Bridge of Spies | Filmkritik: Theater und Trickserei

16. Oktober 2015

Bridge of Spies | Filmkritik

Es mag sich nicht so ganz ausmachen lassen, wann genau Steven Spielbergs Filme ihren Ereignischarakter verloren haben. Tatsache ist jedenfalls, dass der einstige Miterfinder des Blockbusterkinos für genau dieses mittlerweile nur noch als Produzent Relevanz hat (etwa durch die „Transformers“-Reihe), als Regisseur hingegen völlig außen vor bleibt. Aber halt, das ist keine schlechte, sondern eine gute Nachricht. Denn statt darum bemüht sein zu müssen, den aktuellen Trends am Box-Office möglichst effizient zu entsprechen (und dabei künstlerisch auf der Strecke zu bleiben), erlaubt sich Spielberg mittlerweile den Luxus, Filme zu machen, die in ihrem Kern vor allem eines sind: zeitlos.

Der Umstand, dass er sich in den letzten Jahren ausschließlich historischen Stoffen zugewandt hat („Lincoln“, „War Horse“), verstärkt diesen Eindruck nur noch. „Bridge of Spies“ bildet da keine Ausnahme. Im Umfeld von Kaltem Krieg, Atomkriegsparanoia und Mauerbau erzählt der Film die reale Geschichte des Versicherungsanwalts Jim Donovan, der erst mehr oder weniger ungewollt zum offiziellen Verteidiger eines russischen Spions namens Rudolf Abel (Mark Rylance, „Intimacy“) berufen und dann als inoffizieller Unterhändler nach Ostberlin geschickt wird, wo er die Freigabe eines US-Piloten erwirken soll. Eigentlich kaum zu glauben, aber wahr.

Dass Tom Hanks diesen Anwalt spielt, der später von Kennedy in die Folgen der Schweinebuchtkrise eingebunden wurde, wo er noch unvorstellbare Heldentaten beging, gibt den Ton des Films vor, dem die Coen-Brüder ihren willkommenen komödiantischen Schliff verliehen haben. Denn „Bridge of Spies“ erweist sich entgegen Marketing und Vermutung weniger als Spionagethriller, sondern vielmehr als eine Art Schelmenstück vor ernstem Hintergrund. Donovan ist der klassische Fall des aufrechten Durschnittsamerikaners, der Großes leistet, wenn es sein muss, und dabei jede Menge Gewitzheit beweist. Nie war Spielberg näher an Capra.

Es wird eine Menge gelogen, getrickst und einander vorgespielt. Das versteht sich von selbst, denn wo Spione und Anwälte zugange sind, ist naturgemäß nichts so wie es scheint. Das hat „Bridge of Spies“ mit „Catch me if you can“ gemein, nur dass hier jeder weiß, wenn er angelogen wird, denn das gehört zum Spiel dazu. Die Verteidigung Abels etwa? Reines Theater für eine Weltöffentlichkeit, die sehen soll, wie demokratisch Amerika sogar mit seinen Staatsfeinden verfährt (was erst zum Problem wird, als Donovan seinen Job tatsächlich ernst nimmt). Ein Besuch in der russischen Botschaft erweist sich als offensichtliche Schmierenkomödie. Und wenn man von ostdeutschen Jugendlichen auf der Straße in ein Gespräch verwickelt wird, dann garantiert nur, um gleich beklaut zu werden.

Bridge of Spies

Bridge of Spies

Mit traumhafter Sicherheit und angemessenem Tempo ist sie erzählt, diese märchenhaft anmutende Episode amerikanischer Innen- und Außenpolitik, in der die zahlreichen Dialoge der Figuren aufregender sind als der (nichtsdestotrotz) beeindruckend inszenierte Absturz eines Flugzeugs. Mochte der große Redeanteil in „Lincoln“ ob seiner Ernsthaftigkeit und Gedankentiefe bisweilen anstrengen, sind die pointierten Zeilen der wörtlichen Rede hier ein einziges Vergnügen. Klugerweise lässt Spielberg seinen Schauspielern den nötigen Raum, ihr eigenes Timing atmen zu lassen, und der Effekt ist insbesondere im ersten Teil enorm. Auf der einen Seite steht da Hanks, der eine Menge Text bekommt und nicht zuletzt aus seiner Erfahrung als Komödiant schöpft; auf der anderen Rylance, der seinen wenigen Worten mit ausgedehnten Pausen ein unerwartetes Gewicht verleiht, das lange nachhält.

Wie gut Spielberg aber auch in der wortlosen Inszenierung immer noch ist, zeigen die ersten rund zehn Minuten, die ins Curriculum jeder Filmhochschule gehören. Hier gibt es zudem die einzige Gelegenheit, Figuren laufen zu sehen (panische Bundespolizisten). Den Rest des Films über wird gesessen, gestanden, wiederholt mit der Straßenbahn gefahren oder maximal stramm spaziert (der Kälte wegen), unruhestiftendes Umherrennen hingegen hat hier nichts verloren. Nur einmal jagt ein Wagen durch die Straßen Berlins und wird dafür sofort mit einer Polizeikontrolle bestraft. Auf wilde Schwenks oder hektische Schnitte wartet man vergebens. Einzig Spielbergs berühmte Zoomfahrten bleiben nicht aus, sind in der Geschwindigkeit aber so stark gedrosselt, dass sie fast nicht auffallen. Sein Tempo erhält der Film einzig durch den Schnitt (wie gewohnt: Michael Kahn), der nie Zeit schindet und dafür sorgt, dass stolze 142 Minuten vergehen wie im Flug.

Es scheint, als sei Spielberg, der sich in seinem Schaffen auf die eine oder andere Weise immer wieder mit den dunkleren Kapiteln des 20. Jahrhunderts beschäftigt und dabei zwischen überdrehter Albernheit („1941“) und todernster Tragik („Schindlers Liste“) alle erdenklichen Ansätze durchexerzeirt hat, hier erstmals eine echte Balance aus gleichermaßen großer Leichtigkeit und großem Respekt gelungen. Dass ausgerechnet der Begriff des Kalten Krieges selber, und zwar in seiner englischen Mehrdeutigkeit, als Vorlage für einen cleveren Running Gag dient, ist dafür vielleicht der beste Beleg. [LZ]

OT: Bridge of Spies (USA/DE 2015). REGIE: Steven Spielberg. BUCH: Matt Charman, Ethan Coen, Joel Coen. MUSIK: Thomas Newman. KAMERA: Janusz Kaminski. DARSTELLER: Tom Hanks, Mark Rylance, Scott Shepherd, Austin Stowell, Mikhail Gorevoy, Sebastian Koch, Amy Ryan, Dakin Matthews, Michael Gaston, Alan Alda, Will Rogers, Burghart Klaußner. LAUFZEIT: 142 Min.

Bridge of Spies

[Abbildungen © 2015 Twentieth Century Fox]

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