Camel Spiders | Filmkritik

20. Juni 2012

Camel Spiders

Seit 1983 produziert Roger Corman unter dem Label von Concorde-New Horizons leicht konsumierbare B- und Exploitation-Ware, und das – ganz dem Titel seiner Autobiographie „How I made a Hundred Movies in Hollywood and never lost a Dime“ gemäß – jederzeit ohne finanzielle Verluste. Als einer der ersten erkannte er VHS als wirksamen Distributionskanal und setzte erfolgreich auf Direct-to-Video-Produktion. Inzwischen sind US-Spartenkanäle als interessante Zwischenstationen für die spätere DVD- und Blu-ray-Auswertung auf den Plan getreten, und Corman nutzt diese Option regelmäßig. „Camel Spiders“ entstand ursprünglich im Auftrag von Syfy und gehört wie „Dinocroc vs. Supergator“ und „Piranhaconda“ zu einer Reihe von sendereigenen Creature-Features, bei denen Corman als Executive Producer fungiert. Auf dem Regiestuhl immer mit dabei: Jim Wynorski.

Die Zusammenarbeit der beiden reicht zurück bis ins Jahr 1986, als Wynorski mit „Chopping Mall“ (derzeit für ein Remake im Gespräch) gerade mal seinen zweiten Spielfilm ablieferte. Seitdem haben sich die Wege der B-Filmer ausgiebig gekreuzt (etwa 1992 mit „Munchie“, 1996 mit „Vampirella“ oder 2001 mit „Raptor“). „Camel Spiders“ ist derzeit ihr aktuellstes gemeinsames Projekt und ganz sicher nicht ihr letztes. Wynorski, der bekannt dafür ist, dass er jederzeit on time und on budget liefert, schrieb auch gleich das Drehbuch und nutzte, wie so oft, eines seiner zahlreichen Pseudonyme (hier Jay Andrews). Für Kenner ein echter Insider-Joke.

Camel Spiders

Die Story ist denkbar einfach und die zahlreichen Logiklöcher zeigen sich offensichtlich genug, um Teil des Konzepts zu sein: Bei einem Feuergefecht im Irak (oder doch Afghanistan?) erleben US-Militärs zu ihrem Erstaunen, wie ihre Gegner (vermutlich Taliban) einem Angriff von überdimensionalen Walzenspinnen zum Opfer fallen. Was für die Amerikaner zunächst wie ein Glücksfall aussieht, erweist sich bald schon als Alptraum, denn als es Richtung Heimat geht, reist eine Handvoll kleinerer Exemplare der angriffslustigen Wüstenbewohner im Körper eines gefallenen Kriegshelden mit. Vor Ort angekommen, werden sie durch einen unglücklichen Zufall freigesetzt, und schon ist die zivilisierte Welt in echter Gefahr. Wie sich die ungebetenen Gäste innerhalb weniger Stunden massenhaft vermehren, meilenweit verteilen und in den unterschiedlichsten Größen auftreten können, bleibt zwar ein Rätsel, doch das Entscheidende ist, dass sie unermüdlich Jagd auf alles machen, was zwei Beine hat.

Im Zentrum einer Reihe von eher episodisch angelegten, teilweise offen bleibenden und sich gegenseitig zu keinem Zeitpunkt kreuzenden Handlungssträngen steht eine disparate Gruppe von Kleinstädtern, die mithilfe eines hochdekorierten Army-Captains und des lokalen Sheriffs innerhalb kürzester Zeit lernt, den Invasoren aus dem mittleren Osten mit gezieltem Schusswaffengebrauch den Garaus zu machen. Die patriarchalische Klischeedichte ist dabei ebenso hoch wie selbstironisch, und die bunte Besetzung, wie bei Wynorski üblich, zusammengetragen aus fast vergessenen Halbstars der 80er (C. Thomas Howell, im Kino derzeit mit einer kleinen Nebenrolle in „The Amazing Spider-Man“ zu sehen), TV-Prominenz der zweiten Garde („Charmed“-Alumnus Brian Krause) und Sternchen aus dem Softcore-Umfeld (Melissa Brasselle). Unübersehbare Anschluss- und Timingfehler gehören zum guten Ton und unterstreichen den durchgängigen Trash-Charakter, ohne den aller Witz verloren gehen würde.

„Camel Spiders“ ist nicht für die Ewigkeit gemacht, und die Dialoge sind nicht Shakespeare, aber darum geht es natürlich auch nicht. Syfy produziert für den schnellen Verzehr, und so liefern Corman und Wynorski bewährtes Fastfood, das zwar keinen hohen Nährwert hat, aber als Snack zwischendurch gut funktioniert. Im Vordergrund stehen CGI-Monster von überschaubarer Qualität (das Budget ist gering), deren Aufgabe es vor allem ist, die Figuren ausgiebig in Bewegung zu halten und gelegentlich für ein übel zugerichtetes Bauernopfer zu sorgen. Wer daran Geschmack findet, wird gut bedient. Einen echten Stilbruch bietet am Ende ein Epilog, der den Rest des Films interessanter Weise qualitativ merklich überragt. [LZ]

P.S.: Unter dem Titel „Popatopolis“ erschien 2009 eine vielgelobte Wynorski-Dokumentation, die den B-Filmer über drei Tage hinweg (und damit die gesamte Drehzeit über) am Set beobachtete, Interviews mit Weggefährten führte (darunter Corman) und auf diese Weise einen ebenso faszinierenden wie urkomischen Einblick in die Arbeit an einer echten Low-Budget-Produktion und die Mentalität der Beteiligten bietet. Bis heute wartet der Film auf einen deutschen Verleih. Ein Interview unsererseits mit Regisseur Clay Westervelt findet sich hier.

OT: Camel Spiders (USA 2011). REGIE: Jim Wynorski (als Jay Andrews). BUCH: Jim Wynorski (als Jay Andrews), J. Brad Wilke. KAMERA: Andrea V. Rossotto. MUSIK: Chuck Cirino. DARSTELLER: Brian Krause, C. Thomas Howell, Melissa Brasselle (als Rocky DeMarco), Diana Terranova, Michael Swan, Kurt Yaeger. LAUFZEIT: 80 Minuten. Deutsche DVD/Blu-ray-Premiere: 5. Juli 2012

Camel Spiders

[Abbildungen: Sunfilm / Tiberius]

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