Captain Future | Sternen-Nostalgie aus dem Schneideraum

07. Januar 2017

Captain Future

Für die Generation 40+ eine echte Kindheitserinnerung: Im September 1980 begann das ZDF mit der Ausstrahlung eines japanischen Animes, der perfekt auf die Generation „Star Wars“ zugeschnitten schien. Faktisch existierte „Captain Future“ zwar schon lange vor dem Lucas-Universum, doch als man sich 1978 bei Toei Animation (damals noch Toei Doga) der amerikanischen Scifi-Romane aus der Hochphase des Zweiten Weltkriegs annahm, hätte die Zeit kaum reifer sein können. Die heranwachsende Nerdwelt lechzte nach interplanetaren Abenteuern. Das hatte man auch auf dem Mainzer Lerchenberg erkannt.

Die Originalfassungen waren den Sittenwächtern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks dann aber doch zu risky, also landete die Serie erstmal im Schneideraum. Es wurde beachtlich eingegriffen: Die ursprünglich 52 halbstündigen Episoden plus einem Special waren am Ende auf 40 mit je 25 Minuten Spielzeit zusammengestutzt worden. Den Vorspann mit „2001“-Anmutung hatte man ebenfalls angepasst (und bewiesen, dass damals ohne Synchronkönig Gert Günther Hoffmann wirklich gar nichts ging), die Chronologie der einzelnen Folgen variiert und obendrauf auch noch die komplette Musik ausgetauscht. Das Ergebnis: Ein völlig eigenständiges Produkt – wie einige Jahre zuvor dank der Dialogbücher von Rainer Brandt die hiesige Fassung der britischen Krimiserie „The Persuaders“ [dt. „Die Zwei“]. Oder die gesamte Bud-Spencer-Fraktion. Nur eben ohne die ganzen Albernheiten.

Wer jetzt bei der kürzlich erschienen „Komplettbox“ auf DVD (leicht grünstichig) oder Blu-ray zugreift, bekommt genau diese Fassung und kann ausgiebig in Nostalgie schwelgen. Ein bisschen Etikettenschwindel ist das allerdings schon, denn „komplett“ fällt eher relativ aus. Die deutsche Variante inklusive der gesamten, neu untertitelten japanischen Originalserie gibt es ausschließlich als rund 200 Euro teure „Collector’s Edition“. Aber wir sprachen ja bereits von der Hauptzielgruppe und die ist kaufkräftig genug – so jedenfalls mag man im Hause Universum gedacht haben.

Captain Future

In den Köpfen der Kinder von damals hat die deutsche Version natürlich ein Eigenleben entwickelt. Das ist nicht zuletzt dem schmissigen Disco-Soundtrack von Christian Bruhn zu verdanken, der für europäische Ohren damals deutlich leichter konsumierbar war als der J-Pop des Originals. Überhaupt, wer jetzt einen Blick auf die japanische Serie wirft (und dabei alle neu entdeckten Handlungslücken geschlossen findet), kann durchaus mit Befremden reagieren, denn „Captain Future“ war kaum für dasselbe Publikum angedacht, das man beim ZDF im Kopf hatte. Figuren, die einfach erschossen werden? Kein Problem.

Aus heutiger Sicht kaum denkbar. Dabei ist die Serie um den titelgebenden Sternenreisenden mit der späteren Synchronstimme von Bobby Ewing (Hans-Jürgen Dittberner) und seine Crew (darunter ein Android, gesprochen von Wolfgang Völz, ein Roboter und ein fliegendes Superhirn) erstaunlich gut gealtert – und das gerade auch in der deutschen Fassung. Die Geschichten sind durchaus modern, die Charaktere jenseits der Protagonisten gerne auch einmal schillernd und eine um naturwissenschaftliche Glaubwürdigkeit bemühte Logik erfüllt zeitweise gar den öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag (da muss manchmal allerdings der Off-Erzähler einschreiten). Kein Wunder also, dass Christian Alvart („Pandorum“) gerne eine 3D-Realverfilmung auf die Leinwand bringen würde und sich dazu kürzlich die Rechte gesichert hat.

Ob das angesichts der Tatsache, dass „Captain Future“ seinen Charme nicht zuletzt aus der zeitlosen Animation bezieht, eine so gute Idee ist, darf man sicherlich hinterfragen. Reizvoller erscheint da eine Rückbesinnung auf die Originalbücher von Edmond Hamilton (verfasste unter anderem 20 Jahre lang Batman- und Superman-Comics für DC), die seit 2012 in neuer Übersetzung und zum Teil als deutsche Erstausgaben im Berliner Glokonda Verlag erscheinen. [LZ]

Captain Future | DVD-Cover Komplettbox

[Abbildungen: © 1978 Toei Animation Co., Ltd. (Stills) | Universum Film (Cover)]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.