Chernobyl Diaries | Filmkritik

16. Juni 2012

Chernobyl Diaries

Die Dummen sterben nicht aus. Wieder einmal zieht es amerikanische Touristen auf einem Europa-Trip über die deutsche Grenze hinweg gen Osten. Dass das nicht gut gehen kann, hätten sie eigentlich wissen müssen, doch offenbar sind ihnen Eli Roth und seine Epigonen nie über den Weg gelaufen. Also bleibt selbst der Widerstand des einzigen Skeptikers in der Vierergruppe eher halbgar, als ein Ausflug in Sachen Extremtourismus zur Diskussion steht. Uri, ein bullig gebauter Ex-Militär, verspricht die ultimative Fotosafari, und da wollen die Twens aus Übersee ungern Nein sagen. Zwei Backpackers stoßen noch hinzu, und schon geht es in einem russischen Armee-Van in Richtung Pripyat, jener Geisterstadt, die 1986 beim Reaktorunfall von Tschernobyl vollständig evakuiert und seitdem nicht mehr neu besiedelt wurde. Einem unerwarteten Zutrittsverbot zum Trotz erreicht der Trupp sein Ziel und bereut schon bald, nicht doch direkt zum Sightseeing nach Moskau gefahren zu sein.

Das klingt arg formelhaft und ist es im Grunde auch. Die Umsetzung hat eine ganze Zeit lang jedoch einiges für sich, und möglicherweise hätte „Chernobyl Diaries“ vielleicht sogar das Zeug zur echten Ausnahmeerscheinung gehabt – wenn den Machern nicht auf halber Strecke die Ideen ausgegangen wären und sich der unbedingte Wille zum Franchise am Ende hätte zügeln lassen. Stattdessen etabliert der Film rückblickend nicht mehr als ein interessantes Sujet, das sich im Erfolgsfall ohne großen Aufwand beliebig oft variieren und erweitern lässt. Fortsetzung folgt? Garantiert.

Chernobyl Diaries

Wundern muss das niemanden, denn die treibende Kraft hinter dieser vergleichsweise kostengünstig produzierten Horrorfabel heißt Oren Peli, dessen No-Budget-Sensationserfolg „Paranormal Activity“ bislang zwei Sequels und ein offizielles Spin-Off nach sich gezogen hat – von unzähligen Nachahmern ganz abgesehen. Der Film des gebürtigen Israeli hatte quasi per Zufall alles richtig gemacht und konnte mit minimalen Mitteln einen maximalen Effekt erzielen (auch wenn der größte Schockmoment dann doch einer nachträglichen Idee von Steven Spielberg geschuldet war). „Chernobyl Diaries“ setzt auf ein ähnliches Grundprinzip: geringe Produktionskosten, unbekannte, aber sympathische Darsteller und einige wenige, aber wohldosierte Schockeffekte zum richtigen Zeitpunkt.

Einzig auf die Handkamera ist hier (mit Ausnahme einer dramaturgisch clever eingefügten Sequenz) verzichtet worden. Das ändert allerdings nichts daran, dass auch dieser Film sich auf seltsame Weise wie Found Footage anfühlt. Das hat vor allem mit der Erzählweise zu tun und den Ingredienzien, die der Mehrzahl aller Beispiele dieses Subgenres eigen sind. Da gibt es die nichtsahnenden Protagonisten, die sich plötzlich einer übernatürlichen Bedrohung gegenübersehen, die zunehmende Klaustrophobie des Settings, der stark eingeschränkte Blick, die Notwendigkeit, gegen Ende kaum mehr anderes tun zu können als wegzulaufen oder sich hinter der nächstbesten Tür zu verbarrikadieren, und nicht zuletzt die immer omnipräsenter werdende Dunkelheit, die hilflos macht und nichts Gutes birgt.

Gerade der letzte Faktor wird hier zum echten Problem, wenn die Figuren mehr oder weniger den gesamten dritten Akt über durch völlige Dunkelheit irren und lediglich mit einer Taschenlampe für bescheidene Ausleuchtung sorgen. Interessanterweise offenbart sich hier eine der zentralen Errungenschaften der Handkameratechnik. Vorzeigebeispiele wie „REC“ oder zuletzt „Atrocious“ nutzen den Panikeffekt fehlendenden Lichtes ausgiebig, können aber zugleich mit der Nachtsichtfunktion der Aufnahmegeräte arbeiten und lassen den Zuschauer so nicht im Dunkeln sitzen. Es ist nicht auszuschließen, dass Peli und seine Co-Autoren das Drehbuch tatsächlich zunächst für einen Found-Footage-Ansatz entwickelt hatten. Anders lässt sich die ausgiebige Verwendung des nächtlichen Settings kaum erklären.

Chernobyl Diaries

Chernobyl Diaries

Das ist alles umso ärgerlicher, da der Film über die erste Stunde hinweg gut funktioniert. Das meiste ist zwar (für Kenner des Genres ohnehin) vorhersehbar, doch die Spannung baut sich behutsam auf, setzt immer wieder kleine bedrohliche Zeichen, die später erneut aufgegriffen werden, und entlädt sich in sorgsam verteilten Schreckmomenten. Der größte Bonus ist allerdings die Geisterstadt selber mit ihren leeren Wohnanlagen, wild bewachsenen Straßen und einem verlassenen Riesenrad (das sich bemerkenswerterweise als zentrales Motiv bereits 2007 in „Deadwood Park“ von Underground-Regisseur Eric Stanze finden lässt). Dass ausgerechnet dieses atmosphärisch dichte Setting nachher im Dunkeln verschwindet, ist sicher kein Gewinn für den Film.

Was die Figuren angeht, so sind sie im engen Rahmen der Geschichte mit einigen wenigen Strichen zumindest so gut gezeichnet, dass man sie ernst nehmen und sich später um sie sorgen kann. Eine Menge hätte sich mit diesen Charakteren anfangen lassen, doch dann beginnen sie zunehmend, auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit falsche, dumme und unrealistische Entscheidungen zu treffen. Dass der Film sie allerdings gegen Ende auf ärgerliche und formelhafte Weise zu bloßem Kanonenfutter degradiert, haben sie trotz allem nicht verdient.

Am Schluss werden noch schnell so viele offene Fragen aufgeworfen und Versprechungen gemacht, dass alles bis dato Gezeigte plötzlich nur noch wie eine Art Prolog zu einem geplanten Sequelkonzept erscheint. Die im Titel versprochenen Tagebücher spielen übrigens keinerlei Rolle, klingen aber immerhin ganz gut. [LZ]

[Unser Kommentar zur Kontroverse um den Film findet sich hier]

OT: Chernobyl Diaries (USA 2012). REGIE: Bradley Parker. BUCH: Oren Peli, Carey Van Dyke, Shane Van Dyke. KAMERA: Morton Soborg. MUSIK: Diego Stocco. DARSTELLER: Jonathan Sadowski, Jesse McCartney, Ingrid Bolsø Berdal, Dimitri Diatchenko, Olivia Dudley, Nathan Phillips, Devin Kelley. LAUFZEIT: 86 Minuten. Seit dem 26. Oktober 2012 auf DVD und Blu-ray.

Chernobyl Diaries

[Abbildungen © 2012 Oxford Tours, LLC | Courtesy of Warner Bros. Pictures]

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