Genreware aus Chilewood: The Stranger

16. Mai 2016

The Stranger

Auf dem Schiff kommt er angereist, ganz so wie der bekannteste aller Blutsauger. Doch dieser hier flieht eher vor dem, was er ist, als dass er sein Revier ausdehnen will, und am Ende seiner Suche nach einer verlorenen Geliebten wartet nur ein Grabstein auf ihn. Lebensmüde lässt er sich von einer übermütigen Straßengang abstechen, wird jedoch von einem aufmerksamen Jungen vor dem Verbluten bewahrt. Stehen die beiden möglicherweise in einem besonderen Verhältnis zueinander? Auf dem Weg zur Antwort bekämpfen sich Söhne, die keine Mütter, und Väter, die keine Frauen mehr haben, Gesichter verbrennen im Sonnenlicht (oder per Brandstiftung) und Blut fließt naturgemäß sowieso. Wer am Schluss die Andeutung eines Sequels vermutet, liegt goldrichtig.

Hinter dem ganz schön einfallslosen Titel „The Stranger“ verbirgt sich eine vergleichsweise originelle Vampirgeschichte, die mehr sein will als sie ist, ernüchternd humorlos daherkommt, einige Abstecher ins Land der Logiklöcher macht und trotz allem durchaus ihren Reiz hat. Klingt holprig und ist es auch. Vor der Kamera fast ausschließlich chilenische Darsteller, die (praktisch akzentfrei) als Amerikaner durchgehen. Was da an Edgar Wallace und den frühen Italowestern erinnert, ist in erster Linie ein gut funktionierendes Businessmodell und weiteres Beispiel für die anhaltende Produktivität von Eli Roths Südamerika-Connection, die unter der Marke „Chilewood“ firmiert.

Nun darf man sich darunter – auch wenn der Name es nahelegt – weder eine nationale Filmindustrie noch eine Ansammlung von Studios vorstellen, die das chilenische Kino auf Fordermann bringen würden. Vorerst sind die Verhältnisse noch bescheidener. Denn Chilewood, das ist im Kern der ehemalige Kolumnist Nicolás López, verantwortlicher Kopf hinter mittlerweile neun Langfilmen, darunter dem größten Kassenerfolg und dem größten Flop seines Heimatlandes. Das muss man mit knapp 32 erstmal hinbekommen.

Wie so oft war es Quentin Tarantino, der mit einem überschwenglichen Lob dafür sorgte, dass sich 2004 so mancher Blick auf das bis dato völlig unbekannte Talent richtete, dessen Debüt „Promedio Rojo“ auch außerhalb Chiles Beachtung fand und immerhin Elizabeth Avellan („Sin City“, „Machete“) als Co-Produzentin für sein nächstes Projekt, die Superhelden-Komödie „Santos“, anlockte. Irgendwann um 2012 klopfte dann Eli Roth an López’ Tür und schrieb mit ihm den unsäglich dummen Katastrophenfilm „Aftershock“ – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Nur zwei Jahre später stemmten die beiden mit „The Green Inferno“ Roths Comeback als Regisseur.

The Stranger

Zu diesem Zeitpunkt war der Amerikaner bereits tief in Chilewood verwurzelt und brachte wenig später mit Cassian Elwes den angesagtesten aller Indie-Produzenten mit ins Boot. „The Stranger“ sollte das erste gemeinsame Projekt des Trios werden, kurz darauf folgte „Knock Knock“ erneut mit Roth auf dem Regiestuhl und Keanu Reeves in der Hauptrolle (in beiden Fällen ebenfalls als Produzentin an Bord: Schauspielerin Colleen Camp). Ohne Elwes (dafür aber erneut mit Camp) geht es dieses Jahr direkt weiter: „Lake Mead“ befindet sich aktuell in der Post-Produktion. Drehbuch u.a.: Roth und López.

Seelenverwandtschaft ist allerdings eher nur ein beigeordneter Grund für die anhaltende Zusammenarbeit. Chilewood kann vor allem mit sehr entgegenkommenden Rahmenbedingungen punkten, die jemanden wie Roth aus Hollywood weglocken, wo er kürzlich erst aus einem Großprojekt ausgestiegen ist (dem Monsterfilm „Meg“ für Warner). Chile bedeutet Freiheit für unabhängiges Genre-Filmemachen mit überschaubaren Budgets, denn es gibt praktisch keine Unions – ein Segen für jeden, der sich bei seiner kreativen Arbeit nicht von bürokratischen Stolpersteinen ausbremsen lassen will. Wer die Credits der Roth/López-Kollaborationen überfliegt, entdeckt sofort die positiven Nebenwirkungen: beständiges Personal mit wechselnden Aufgaben – sonst ein Merkmal für NoBudget-Produktionen mit pre-Union-Crew. Praktisch immer prominent vor der Kamera mit dabei sind die Schauspieler Ariel Levy (gibt demnächst sein Chilewood-Regiedebüt) und Lorenza Izzo (inzwischen Roths Ehefrau).

Um den einzelnen Mitstreitern Sicherheit zu gewährleisten, bietet López seinen Leuten einen Einjahresvertrag. Das sorgt für hohe Zufrieden- und Gelassenheit. Finanziert werden neue Filme einfach aus dem Ertrag des Vorgängers und möglichst weltweiten Pre-Sales. Bleibt man im Genre-Umfeld, ist das eine relativ sichere Bank. „The Stranger“ erhielt gar einen ansehnlichen Zuschuss von der chilenischen Regierung, was man getrost als Anerkennung des Geschäftsmodells werten kann.

Für Guillermo Amoedo ist die moderne Vampirgeschichte zwar erst der zweite Spielfilm als Regisseur, in Chilewood ist er jedoch schon seit langem unverzichtbar. López’ 2010er Kassenerfolg „Que pena tu vida“ etwa stammt aus seiner Feder und auch für „Aftershock“, „The Green Inferno“ und „Knock Knock“ arbeitete er am jeweiligen Drehbuch mit. „The Stranger“ beruht auf einem Kurzfilm (vielleicht auch einer Art Proof-of-Concept), der fast vollständig in die fertige Version eingeflossen ist. Auf der jetzt in Deutschland veröffentlichten DVD und Blu-ray kann man ihn begutachten und möglicherweise vielversprechender finden als die Langfassung. [LZ]

OT: The Stranger (CL 2014). REGIE: Guillermo Amoedo. BUCH: Guillermo Amoedo. MUSIK: Manuel Riveiro. KAMERA: Chechu Graf. DARSTELLER: Cristobal Tapia Montt, Nicolás Durán, Luis Gnecco, Ariel Levy, Alessandra Guerzoni, Lorenza Izzo, Aaron Burns, Eric Kleinsteuber. LAUFZEIT: 89 Min (DVD), 92 Min (Blu-ray). VÖ: 04.05.2016.

The Stranger

[Abbildungen: Tiberiusfilm]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.