Bright | Erster Netflix-Blockbuster ist die teuerste Schlaftablette der Welt

06. Januar 2018

Bright

[Lesedauer: ca. 3:30 Minuten]

In einem Anfall von Größenwahn (oder war es Ironie?) ließ Max Landis kürzlich den Rest der Welt wissen, dass „Bright“ das Potential hätte, sein persönliches Pendant zu „Star Wars“ zu werden. Angesichts des Ergebnisses kann man da nur verständnislos mit dem Kopf schütteln – eine Reaktion übrigens, für die der Film auch sonst eine Menge Anlässe bietet. Inzwischen ist der zugehörige Tweet zwar verschwunden, aber das Netz vergisst ja bekanntlich nichts. Was genau sich der Autor von „Chronicle“ (gut) und „Victor Frankenstein“ (weniger gut) dabei gedacht hat, darüber lässt sich nur spekulieren. Viel wichtiger ist allerdings die Frage, wie es nur wenige Tage nach Veröffentlichung bereits zur Beauftragung eines Sequels kommen konnte, und was das für die zukünftige Politik von Netflix bedeuten mag.

„Bright“ ist mit runden 90 Millionen Dollar die bislang teuerste nicht serielle Eigenproduktion des Streaminganbieters und vom Budget her vergleichbar mit Hollywood-Blockbustern aus der Off-Season (also mit allen Großprojekten, die nicht im Hochsommer starten oder mit Lichtschwertern zu tun haben). Die fast zeitgleich angelaufene Neuauflage von „Jumanji“ etwa wird auf dieselbe Summe geschätzt – mit dem entscheidenden Unterschied, dass man der familientauglichen Großwild-Komödie jeden Cent ansieht, wohingegen David Ayers zweiter Ausflug ins Comic- und Fantasy-Genre (nach „Suicide Squad“) nicht wirklich erkennen lässt, wohin all das Geld geflossen sein könnte. Glaubt man den Gerüchten, so fielen zumindest schon einmal 3,5 Millionen für das Drehbuch an, und wenn das stimmt, kann man Landis und seinem Agenten nur gratulieren, denn das Drehbuch ist das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt steht.

Die Story – ein unausgegorener Mix aus Stereotypen – wirkt wie in einer durchzechten Nacht zusammengezimmert und geht wie folgt: Farbiger Cop mit rassistischen Tendenzen in der Stadt der Engel bekommt als Partner den ersten Ork zur Seite gestellt, der je beim LAPD angeheuert hat. Ja, genau, ein Ork (der aussieht, als hätte er eine üble Hautkrankheit). Wir befinden uns nämlich in einer alternativen Gegenwart, in der lästige Feen durch die Luft schwirren, Elfen die Rolle neureicher Hipster übernommen haben und Orks die schwarzen Ghettokids ersetzen (nur mit Metal statt Hip-Hop). Während sich die beiden ungleichen Gesetzeshüter noch zusammenraufen, geraten sie mitten in eine Hetzjagd nach einem magischen Wunscherfüllungsstab, der in den falschen Händen das Ende der Menschheit bedeuten könnte (oder sowas in der Art).

Bright | Will Smith, Joel Edgerton

Was klingt wie ein nicht ganz ernst gemeinter B-Film mit Nicolas Cage (wer erinnert sich noch an „Duell der Magier“?), ist leider eine A-Produktion mit einem erschreckend uninspirierten Will Smith, die zwar jede Menge vermeintlich cooler Sprüche zu bieten hat, sich insgesamt aber erschreckend ernst nimmt. Das ist angesichts der albernen Geschichte mit deutlichen Anleihen bei „Alien Nation“ (Film wie TV-Serie) schwer vorstellbar und trotzdem auf ärgerliche Weise wahr. Hinzu kommt ein eher befremdliches Frauenbild, bei dem weibliche Figuren entweder als nervige Ehepartnerinnen auftreten, als Jungfrauen in Not (eine Elfendame, die beschützt werden muss) oder in Gestalt rückhaltloser Furien (hier Noomi Rapace). Das ist Kino für pubertierende Jungs.

„Die besten aus zwei Welten“ liest man auf einem der zahreichen Plakatmotive, mit denen „Bright“ derzeit in deutschen Großstädten beworben wird. Gemeint sind die beiden Hauptfiguren. Darüber könnte man eine Menge Witze machen, wenn die Angelegenheit nicht so traurig wäre. Ayer, der im Cop-Film gut bewandert ist („Training Day“, „End of Watch“), bringt die besagten zwei Welten einfach nicht schlüssig auf einen Nenner und weiß mit den Fantasy-Elementen offenbar herzlich wenig anzufangen. Die Figurenzeichnung ist so unausgegoren und klischeehaft wie die Mythologie, die sich Landis aus allen möglichen Versatzstücken zurechtgebastelt hat (ein 2000 Jahre alter Krieg zwischen Orks und Menschen hat die schwelende Feindschaft begründet, und irgendwo lauert der ominöse Dunkle Lord, den es aber – soviel kann man vorwegnehmen – nie zu sehen gibt).

Sein Vater John (ja, genau, der John Landis) habe ihn, Max, einmal lautstark darauf hingewiesen, dass man mit Fantasiegeschöpfen machen könne, was man wolle, denn für sie gelten nun einmal keine Gesetze. Da ist eine Menge dran. Allerdings nützt die schöpferische Freiheit wenig, wenn man nicht so recht weiß, wie man sie nutzen soll. Denn weder zu Orks, noch Elfen, noch Feen fällt dem Filius irgendetwas Bemerkenswertes, geschweige denn Außergewöhnliches ein. Orks saufen und prügeln sich, mögen plärrende E-Gitarren und Gutturalgesang. Ach ja, und wenn sie runde anstelle spitzer Zähne haben, werden sie aus der Gemeinschaft verstoßen. Da ist selbst Markus Heitz schon Besseres eingefallen.

Bright | Noomi Rapace

Das wäre alles nicht so schlimm und ließe sich als ein weiterer Fehlgriff eines Major Studios abhaken (und von Will Smith, bei dem man dachte, dass er mit „After Earth“ und seinem Auftritt als Deadshot – ebenfalls unter Ayer – die schlimmsten Gurken seiner Karriere eigentlich bereits abgeliefert hätte), wäre da nicht der Netflix-Faktor im Spiel. Denn „Bright“ ist mehr als eine weitere nicht-serielle Eigenproduktion wie viele andere zuvor auch (darunter die gelungenen Stephen-King-Adaptionen „Gerald’s Game“ und „1922“), nämlich eine politische Entscheidung. Ab sofort erweitert der Streaminganbieter sein Programm um kostspielige Franchise-Vorhaben, deren Attraktivität mit diesem ersten Beispiel vermutlich ausgetestet werden soll.

Betrachtet man seinen „Star Wars“-Tweet vor diesem Hintergrund, hat Landis vielleicht doch nicht ganz so falsch gelegen. Sequels, Prequels und Spin-Offs gehören zum größeren Plan, den man bei Netflix ausheckt. Dass der nächste Teil (allerdings ohne Landis) bereits grünes Licht bekommen hat, wird offiziell mit 11 Millionen Abrufen begründet, die der Film in nur drei Tagen erzielt haben soll. Doch was genau heißt das? Zahlen bekommt man von den großen Streaminganbietern sonst eher nicht zu hören, hier hingegen posaunt man sie bereitwillig heraus. Der Grund mag simple PR-Propaganda sein, denn nachprüfen lassen sich derartige Angaben sowieso nicht. Die Aussage ist schlicht: Unser Plan ist aufgegangen. So kann man auch recht behalten.

Doch selbst 11 Millionen Abrufe haben für den ökonomischen Erfolg praktisch keine Relevanz, denn hier geht es nicht um Kinobesucher oder DVD-Verkäufe. Nicht einmal um kostenpflichtige Downloads, denn wer ein Netflix-Abo hat, schaut „Bright“, ohne dafür einen weiteren Cent zahlen zu müssen. Der eigentliche (unternehmerische) Erfolg liegt ausschließlich in der Menge der Neu-Abonnenten, die des Films wegen ihre Konto- oder Kreditkartendaten herausgerückt haben oder noch herausrücken werden. Dazu wiederum gibt es keine Erkenntnisse, die mit der Öffentlichkeit geteilt werden. 11 Millionen – das sagt also erst einmal gar nichts.

„Bright“ ist ein Testballon, nicht mehr und nicht weniger. Geht das Franchise-Konzept auf, hat Netflix eine neue Tür in die eigene Zukunft aufgestoßen. So weit, so gut. Dass aber ausgerechnet ein Anbieter, der seit den ersten Inhouse-Produktionen für Inhalte abseits ausgetretener Pfade steht, nun für seine Weiterentwicklung auf ein derart risikofreies, konventionelles und unoriginelles Einerlei setzt, ist ganz sicher kein gutes Zeichen. Die Einstellung von weniger erfolgreichen Serien wie „Sense8“ Mitte letzten Jahres ließ vielfach bereits eine Wende zu konventionelleren Inhalten befürchten. Man kann nur hoffen, dass sich der Verdacht langfristig nicht bestätigt. [LZ]

OT: Bright (USA 2017). REGIE: David Ayer. BUCH: Max Landis. MUSIK: David Sardy. KAMERA: Roman Vasyanov. DARSTELLER: Will Smith, Joel Edgerton, Noomi Rapace, Lucy Fry, Edgar Ramírez, Veronica Ngo, Alex Meraz, Happy Anderson, Jay Hernandez, Ike Barinholtz, Dawn Olivieri, Margaret Cho. LAUFZEIT: 117 Min.

Bright

[Abbildungen © 2017 Netflix (Stills: Matt Kennedy)]

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