CAPTAIN PHILLIPS | Filmkritik

15. November 2013

Captain Phillips

Man kann über die Rolle der realen Figur hinter dem titelgebenden Kapitän des 2009 von Piraten gekaperten US-Frachtschiffs durchaus kontrovers diskutieren. Nachweislich hatte er die empfohlene Distanz von 600 Meilen zur somalischen Küste nicht eingehalten und damit die Crew – so jedenfalls der Vorwurf im Rahmen eines angestrebten Gerichtsprozesses – wissentlich in Gefahr gebracht. Wie ernst man solche Vorwürfe nehmen kann in einem Land, wo jede Klage immer gleich auch mit astronomischen Schadensersatzforderungen verbunden ist, sei einmal dahingestellt. Im Film jedenfalls ist von derartiger Fragwürdigkeit nichts zu spüren. „Captain Phillips“ funktioniert auf allen Ebenen als moderne amerikanische Heldengeschichte. Und die hat es in sich.

Von Schwarzweiß-Malerei kann dabei allerdings nicht die Rede sein und es ist ein Anliegen des Films, dass der Gedanke daran auch gar nicht erst aufkommt. Denn während Phillips und seine Frau (kaum sichtbar, aber in den End Credits an zweiter Stelle: Catherine Keener) gleich zu Beginn sorgenvoll über die bestmöglichen Berufschancen ihrer Kinder diskutieren, werden die somalischen Piraten (in ärmlichen Verhältnissen lebend und zum Teil noch keine 20 Jahre alt) unter Gewaltandrohung auf ihren nächsten Einsatz eingeschworen. Prägnanter lässt sich Globalisierung in einer kurzen Parallelmontage kaum auf den Punkt bringen.

Viel mehr braucht es deshalb auch danach nicht, um die Fronten zu klären, die keine sind. Später im Film wird Phillips dem jungen Piratenführer Muse mit westlicher Naivität ins Gewissen reden und ihm zu bedenken geben wollen, dass es doch noch einen anderen Weg geben müsse, als Schiffe zu kapern und Menschen zu entführen. „Vielleicht in Amerika“, wird der etwa 17-Jährige ihm illusionslos antworten. „Vielleicht in Amerika.“

Captain Phillips

Nun mag Muse kein herkömmlicher Antagonist sein, doch am fiebrigen Spannungslevel, der nach etwa einer Viertelstunde anzieht und von dort an nicht mehr nachlässt, ändert das genauso wenig wie die Tatsache, dass man als Zuschauer möglicherweise bereits um den Ausgang der realen Ereignisse weiß. „Bourne“-Regisseur Paul Greengrass, der frühere Dokumentarfilmer („World in Action“), bleibt gewöhnlich so nah an seinen Figuren dran, wie es gerade noch zu ertragen ist, und „Captain Phillips“ bildet da keine Ausnahme. Dass er sich dabei auf seinen Hauptdarsteller Tom Hanks nicht nur verlassen kann, sondern von diesem zugleich auch noch die bislang vielleicht intensivste Leistung seiner Karriere geschenkt bekommt, tut sein Übriges.

Der Film geht rasch in medias res. Mit einer Nussschale von einem Boot entern die Piraten die Maersk Alabama und es gibt nichts, was sich dagegen unternehmen ließe. Beim ersten Mal gelingt es dem Kapitän, sie auszutricksen, doch der Druck, der auf den jungen Männern lastet, ist zu groß, um einfach aufzugeben. Wenn das schwerfällige Frachtschiff dem kleinen Motorboot einfach nicht entkommen kann, weil die Maschinen nicht mehr hergeben, sind die Beteiligten an Bord mindestens so hilflos wie der Zuschauer. Ein bisschen gleicht die Situation einem archetypischen Alptraumszenario, in dem sich der Träumende trotz größter Anstrengung keinen Millimeter von der Stelle bewegen kann, und der Film setzt alles daran, dieses Grundgefühl völligen Ausgeliefertseins über die gesamte Distanz aufrecht zu erhalten.

Captain Phillips

Eine Weile folgt das Drehbuch der Dramaturgie klassischer „Home Invasion“-Filme, wandelt sich dann aber zu einer explosiven Melange aus Entführungs- und Chase-Thriller mit merklichem Klaustrophobiefaktor. In einem Akt aus Entschlossenheit und Leichtsinn (oder Dummheit) landet der bis dato klug handelnde Kapitän gemeinsam mit den Piraten im Rettungsboot seines Schiffs und wird unerwartet zur potentiellen Tauschware. „Mach dir keine Sorgen, Ire“, beruhigt ihn der deutlich überforderte Muse immer wieder, „alles wird gut.“ Doch die Konstellation spricht eine andere Sprache.

Was folgt, ist eine David/Goliath-Variante, bei der es zwar nur eine Frage der Zeit ist, bis der kleinere Gegner unterliegt, doch welchen Aufwand der größere dafür betreiben muss, grenzt an absurdes Theater. Ein Zerstörer der Navy, eine Halyburton-Frigatte, ein Team von SEAL-Scharfschützen auf der einen Seite und lächerliche vier somalische Piraten ohne jegliche Erfahrung auf der anderen sprechen für die Ohnmacht einer bis an die Zähne bewaffneten Nation, die nur unter größter Anstrengung in der Lage ist, den Stachel im eigenen Fleisch in den Griff zu bekommen (wenn überhaupt).

Als der Kapitän das Auftauchen der SEALs realisiert, bricht er in Panik aus, denn eines weiß er mit Sicherheit: Dass die Piraten die somalische Küste erreichen, wird das System niemals zulassen – notfalls auch auf Kosten des einen Amerikaners an Bord. Politisch betrachtet, steckt dahinter eine echte Bankrotterklärung, auch wenn die Army auf den ersten Blick gut wegzukommen scheint. Dass der Film diese Balance nie aus den Augen verliert, ist neben aller emotionalen Zuspitzung durchaus bemerkenswert. [LZ]

OT: Captain Phillips (USA 2013) REGIE: Paul Greengrass. BUCH: Billy Ray. MUSIK: Henry Jackman. KAMERA: Barry Ackroyd. DARSTELLER: Tom Hanks, Barkhad Abdi, Faysal Ahmed, Mahat M. Ali, Michael Chernus, David Warshofsky, Corey Johnson, Chris Mulkey, Catherine Keener. LAUFZEIT: 134 Min.

Captain Phillips

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[Abbildungen © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH]

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