Borgman | Filmkritik

08. Februar 2015

Borgman

Eine beliebte Spielart des Psychothrillers findet sich im Subgenre des Home-Invasion-Films, das seinen besonderen Reiz daraus zieht, dass die eigenen vier Wände, die Keimzelle unserer Privatsphäre, ganz unvermittelt zum Ort des Schreckens avancieren. Das gewaltsame Eindringen von außen straft die unterstellte Sicherheit Lügen und wirft die Figuren, aber auch den Zuschauer auf echte Urängste zurück. Dargeboten wird ein solches Szenario auch im jüngsten Werk des Regie-Exzentrikers Alex van Warmerdam. Wer mit dem bisherigen Schaffen des Niederländers vertraut ist (etwa „Grimm“), weiß allerdings schon vorab, dass man hier weitaus mehr erwarten sollte als einen formelhaften Reißer, der lediglich die üblichen Zutaten mehr oder weniger originell vermengt.

Stattdessen wirft der eigenwillige Filmemacher den Betrachter in eine mysteriöse Geschichte hinein, die zunehmend surreale Ausmaße erreicht. Zu Beginn werden wir Zeuge, wie der Titelgeber – scheinbar ein zerzauster Landstreicher – das Erdloch, in dem er haust (sic!) schlagartig verlassen muss, um drei bewaffneten Männern, darunter ein Priester, zu entkommen, die nichts Gutes mit ihm vorhaben. Gerade rechtzeitig noch kann er seine ebenfalls unter dem Waldboden lebenden Kumpane warnen, die offenbar auch in Gefahr schweben.

Seine Flucht führt ihn in eine schmucke Vorstadtsiedlung, in der die gut situierten van Schendels wohnen. Familienvater Richard schlägt Borgmans Bitte um ein Bad allerdings entrüstet aus und prügelt auf den Obdachlosen ein, als dieser behauptet, seine Frau zu kennen. Diese wiederum zeigt sich ensetzt über den Ausbruch ihres Mannes und gewährt dem hilfsbedürftigen Fremden kurz darauf heimlich Unterschlupf in ihrem Gartenhaus. Ein fataler Fehler, denn mit dem Einzug des Landstreichers zerbröselt sehr bald die vermeintlich heile Familienwelt.

Borgman

Eine erste Abwandlung von gängigen Mustern besteht schon darin, dass der Eindringling nicht aggressiv-brutal zu Werke geht, sondern einen abgründigen Charme an den Tag legt, um sich im Haus der Familie einzunisten. Die Ehefrau jedenfalls scheint, selbst wenn sie zwischenzeitlich anderes behauptet, nicht wirklich an seinem baldigen Verschwinden interessiert zu sein. Dem charismatischen Gast werden Tür und Tor geöffnet, sodass er sein Spiel gemächlich, aber effizient betreiben kann. Was genau er im Schilde führt, lässt sich zunächst nicht sagen. Sicher ist nur, dass er das Gleichgewicht der Familie nachhaltig ins Wanken bringt und dabei einiges nicht mit rechten Dingen zugehen kann.

Urplötzlich erscheinen zwei abgemagerte Hunde auf der Bildfläche, streifen durch die Villa und gehorchen dem Landstreicher aufs Wort. Die Kinder wundern sich nur kurz über den unbekannten Mann, lassen sich dann mit unheimlichen Geschichten verführen und weisen wenig später seltsame Krankheitssymptome auf. Richard, dem Borgmans Anwesenheit verborgen bleibt, hat auf einmal mit beruflichen Problemen zu kämpfen. Und die Frau des Hauses kann sich dem Einfluss des neuen Bewohners selbst im Schlaf nicht entziehen. Immer wieder hockt er des Nachts auf ihrem Körper und scheint, Füsslis Nachtmahr gleich, ihre Alpträume zu kontrollieren. Wiederholt tauchen vor ihrem inneren Auge Szenen auf, in denen Richard sie attackiert, was das Vertrauen in ihren Mann weiter schwinden lässt.

Borgman

Wenngleich der Film immer wieder mit Thriller-Mitteln operiert, funktioniert er doch vor allem als bitterböse Dekonstruktion einer westlichen Wohlstandsfamilie, hinter deren Fassade sich gewaltige Abgründe auftun. Schon das Designerhaus der van Schendels wirkt mit seinen rechteckigen Formen und seinen klaren Linien beinahe gewaltsam in die Natur geworfen und strahlt bei näherem Hinsehen keinerlei Behaglichkeit aus. Kalt und abweisend mutet das Setting an und spiegelt damit seine Bewohner wider, die nach Borgmans Erscheinen mit ihren archaischen, dunklen Seiten konfrontiert werden. Richard etwa entpuppt sich als übler Rassist, der für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, nichts übrig hat. Und auch seine Frau lässt sich von einem Überlegenheitsdenken leiten, das vor allem im Umgang mit ihrem dänischen Kindermädchen zum Ausdruck kommt.

Dass der fremde Eindringling all die schlechten Eigenschaften und unterdrückten Aggressionen zum Vorschein bringt, unterstreicht van Warmerdam bisweilen durch symbolträchtige Bilder voller ironischer Plakativität. Nicht umsonst etwa graben Borgman und seine merkwürdigen Gefährten irgendwann als Gärtner das Grundstück der Familie um, ohne dass so ganz erkennbar wird, welches Ziel sie damit eigentlich verfolgen. Das hat Methode, denn an die Stelle nervenzerrender Spannung setzt der Film ein diffuses Angstgefühl und pechschwarzen Humor, der dem Plot eine gehörige Dosis Unberechenbarkeit verleiht. Am Ende bleibt der Zuschauer ratlos zurück und wird nicht umhinkommen, die eigene Erwartungshaltung vor dem Hintergrund des gerade Gesehenen gründlich neu zu justieren. [Christopher Diekhaus]

OT: Borgman (NL/BE/DK 2013) REGIE: Alex van Warmerdam BUCH: Alex van Warmerdam. MUSIK: Vincent van Warmerdam. KAMERA: Tom Erisman. DARSTELLER: Jan Bijvoet, Hadewych Minis, Jeroen Perceval, Alex van Warmerdam, Tom Dewispelaere, Sara Hjort Ditlevsen, Annet Malherbe, Eva van de Wijdeven, Pieter-Bas de Waard, Gene Bervoets. LAUFZEIT: 109 Min (DVD), 113 Min (Blu-ray). VÖ: 17.02.2015.

Borgman

[Abbildungen © 2014 Pandastorm Pictures GmbH]

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