Kontroverse um Chernobyl Diaries: Oren Peli wehrt sich gegen Vorwürfe von Hilfsorganisation | Ein Kommentar

16. Juni 2012

Chernobyl Diaries

Bereits im Mai hatte ein Sprecher der US-Hilfsorganisation „Friends of Chernobyl Centers“ (FOCCUS) scharfe Kritik am Konzept von Oren Pelis aktuellem Schocker geübt. Eine Tragödie wie der Reaktorunfall von Tschernobyl, dessen Folgen bis heute das Leben der Menschen vor Ort beeinflusse, eigne sich – so der Vorwurf – kaum zur Ausschlachtung in einem Horrorfilm. Peli, der bei „Chernobyl Diaries“ als Autor und Produzent fungiert, hat zwar umgehend reagiert und den Betreffenden seinerseits vorgeworfen, einen Film zu verurteilen, ohne ihn gesehen zu haben, doch das entscheidende Argument ist damit keineswegs vom Tisch.

Dass die Empfindlichkeiten bei einer Organisation, die sich der Unterstützung von Betroffenen in der immer noch kontaminierten Region widmet, besonders hoch sind, muss niemanden wundern. An der durchaus berechtigten Kritik ändert das jedoch nichts, auch wenn der Tonfall erwartungsgemäß arg pathetisch ausfällt:

„Es ist schrecklich, dass ein so tragisches Ereignis wie Tschernobyl in einem Horrorfilm aus Hollywood sensationslüstern instrumentalisiert wird. Tausende Menschen haben ihr Leben verloren und über 400.000 mussten ihr Zuhause verlassen. Heute leben immer noch 5 Millionen Menschen auf kontaminiertem Boden. Der Horror besteht nicht aus herumlaufenden Mutanten, der wahre Horror sind die Auswirkungen, die Tschernobyl weiterhin auf das Leben von Millionen hat, die körperlich, emotional und wirtschaftlich zugrundegerichtet wurden. Die Menschen kämpfen 26 Jahre später immer noch täglich mit den Folgen.“

Peli hätte gut daran getan, hier weniger die beleidigte Leberwurst zu spielen, als vielmehr überlegt und detailliert auf den zentralen Vorwurf einzugehen. Gegenüber TMZ gibt er stattdessen zu Protokoll: „Was die Behauptung angeht, unser Film schlage Kapital aus irgendjemandem – da könnten wir nicht energischer widersprechen. Allem voran aber kommen die Vorwürfe und Anschuldigungen von einer Gruppe, die den Film nicht gesehen hat, während wir Lob von denen erhalten, die ihn tatsächlich auch kennen.“

Mit letzteren ist die Vereinigung „Chabad’s Children of Chernobyl“ gemeint, die es sich, neben medizinischer Versorgung vor Ort, zur Aufgabe gemacht hat, Kinder aus der verseuchten Region zu evakuieren und ihnen ein neues Zuhause in Israel zu bieten. Davon kann man halten, was man will, doch wenn es auf der Startseite der Homepage aktuell ein Video mit Steven Spielberg zu sehen gibt, spricht das selbstverständlich Bände. Bei CCOC ist man Peli gegenüber also eher wohlgesinnt, und so habe er einen Brief erhalten, in dem man ihm seine „Bewunderung“ ausdrücke und vor seiner Leistung „den Hut ziehe“.

Was genau die Verfasser an Pelis Film so bewundernswert fanden, muss man sich allerdings schon selber zusammenreimen, denn hierzu gibt es seitens des Filmemachers keine weitere Auskunft. Jedenfalls ist er der Überzeugung, dass „Chernobyl Diaries“ einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen darstellt: „Der Film mag, auch wenn er bloße Fiktion ist, eine Tragödie in Erinnerung rufen, die viel zu viele längst vergessen haben.“ Dazu kann man nur sagen: Ganz sicher nicht.

Zudem seien die Monster des Films keineswegs mutierte Opfer von Tschernobyl, sondern – ja was eigentlich? Die Antwort darauf mag in Pelis Kopf existieren, in seinen Sequel-Plänen oder auch einfach nur auf dem Konzeptpapier seines PR-Beraters. Der Film selber deckt diese Aussage jedenfalls nicht, sondern legt eher das Gegenteil nah. Auch erzählt Peli im offiziellen Presskit ganz unverhohlen von einer der wesentlichen Ideen, die seine Geschichte beeinflusst hätten: „Durch meine Recherchen erfuhr ich von Gerüchten, dass ein paar Leute sich geweigert hätten, die Stadt zu verlassen – sie blieben trotz des Risikos, durch die hohe Radioaktivität verstrahlt zu werden. Dieser Aspekt [...] führte mich zu der Frage, was während einer ‚Extremtour’ in Pripyat passieren könnte.“ Deutlicher geht es kaum.

Man kann vermuten, dass die Frage nach dem respektvollen Umgang mit der Historie den Machern bis zum Zeitpunkt des öffentlichen Vorwurfs überhaupt nie in den Sinn gekommen ist. Peli, so berichtet er, habe per Zufall im Internet einen Pripyat-Fotoblog gefunden und dabei zum ersten Mal von der Stadt und ihrer Evakuierung erfahren. „Ich fand die Fotos unheimlich, wunderschön und packend, aber auch ein wenig traurig. Vor allem eignete sich das Ambiente als perfekter Schauplatz für einen sehr gruseligen Film.“

Was gibt es da noch zu diskutieren? Pelis Film ist Exploitation in Reinform und nutzt Pripyat als atmosphärische Spielfläche für einen leidlich spannenden Abzählreim. Dagegen muss per se auch nichts einzuwenden sein. Es ist dem Horrorgenre eigen, in spezieller Weise auf Ereignisse und Verhältnisse realen Schreckens zu reagieren. Das kann in den meisten Fällen eine gute Sache sein und durchaus kathartisch wirken. Wie viel Respekt dabei allerdings möglichen Opfern entgegengebracht wird, ist eine ganz andere Frage.

P.S.: Dass sich manche Genre-Kritiker eher wenig um eine derartige Problematik scheren, belegt exemplarisch der Kollege Scott Weinberg in seinem Review für FearNet: „Whether or not this is a tacky location for a stalk ‘n’ stab horror flick is a question for people more socially-concerned than myself; I just want to know if we have a good horror flick here.” Dem ist außer Kopfschütteln nichts hinzuzufügen. [LZ]

[Unsere Filmkritik zu „Chernobyl Diaries“ findet sich hier. Die zitierte Kritik von Scott Weinberg ist seit dem Verkauf von FearNet mittlerweile nicht mehr online.]

Chernobyl Diaries

Chernobyl Diaries

[Abbildung: Warner Bros. Pictures]

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