Die Verführbarkeit der Bourgeoisie: Ist Alex van Warmerdams Borgman eine Teorema-Variation?

13. Februar 2015

Dass Pier Paolo Pasolini auch nach fast vier Jahrzehnten offenbar immer noch nicht frei von Kontroversen wahrgenommen werden kann, belegt etwa die Tatsache, dass sein berüchtigtes Antifa-Zeugnis „Saló oder Die 120 Tage von Sodom“ in Deutschland weiterhin nur mit massiven Kürzungen erhältlich ist (die 2014 von Eurovideo veröffentlichte Fassung verzichtet auf sage und schreibe 17 Minuten). Dass sein künstlerisches Schaffen dabei gerade erst umfangreich mit einer Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau gewürdigt wurde, muss die Haltung der hiesigen Zensurbehörden umso anachronistischer erscheinen lassen.

Andererseits sind es genau diese Widersprüche, die den allzeit streitbaren Schriftsteller / Filmemacher / Publizisten von jeher begleitet haben und vielleicht auch nicht unwesentlich dazu beitragen, dass er ein Thema bleibt und nicht – wie viele seiner Zeitgenossen der politischen Linken – unter dem Deckmantel historischer Überholtheit begraben wird. Die Annäherung kann dabei durchaus sehr unterschiedliche Blüten tragen. Gerade erst versuchte sich Abel Ferrara mit einem schlicht „Pasolini“ betitelten Biopic zwischen Tabloid und Autorenfilm an einer Rekonstruktion der Künstlerpersönlichkeit vor dem Hintergrund ihres gewaltsamen Todes.

Eine ganz andere, wesentlich subtilere und vermutlich nur sehr eingeschränkt bewusste Auseinandersetzung mit Pasolinis Schaffen könnte ausgerechnet Alex van Warmerdams (letztjähriger) Oscar-Anwärter „Borgman“ bieten, in dem eine gut bürgerliche Familie unter Einfluss eines übernatürlich anmutenden Fremden innerhalb weniger Tage vollständig kollabiert und auseinanderbricht. Und ja, in dieser Kürze zusammengefasst, sind die Parallelen zu „Teorema“ tatsächlich mehr als naheliegend.

Jacques Mandelbaum wies in seinem Cannes-Review für „Le Monde“ frühzeitig auf die gemeinsame Grundidee hin. Pasolini hatte sich 1968 erstmals bourgeoisen Figuren zugewendet und war damit einen Schritt gegangen, den er als erklärter Verächter des Kleinbürgertums bis dato für unerträglich gehalten hatte. „Teorema“ war ein direkter Angriff in Gestalt einer (gesteuerten) Versuchsanordnung, gerichtet auf eine als seelenlos begriffene, gänzlich formelhafte Gesellschaftsstruktur aus Ritualen und fixen Handlungsmustern.

Teorema

Im Film (wie im begleitenden, deutlich radikaleren Roman) gerät das geregelte Leben einer bürgerlichen Familie dank eines charismatischen Fremden aus den Fugen, der es sich unter dem gemeinsamen Dach bequem macht, Rimbaud liest und jedes einzelne Mitglied sexuell becirct. Als er von heute auf morgen abreist, ist nichts mehr wie zuvor. Eine Rückkehr zum bislang sicheren bourgeoisen Alltag hat sich als Option überholt. Orientierungslos verfallen Eltern und Kinder auf unterschiedliche Weise dem Wahnsinn in Form von Nymphomanie, religiöser Verzückung, abstrakter Kunst und eremitischer Flucht in die Wüste.

Für Pasolini sind das unvermeidliche Folgen bürgerlicher Zwangsstrukturen. In erster Linie ist „Teorema“ deshalb als eine Art negative Erweckungsfantasie zu verstehen, die gerade nicht in Befreiung mündet, sondern Verstörung und Weltflucht mit sich bringt. Eine derart programmatische Botschaft darf man „Borgman“ wohl eher nicht unterstellen. Denn wo Pasolini mit den Mitteln der dystopischen (und zugleich magischen) Gesellschaftsparabel operiert, richtet van Warmerdam seinen Einbruch in den bourgeoisen Alltag an den Regeln des Genrekinos aus.

Während „Teorema“ eine Art sexualisierte Christusfigur konzipiert, pendelt „Borgman“ irgendwo zwischen Folklore (etwa dem Rattenfänger von Hameln) und popkultureller Dämonologie. Hinter dem Hausbesuch der Titelfigur steckt zwar eine ähnliche Motivation, nämlich die funktionierende Struktur der bürgerlichen Familie zu zerstören, wohl aber ein anderes Ziel – das heißt, sofern man für Pasolinis charismatischen Verführer überhaupt von beidem sprechen kann. Einigkeit besteht aber in jedem Fall darüber, dass das bourgeoise Korsett dem Eingriff von außen nicht standhält.

Borgman

Die Gestalt des Borgman beschränkt ihre sexuelle Anziehungskraft auf die Ehefrau und wendet für die anderen Familienmitglieder je eigene Umgangsstrategien an. Rasch offenbart sie sich (dem Zuschauer) als eine Art Incubus, der den Albträumen eine seinen Plänen dienliche Ausrichtung verschafft. Aber auch sonst scheint er das Denken und Empfinden der einzelnen Figuren kontrollieren zu können.

Überhaupt liegt hier ein entscheidender Unterschied: Wo Pasolinis Verführer festgefahrenes Denken durch überbordende (sexuelle) Emotionen außer Kraft setzt und dadurch (wenn auch ins Chaos hinein) befreit, übt sich Borgman in handfester Manipulation, die zunehmend ein ganzes Team an Gefolgsleuten zum Einsatz bringt und den Opfern – im Gegensatz zu „Teorema“ – ein konkretes Wollen suggeriert und sie damit erneut (fremdbestimmt) bindet.

Der durchaus satirisch zu lesende Ansatz von „Borgman“ zieht aus der Fragilität bürgerlicher Strukturen die Konsequenz, dass die Zerstörung scheinbar sicherer Verhältnisse den idealen Boden für neue Formen der Kontrollierbarkeit bietet. Je mehr das bourgeoise Fundament bröckelt, desto größer wird Borgmans Einfluss. Am Schluss wird er seine ursprüngliche Intention verlustfrei umgesetzt haben.

Betrachtet man beide Filme in der Zusammenschau, so leuchten ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede vor allem hinsichtlich dessen auf, was ihr jeweiliger Verführer eigentlich will und erreicht. In beiden Fällen könnte er durchaus als luziferische Gestalt gelesen werden, die ganz ihrem Namen entsprechend zum Lichtbringer in der Dunkelheit bürgerlicher Abhängigkeit gerät – mal, um zu befreien und orientierungslos zurückzulassen, mal um zu unterdrücken und in den Dienst der eigenen Motive zu stellen. In jedem Fall zweifelsfrei teuflisch. Denn mit welchem Ergebnis die Betroffenen besser dastehen, lässt sich wohl kaum entscheiden. [LZ]

Teorema

Borgman

[Abbildungen: © 2014 Pandastorm Pictures GmbH (Borgman) | Screencaptures (Teorema)]

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