CHICO & RITA | Filmkritik

31. August 2012

Chico und Rita

Als er schließlich nach Havanna zurückkehrt, bleibt für Chico nicht viel übrig. Das Batista-Regime hat zwangsweise abgedankt, und die neue kubanische Führung verbietet ihm, weiterhin die Musik zu spielen, die ihm alles bedeutet. Denn ganz ungeachtet der Tatsache, dass es ausgerechnet Kubaner wie Chano Pozo waren, deren Rhythmen den amerikanischen Klassenfeind nur wenige Jahre zuvor stark beeinflusst hatten, gilt Jazz jetzt als kapitalistisches Unding. Doch für Chico, den leidenschaftlichen Jazzpianisten, ist das eigentlich nur noch der ausschlaggebende Anlass, alles aufzugeben und sich sein Leben fortan als Schuhputzer zu verdingen. Seine große Liebe hat er unter unglücklichen Umständen in den USA zurücklassen müssen – was bleibt da also noch? Warten wir ab.

Doch die Geschichte beginnt eigentlich 1948, etwa ein Jahrzehnt früher. Da ist Chico noch jung und voller Pläne. Hals über Kopf verliebt er sich in die ebenso schöne wie resolute Barsängerin Rita, verführt sie und komponiert ihr nach der ersten gemeinsamen Liebesnacht ein Lied auf den makellosen Leib. Doch Chico wäre kein Latino, wie er im Buche steht, hätte er nicht bereits eine compañera, deren Eifersucht heißer brennt als die Sonne über Kuba. Wie es sich also für ein glühendes südländisches Drama gehört, werden die Frischverliebten umgehend in flagranti erwischt, und die aufkeimende Affäre ist erst einmal dahin.

So geht es eine Weile hin und her in diesem eigenwillig nostalgischen Melodram von Fernando Trueba („Belle Epoque“) um kubanischen Jazz, den Lockruf Amerikas in den goldenen 50ern und eine Liebe, die alle Widrigkeiten (vielleicht) überwindet. Doch das Ungewöhnliche an diesem Film ist weniger seine bewusst einfach gestrickte Geschichte, als vielmehr sein unwiderstehlicher visueller und musikalischer Stil. „Chico & Rita“ gehört zu jener Gattung von Animationsfilmen für ein erwachsenes Publikum, die ihre Wurzeln in der Graphic Novel haben und allem allzu akkuraten Realismus bewusst abschwören. Bekannteste Beispiele der letzten Jahre: „Waltz with Bashir“ und „Persepolis“.

Chico und Rita

Chico und Rita

Weniger politisch und ambitioniert, aber dafür unbekümmerter und stellenweise gar federleicht, lässt sich der Film von der Musik tragen und bietet ihr breiten Raum. Für Trueba ist die Liebe zum Latin Jazz offenbar grenzenlos. Im Jahr 2000 war er dreizehn Vertretern der Szene ins Studio gefolgt und hatte ihnen eine von faszinierender Farbdramaturgie bestimmte Dokumentation gewidmet („Calle 54“). Damals bereits dabei: der kubanische Pianist und Komponist Bebo Valdés, mit dem er in den Folgezeit mehrere Alben produzierte und der in seinem Konzertfilm „Blanco y Negro“ 2003 für einen denkwürdigen Auftritt erneut vor die Kamera trat. Die Lebensgeschichte des von Trueba wiederentdeckten Musikers lieferte jetzt in vielerlei Hinsicht auch die Vorlage für „Chico & Rita“.

Eine Menge historische Figuren gibt es über den Film verteilt zu entdecken (Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Nat King Cole), und in einer nahezu psychedelisch anmutenden Traumsequenz wird Rita gar von Hollywoodgrößen ihrer Zeit in Versuchung gebracht. Die weichen Linien von Javier Mariscal und die sanfte Animationstechnik von Tono Errando laden zum Schwelgen ein und kommen ebenso sinnlich wie unschuldig daher. Dass nur die Allerwenigsten diesen mehrfach preisgekrönten Film tatsächlich auch auf der Leinwand zu sehen (und hören) bekommen werden, lässt sich kaum ausgiebig genug bedauern. [LZ]

OT: Chico & Rita (ES/UK 2010). REGIE: Fernando Trueba, Javier Mariscal, Tono Errando. BUCH: Fernando Trueba, Ignacio Martínez de Pisón. MUSIK: Bebo Valdés. DARSTELLER (Sprecher): Eman Xor Oña, Limara Meneses, Mario Guerra, Jon Adams, Renny Arozarena, Ken Forman, Claudia Valdés. LAUFZEIT: 93 Minuten.

Chico und Rita

Chico und Rita | Poster

[Abbildungen: Kool Filmdistribution]

follow @screenread on twitter


Hinterlasse eine Antwort