Machart, cleveren Plots und fantastischen Stoffe langanhaltender Beliebtheit. Erstmals ergab sich die Gelegenheit, die große Leinwand in konzentrierter Form auf den heimischen Bildschirm zu holen – und das lange vor der Erfindung von VHS und Betamax.

In den 80ern konnte das Format auf der Hochphase des Videothekenbooms ein moderates Revival verbuchen. Eine Neuauflage der „Twilight Zone“ hielt sich von 1985 bis ‘89, die ähnlich gelagerten „Amazing Stories“ aus der Spielberg-Schmiede, sowie „Freddy’s Nightmares“, der TV-Ableger der erfolgreichen „Nightmare on Elm Street“-Reihe, brachten es jeweils immerhin auf zwei Staffeln, und die von Stephen King und George A. Romero initiierte Horroranthologie „Creepshow“ wurde dank VHS zum Kulterfolg mit zwei (qualitativ eher dürftigen) Fortsetzungen.

Dem spezifischen Spartenpublikum, das sein Lieblingsgenre im Jahrzehnt von Schulterpolstern und Fokuhila am liebsten vor dem heimischen Bildschirm konsumierte, kam das episodische Format entgegen – erlaubte es doch nächtelange Filmsessions ohne die Notwendigkeit erhöhter Aufmerksamkeit. Danach war für fast zwei Jahrzehnte allerdings weitestgehend Schluss mit Fastfood-Grusel (wenn auch nicht zuletzt wegen des allgemeinen Abebbens der Horrorwelle über die gesamten 90er hinweg).

Masters of Horror

Inzwischen hat sich die Lage merklich gewandelt. Zwischen 2005 und 2008 rief US-Filmemacher Mick Garris mit „Masters of Horror“ und „Fear itself“ zwei TV-Reihen ins Leben, die das altgediente Format mit Unterstützung von wichtigen Genre-Vertretern wie Clive Barker, John Carpenter, Stuart Gordon, John Landis oder Dario Argento wiederzuerwecken versuchte. Die drastischeren „Masters“ auf dem Bezahlsender Showtime hinterließen dabei deutlich mehr Eindruck als die vergleichsweise harmlose Nachfolgeshow des frei zugänglichen Broadcasters NBC. Doch auch wenn beide Varianten relativ bald wieder von den Bildschirmen verschwanden, hatte Garris auch mithilfe der anschließenden DVD-Verkäufe immerhin bewiesen, dass grundsätzlich ein neuer Markt für das Format existierte.

Als dann Ende 2010 die Produktion einer Horroranthologie mit dem Titel „Paris, I’ll kill you“ angekündigt wurde, ließ das eine Menge von Genrefans aufmerken, denn die Liste der Beteiligten konnte sich sehen lassen: Christopher Smith, Vincenzo Natali, Xavier Gens, Ryuhei Kitamura, Paco Plaza, Julien Maury, Alexandre Bustillo, sowie Altmeister Joe Dante sollten Beiträge leisten. Doch die anfängliche Euphorie schlug bald in Ernüchterung um. Die Finanzierung kam nicht zustande und die Endstation hieß wie so oft „Development Hell“.

Doch die Entwicklung an sich stoppte das Zögern der Investoren nicht. Die Sehgewohnheiten haben sich gewandelt und mit dem Siegeszug von YouTube, Vimeo und anderen Videoportalen hat der Kurzfilm an sich heute längst einen anderen Status. Weniger Zeit im Alltag, geringere Aufmerksamkeitsspannen und mobiler Filmkonsum auf Smartphones und Tablets kommen den zeitlich überschaubareren Formaten entgegen. Im Horrorumfeld funktionieren die „Fast Thrills“ besonders gut und einzelne Filmemacher (allen voran: Drew Daywalt) haben die kurze Erzählform mit maximalem Schockwert längst zu überraschender Perfektion geführt.

The ABCs of Death

Für den Omnibusfilm stellt das – jedenfalls in diesem Genre – eine gute Ausgangslage dar, denn wo die Abfolge mehrerer komprimierter Erzählungen beim Zuschauer früher vor allem unter mangelnden Zusammenhalt gelitten hat, ist sie unter den veränderten Bedingungen gerade von Vorteil. Das zwischen 2011 und 2012 entstandene Episodenprojekt „ABCs of Death“ macht sich diese Ausgangslage konsequent zunutze. Ganze 26 Kurzfilme von ebenso vielen Regisseuren skizzieren zu je einem Buchstaben des Alphabets eine knapp 4-minütige Geschichte, die kaum Raum zum Reflektieren lässt. Im Grunde ein auf die Leinwand projizierter YouTube-Channel.

Das Konzept darf man jedoch getrost als Ausnahmeerscheinung betrachten (mögliche Sequels nach gleichem Schema einmal ausgeschlossen), zumal die radikale Kürze der einzelnen Kapitel die Grundvoraussetzung ist. Merklich klassischer sind die Macher von „Chillerama“ vorgegangen. Drei Episoden mit einer Rahmenhandlung, aus der sich am Ende eine eigene Geschichte entwickelt – das scheint auf den ersten Blick eher konservativ. Doch das Konzept ist wesentlich cleverer und findet einen Weg, die einzelnen Segmente in einen unterhaltsamen Meta-Kontext einzubinden:

Am Abend vor der Schließung seines Drive-in-Theaters will es der Besitzer noch einmal wissen und zeigt seinem Publikum drei Raritäten aus der Mottenkiste des B-Films: eine unterleibslastige US-Variante des japanischen Monsterfilms, ein schwulenfreundliches Werwolf-Musical und echten Nazisploitation-Nonsens. Dass sich währenddessen ein hormongesteuerter Zombie-Virus unter den Besuchern ausbreitet, merken alle Beteiligten allerdings erst, als an Flucht schon nicht mehr zu denken ist.

Im Grunde stellt „Chillerama“ die kleinere, aber besser funktionierende Ausgabe von „Grindhouse“ dar: kompakter, geschmackloser, leichter zu konsumieren. Die einzelnen Segmente stehen disparat nebeneinander und sind doch zugleich schlüssig in die Rahmenhandlung eingebunden. Jede Episode hat ihren eigenen Stil und bleibt unabhängig vom Rest des Films. Das macht sie zwar austauschbar, erlaubt aber zugleich ebenso unbeschwertes wie abwechslungsreiches Zuschauen. Und das inklusive einer fortlaufenden Narration, denn die Zwischensegmente der Rahmenhandlung haben ihre eigenen Handlungsstränge.

Die nächsten Jahre werden zeigen, in welche Richtung sich der Omnibusfilm im Horrorgenre entwickelt, doch die zunehmende Anzahl der mittlerweile aktuell produzierten Beispiele (viele davon im Low-Budget-Umfeld) spricht dafür, dass ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes Bewusstsein für die Marktfähigkeit des Formates zunehmend auf dem Vormarsch ist. Vor allem für junge Filmemacher kann das ein gutes Zeichen sein. [LZ]

Chillerama

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[Abbildungen: Ariescope | screencaptures]

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