Boyhood | Von der Schönheit des ganz normalen Lebens

03. Juli 2014

Boyhood

Würden Sie die Zeit ihrer Kindheit bis zum Beginn des Studiums als Film sehen wollen? Und nein, nicht die dramatischen Ereignisse, ganz im Gegenteil. Im Fokus stehen gerade die leisen Stunden, etwa wenn man sich in seinem Zimmer gelangweilt hat, oder die banalen Streitereien mit der Mutter, weil man zu lange draußen war, und die lauwarmen Sommerabende mit Freunden, in denen man nichts getan, sondern sich einfach nur lebendig gefühlt hat. Kurz, es geht um die feinen Momente, die das Leben und uns ausmachen, aber doch so schnell vergessen werden. Richard Linklater, der Meister der stillen und deswegen bewegenden Bilder, hat mit „Boyhood“ nun den Beweis dafür geliefert, dass das Leben an sich mit seiner alltäglichen Schönheit der beste Film von allen ist.

Zwischen 1995 bis 2013 erzählte der von Ozu und Bresson faszinierte Filmemacher mit „Before Sunrise” und seinen beiden Nachfolgern im Abstand von jeweils neun Jahren drei Kapitel einer Liebesgeschichte und bewies damit, wie spannend es sein kann, die natürliche Entwicklung von Menschen mitzuerleben – und ihnen (wie bei Eric Rohmer) manchmal einfach nur beim Reden zuzuschauen.

Nebenher arbeitete Linklater mit „Boyhood“ noch an einem weiteren Langzeitprojekt: Von 2002 bis 2014 versammelte er Jahr für Jahr jeweils für ein paar Tage immer denselben Cast vor der Kamera, um das Leben eines Jungen in Texas vom Anfang der Schulzeit bis zum Wechsel ans College zu begleiten. Dank dieses einzigartigen Erzählkonzepts werden wir nun Zeuge, wie aus kleinen Kindern erst unbeholfene Jugendliche und dann junge Erwachsene werden, die zunehmend mehr darüber erfahren, wo und vor allem wofür sie stehen.

Boyhood

Es beginnt alles mit einem Umzug. Der sechsjährige Mason zieht mit seiner zwei Jahre älteren Schwester Samantha nach Houston (zugleich die Heimatstadt des Filmemachers), damit seine alleinerziehende Mutter Olivia (Patricia Arquette) noch einmal aufs College gehen kann. Neue Schule, neue Freunde, neues Leben: Sehr viel für einen sensiblen Jungen, der schon mal Steine im Anspitzer der Lehrerin schleifen will und ihn so kaputt macht.

Durch den Umzug kann sich sein Vater, der Lebenskünstler Mason Sr. (Linklaters Stammschauspieler Ethan Hawke), wieder mehr um seinen Nachwuchs kümmern. Er holt die Geschwister am Wochenende ab, geht mit ihnen bowlen und versucht sich in Konversation. Natürlich geht das schief, denn auf „Wie war deine Woche?“ kommt von Kindern nun mal nur ein „Ganz ok“. Über die folgenden Jahre hinweg wird der Zuschauer Zeuge von Masons Kindheit und Teenagerzeit: Wir sehen glücklose Ehen der Mutter, das Leben in einer Patchwork-Familie, Umzüge, neue Freunde, das erste Bier, der erste Joint, die erste Liebe und das Gefühl beim Eintritt ins College, dass einen nichts mehr stoppen kann.

Insgesamt sind nicht mehr als 39 Drehtage zusammen gekommen, doch die waren auf 12 Jahre verteilt. Nichts desto trotz merkt man „Boyhood“ seine großen zeitlichen Sprünge nicht an: Keine harten Schnitte, keine plötzlichen Dramatisierungen. Stattdessen ein Fluss aus Ereignissen, die nicht starr einem Jahreswechsel folgen, sondern einfach in sich geschlossen sind. Alles ist aus einem Guss. Subtile äußerliche Begebenheiten des Zeitgeschehens (zunächst findet man noch Britney Spears toll, später dann Lady Gaga) schaffen dem Zuschauer eine Orientierung darüber, in welchem Jahr sich die Geschichte gerade abspielt. Das ist aber eigentlich gar nicht sonderlich wichtig.

Ganz unaufgeregt erzählt „Boyhood“ vom Erwachsenwerden in Amerika. Natürlich gibt es einzelne Zuspitzungen, etwa als sich Olivias zweiter Ehemann als prügelnder Alkoholiker entpuppt und sie Hals über Kopf mit den Kindern die Flucht antreten muss. Doch unschöne Begebenheiten wie diese gehören nun einmal zum Leben und dürfen deshalb nicht ausgespart werden. Alles andere wäre unaufrichtig. Linklater hält die dramatischen Momente allerdings in der Minderheit. Stattdessen bekommen wir im Wesentlichen ganz alltägliche Ereignisse aus dem Leben eines normalen Heranwachsenden zu sehen.

Das ist vollkommen ungewohnt, denn die herkömmliche Erwartungshaltung setzt in aller Regel weitere dramatische Schicksalsschläge voraus, doch genau das würde diesem Film seine Glaubwürdigkeit rauben. Das Leben ist in den wenigsten Fällen eine Anreihung von Tragödien und Konflikten, wie es uns langlebige Soaps glauben machen wollen, sondern vielmehr ein Fluss aus schönen und weniger schönen Momenten mit Freunden und Familie, Streit unter Geschwistern und ganz banalen Gesprächen mit den Eltern – zum Beispiel über den Abwasch.

Boyhood

„Boyhood“ hat als Experiment begonnen, dessen Gelingen wohl keiner der Beteiligten voraussehen konnte. Das beginnt schon mit der Besetzung der beiden Hauptrollen, denn wie sich ein Kinderdarsteller entwickelt, ob er das Charisma aus seiner Pausbackenzeit mitnehmen kann, das weiß niemand. Doch im Nachhinein erwies sich die Wahl in beiden Fällen als goldrichtig: Linklaters Tochter Lorelei gibt ganz herrlich die leicht blasierte Göre. Und Masons Entwicklung vom verträumten Jungen zum nachdenklichen Melancholiker wird von Ellar Coltrane mit solch großer Natürlichkeit gespielt, dass man sich ein wenig in ihn verliebt und ihn ab sofort nur noch mit Mason ansprechen will.

Richard Linklater beweist hier einmal mehr seine Sonderstellung als Autor und Regisseur: Sein Film ist reine Fiktion und doch so authentisch, dass man sich fühlt, als hätte man die ganzen zwölf Jahre lang persönlich auf Mason aufgepasst (nicht von ungefähr drängt sich der Vergleich mit Truffauts Antoine-Doinel-Zyklus auf). Mühelos gelingt es, gleichzeitig die Schönheit und die Tragik des Lebens zu zeigen, ohne ins Melodram abzustürzen. „Boyhood“ ist ein so ehrlicher, erfrischender Film, dass man sich nach dem Abspann fühlt, als hätte man gute Freunde verlassen und müsse darüber erst einmal trauern.

Eine absolute Empfehlung und eine Aufforderung, alles stehen und liegen zu lassen, um sich auf den Weg ins Kino zu machen. [Laila Oudray]

OT: Boyhood (USA 2014) REGIE: Richard Linklater. BUCH: Richard Linklater. KAMERA: Lee Daniel, Shane F. Kelly. DARSTELLER: Ellar Coltrane, Lorelei Linklater, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Elijah Smith, Steven Chester Prince, Bonnie Cross, Libby Villari. LAUFZEIT: 166 Min.

Boyhood

[Abbildungen: Universal Pictures International]

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