BLICK IN DEN ABRGRUND: Profiler im Angesicht des Bösen | Eine Dokumentation

12. Februar 2014

Blick in den Abgrund

Wer ehrlich zu sich selber ist, wird eine gewisse morbide Faszination für Mord und Totschlag nicht verleugnen können. Zum Beleg reicht ein Blick auf den gegenwärtigen TV-Markt. Der aktuelle Hype um Serien wie „Hannibal“ und „Bates Motel“ oder der langjährige Erfolg des „C.S.I.“-Franchise sprechen für sich. Serienkiller erfreuen sich in den erzählenden Medien anhaltender Beliebtheit. Auf der anderen Seite haben spezielle Ermittlerfiguren – Profiler wie Will Graham oder Gil Grissom – eine ganz eigene Form von Popularität erlangt. Deren realen Vorbildern hat die Österreicherin Barbara Eder ihren Dokumentarfilm „Blick in den Abgrund“ gewidmet.

Nicht zuletzt war es auch die Faszination am Bösen, von der die Filmemacherin umhergetrieben wurde. „Mich interessieren extreme Auswüchse“, erzählt sie uns im Interview. Mit Voyeurismus hat ihr Ansatz jedoch nichts zu tun. Stattdessen nimmt sie den Zuschauer mit auf eine überraschend zurückhaltende Erkundungstour durch den Alltag der Ermittler und ihr Seelenleben. Wer sind die Menschen, die sich mit den Abgründe der Psyche befassen, was spornt sie an, welche Spuren hinterlässt der Beruf?

Der Film zeigt Profiler aus vier verschiedenen Ländern und drei verschiedenen Kontinenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jeder von ihnen befindet sich an einem anderen Punkt seiner Karriere und gibt durch seine Arbeit und sein Leben auf ganz eigene Weise Auskunft. „Ich hatte das Gefühl, dass jeder von ihnen mir eine andere Frage zu diesem Thema beantworten konnte“, beschreibt es Eder.

Die Fragen sind vielfältig und liegen doch zugleich auf der Hand: Was bewegt einen dazu, so einem Beruf nachzugehen? Kann man von der Arbeit überhaupt abschalten? Woher stammt das Böse und wie schafft man es, nicht den Glauben an die Menschheit zu verlieren, wenn man tagtäglich mit menschlicher Grausamkeit konfrontiert wird?

Wie werden Zeuge, wie die forensische Psychologin Helinä Häkkänen-Nyholm selbst im Urlaub nicht von den Gedanken an ihrem aktuellen Fall losgelassen wird und sie an ihrem Job (ver)zweifelt. Mittlerweile habe sie gekündigt, verrät Barbara Eder später, und die Dreharbeiten hätten ihren Teil dazu beigetragen.

Wir begleiten Gérard Labuschagne in den Gerichtssaal, wo sein Gutachten das Urteil über ein Paar beeinflussen kann, das einen Mann ermordet und gehäutet hat. Wir hören zu, wie er scheinbar völlig sachlich über die grausamsten Verbrechen spricht, ohne dass auszumachen wäre, was sie mit ihm selber anstellen. Aber auch ihn lassen die Fälle nach Feierabend nicht los.

Wir erleben, wie Helen Morrison auf der Suche nach dem „Killer-Gen“ keine Mühen scheut und wie die ehemaligen FBI-Ermittler Roger Depue und Robert Hazelwood (die Thomas Harris bei seinen Recherchen zu „Das Schweigen der Lämmer“ intensiv befragt hat) auf ihr Lebenswerk zurückschauen und immer noch auf selbständiger Basis Aufträge übernehmen.

Blick in den Abgrund

Deutlich wird: Profiler wie Täter sind keine eigene Spezies – ganz im Gegenteil. Gérard Labuschagne bringt es auf den Punkt: „Die Serienmörder sind die meiste Zeit ihres Lebens ganz normale Menschen mit einem ganz normalen Alltag“. Umso erschreckender wirken die Ausführungen einzelner Taten. Nicht zuletzt bei der Filmemacherin selber hat das Spuren hinterlassen: „Ein Serientäter hat erzählt, dass er sein Opfer am Klang der Highheels ausgemacht hat. Dann hat er es mir vorgetaktet: Klick Klack, Klick Klack.“ Seitdem könne sie selber in diesem Tempo nicht mehr laufen. „Ich muss dann entweder schneller oder langsamer gehen, als er mir das erzählt hat.“ Aber auch generell hätten sich Ängste manifestiert. „Ich bin sensibilisiert und viel vorsichtiger, vor allem nachts und wenn ich allein unterwegs bin.“

Während der Dreharbeiten habe sie eine Menge zu Gesicht bekommen, das sie dem Zuschauer aber weitestgehend erspart. „Man sieht Dinge, die nachwirken, das muss man schon sagen.“ Doch der Film ist nicht nur düster, sondern teilweise auch erstaunlich leicht und humorvoll. Dankbar nimmt Eder etwa Späße der Söhne von Ermittlerin Helen Morrison mit in die Geschichte auf und bietet damit eine seltsame Form der Unbeschwingtheit im Angesicht des Grauens. Hier zeigt sich, dass es auch einen Alltag neben dem Job mit Momenten des Glücks gibt. Auch wenn sie vielleicht seltener sind.

Insgesamt gelingt es dem Film, die verschiedene Facetten der einzelnen Persönlichkeiten herauszuarbeiten, ohne dabei unnötig Grenzen zu überschreiten. Für Fans einschlägiger Profilerserien ist „Blick in den Abgrund“ ein interessanter Perspektivwechsel, der sich mit der üblichen Zurschaustellung von Gewalt zurückhält und dadurch umso wirkungsvoller gerät. Eine kleine Warnung zum Schluss: Wer sich nach dem Film dabei erwischt, wie er die Haustür besonders sorgsam abschließt, könnte schon die erste Neurose mitgenommen haben. [Laila Oudray]

P.S.: Barbara Eder selbst hat sich von den grausamen Eindrücken während der Dreharbeiten nicht abhalten lassen, einen weiteren Film über ein sehr komplexes und schwieriges Thema anzugehen. Wie sie uns im Interview verraten hat, handelt ihr kommender Spielfilm „Thank you for Bombing“ von Kriegsjournalisten in Afghanistan. Wir sind gespannt.

OT: Blick in den Abgrund (DE/AT 2014) REGIE, BUCH: Barbara Eder. KAMERA: Hajo Schomerus. DARSTELLER: Roger L. Depue, Helinä Häkkänen-Nyholm, Stephan Harbort, Robert R. Hazelwood, Gérard N. Labuschagne, Helen Morrison. LAUFZEIT: 90 Min.

Blick in den Abgrund

[Abbildungen: RealFictionFilme]

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